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Ein Feuergefecht im nordirakischen Mossul: eine Polizeistreife hat in einem umkämpften Stadtviertel drogenschmuggelnde IS-Mitglieder gestellt, doch deren zahlreiche Verbündete versuchen den kleinen Laden zu stürmen. Der 21jährige Kawa (Adam Bessa), erst seit  kurzem bei der Polizei, und sein älterer Kollege wehren sich tapfer gegen die mit MPs und Handgranaten angreifenden Salafisten, Kawas Onkel liegt schon tot am Boden neben den Gefangenen, die ihren Verbündeten draußen Lageberichte zurufen - eine aussichtslose Lage. Doch plötzlich werden die Schüsse von draußen weniger, da eine andere Truppe erfolgreich interveniert hat: Das Ninive SWAT Team, hier mit einem halben Dutzend schwerbewaffneter Männer unter der Führung des charismatischen Hauptmanns Jassem (Suhail Dabbach) ist gerade noch rechtzeitig gekommen. Die beiden Polizisten, soeben dem sicheren Tod entronnen, müssen sich allerdings erst überprüfen lasssen, denn viele ihrer Kollegen arbeiten mit dem IS zusammen. Während sein Kollege allein in ein sicheres Stadtviertel zurückfahren darf, wird Kawa gleich an Ort und Stelle von Jassem angeheuert - nach kurzer Überlegung stimmt der junge Mann zu, erhält Weste und Baseball-Cap und fährt ab sofort mit dem SWAT Team in ihren Humvees durch die Straßen der Zweieinhalb-Millionen-Einwohner-Stadt, wo hinter jeder Ecke, jedem Fenster und jedem Mauerloch der Tod in Form eines IS-Kämpfers lauert...

Mit seinem Erstlingswerk Mosul beleuchtet Regisseur Matthew Michael Carnahan einen bisher kaum bekannten Aspekt des Krieges gegen den Terror, nämlich die Existenz und das Wirken einer kleinen Spezialeinheit bei der Befreiung der namensgebenden Metropole: Die war im Sommer 2014 vom IS eingenommen und erst 3 Jahre später von irakischen, kurdischen und weiteren Koalitionsstreitkräften wieder befreit worden. Das Ninive SWAT Team, das im Film ein wenig wie eine eingeschworene Söldnertruppe auftritt (was sie aber gar nicht ist) besteht dabei aus ehemaligen irakischen Polizisten, die einer bestimmten Aufgabe zugeteilt waren, dann jedoch von einer zweifelhaften Autorität abgezogen und weitab von der Front ins Hinterland kommandiert wurden - ein Befehl, dem sie sich widersetzten, um fortan als Quasi-Deserteure weiter ihren ursprünglichen Auftrag auszuführen. Dank erfolgreicher Einsätze gegen den IS umgibt das SWAT Team so etwas wie ein Mythos, was ihm das Überleben in dem von Krieg und Korruption zerrütteten Land ermöglicht. Mit geraubten IS-Geldern werden lokale Kontrollposten bestochen, und mit einem zufällig anwesenden schiitischen Offizier werden Zigaretten gegen die dringend benötigte Munition eingetauscht, doch trotz allem wird die Truppe immer kleiner: Von ursprünglich einst 9 Humvees sind es zu Beginn des Films nur noch 3, und wenige Stunden später, in denen der Zuseher beinahe in Echtzeit das Geschehen aus der Perspektive Kawas miterleben darf, ist auch diese Zahl weiter geschrumpft.

Solcherlei geschichtlichen Hintergrund muß man sich allerdings fast selbst erarbeiten, denn Carnahan serviert den Background seiner Truppe nur nach und nach in homöopathischen Dosen, dafür rattern unablässig automatische Waffen, pfeifen Granaten und schlagen Projektile und Splitter ein - eine Auszeit beträgt meist nur wenige Minuten, in denen man sich in einem eroberten Gebäude kurz setzen, eine Wasserflasche leeren und irgendeiner zufällig in einem unbeschädigten Fernseher laufenden kuwaitischen Talkshow lauschen kann, bevor der IS wieder anrückt und der kurzen, aber willkommenen Ablenkung ein Ende setzt. In diesem temporeichen Kriegs-Actioner, der sich bezüglich Kampf-Choreographie, Geräuschkulisse und Setting mit den Besten seines Genres messen kann, bleibt dann freilich keine Zeit für irgendeine charakterliche Zeichnung, und neben dem allseits geachteten Hauptmann Jassem ist es nur der Rookie Kawa, der innerhalb der wenigen im Film dargestellten Stunden eine gewisse Entwicklung durchmacht - eine freilich negative. Man achte auf seine Mimik zu Beginn des Films - als er noch die blaue Polizei-Uniform trägt und viele Fragen zu seinem neuen "Dienstgeber" stellt, die zu seiner Überraschung und Verärgerung unbeantwortet bleiben - und vergleiche sie mit dem fast zynisch-resignierten Gesichtsausdruck am Ende des Films. Der Krieg läßt Menschen eben vorzeitig altern, und auch wenn hier kein ausgesprochener Anti-Kriegsfilm vorliegt, wird das Geschehen keine Sekunde lang glorifiziert - vielmehr ist die treibende Kraft der mehrfach auch metaphorisch geäußerte Wunsch von Hauptmann Jassem, die Stadt nach der Säuberung vom IS-Gesindel wieder aufzubauen.

Mit seiner dichten Atmosphäre und dem äußerst authentisch wirkenden Geschehen entwickelt Mosul einen Sog, dem man sich als Zuseher nicht entziehen kann - erfreulicherweise wirkt der in Marokko gedrehte Streifen an keiner Stelle wie eine irakische Ausgabe der aus anderen Filmen bekannten "US-(Cow)boys, die da unten mal aufräumen", sondern jede der geplanten und besprochenen Aktionen der einheimischen ex-Polizisten geschieht unter großer nervlicher Anspannung, und ein triumphieren oder gar sich gehen lassen findet schlicht nicht statt.

Neben all den gelungenen Actionszenen fehlt jedoch eine Abrechnung mit dem furchtbaren Besatzungsregime der IS-Schergen, beispielsweise ihre tausendfach erwiesenen bestialischen Folterungen, Vergewaltigungen und Morde an der leidenden Zivilbevölkerung. Die Darstellung dieser Verbrechen des islamischen Staates beschränkt sich in Mosul auf den Beschuß von Zivilisten, die einen Kontrollpunkt passieren; die salafistischen Täter sind im Allgemeinen nur gesichtslose Heckenschützen, die in großer Anzahl auftretend allerdings auch das SWAT Team (das selbst übrigens auch keine Gefangenen macht) langsam dezimieren.

Für Freunde des Genres Kriegsfilm ist Mosul somit eine absolute Empfehlung, die dank der Verfügbarkeit bei Netflix den Status eines Geheimtips bald ablegen sollte - die allgegenwärtige, aber nie selbstzweckhafte Gewalt dürfte aber auch für Action-Fans einen Blick wert sein. 8,51 Punkte.

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