Review

Tuntematon Sotilas (TV-Serie)

Vor einiger Zeit besprach ich hier bereits das finnische Weltkriegsdrama Talvisota („Winterkrieg“), das zum 50. Jahrestag der sowjetischen Invasion 1989 erschien, auf einem Bestsellerroman basierte und die bis dahin teuerste finnische Fimproduktion überhaupt war. Ähnliches lässt sich auch über den Kinofilm und die TV-Serie Tuntematon Sotilas („Der unbekannte Soldat“) von 2017 sagen, denn auch diese Produktion stellte alles Bisherige in den Schatten, basierte auf einer erfolgreichen Buchvorlage und wurde zu einem runden Jubiläum (100 Jahre Unabhängigkeit von Russland) veröffentlicht.

Gegenstand des Films ist diesmal allerdings der sogenannte „Fortsetzungskrieg“ von 1941 bis 1944, in dem Finnland an der Seite Nazideutschlands die 1940 von Stalin geraubten Gebiete zurückerobern wollte. Der gleichnamige Erfolgsroman von Väino Linna (1920-1992) war bereits 1954 erschienen und beruhte auf den einschlägigen Kriegserfahrungen des Autors. Nach den Verfilmungen von 1955 und 1985 kam es nunmehr zu einer dritten Adaption, die neben einer Kinoversion auch eine deutlich längere TV-Serie umfasst, auf die ich mich in der Folge beziehe.

Im Mittelpunkt des Filmes stehen die Soldaten eines fiktiven Halbzuges einer Maschinengewehrkompanie, die mit ihren veralteten Waffen aus dem Ersten Weltkrieg an den Kämpfen in Ostkarelien teilnehmen. Daneben spielen auch ihre vorgesetzten Offiziere und andere Angehörige desselben Regiments, insbesondere einer Infanteriekompanie, eine Rolle. Vordergründig betrachtet könnte man sagen, dass ähnliche Charaktere schon in vielen Kriegsfilmen aufgetreten sind: da sind der väterlich-altmodische Kompaniechef (Kaarna) und sein übermotiviert-schneidiger Nachfolger (Lammio), der ehrgeizige (Kariluoto) und der kumpelhafte (Koskela) junge Offizier, der gutmütige Feldwebel (Hietanen), der finstere Unteroffizier (Lehto), der widerspenstige Kommunist (Lahtinen), der Witzbold (Vanhala), der Feigling (Riitaoja), der habgierige Nihilist (Rahikainen) oder der durchgeknallte Eigenbrötler (Honkajoki). Und dennoch gelingt Regie und Besetzung das seltene Kunstsück, den Erzählfunken auf den Zuschauer überspringen und ihn mit wachsendem Interesse am Schicksal dieser Männer teilhaben zu lassen. In dieser Beziehung braucht Tuntematon Sotilas auch den Vergleich mit Genre-Standardwerken wie Das Boot oder Band of Brothers durchaus nicht zu scheuen.

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang die schauspielerische Meisterleistung des heimlichen Hauptdarstellers Eero Aho. Sein eisenharter Unteroffizier Rokka, ein nach dem Winterkrieg von den Sowjets vertriebener Bauer aus Westkarelien, dessen Frau und Kinder während seiner Abwesenheit alleine einen abgelegenen Hof bewirtschaften müssen, hält nichts von Formalitäten oder militärischer Disziplin. Er führt seinen Krieg so effektiv wie möglich, stellt sich notfalls auch im Alleingang einer ganzen sowjetischen Kompanie entgegen und tötet, „um nicht getötet zu werden“ (hierin ist er dem von James Coburn verkörperten Rolf Steiner in Cross of Iron nicht unähnlich). Trotz seiner ständigen Insubordinationen wird Rokkas Verhalten von den Offizieren geduldet, da sie wissen, dass schon morgen wieder einmal das Überleben der gesamten Einheit von ihm abhängen könnte.

Neben den realistisch wiedergegebenen Grausamkeiten des Stellungskrieges im karelischen Urwald zeigt der Film auch allerlei Untaten, die nicht nur den skeptischen Lahtinen an der moralischen Überlegenheit der eigenen Seite zweifeln lassen. Da werden gefangene Rotarmisten erschossen, rücksichtslos Leichen ausgeplündert und russische Frauen zur Prostitution gezwungen. Und über diesen Ausschreitungen steht natürlich die heikle Frage, ob die hehren finnischen Kriegsziele sogar das Bündnis mit Adolf Hitler rechtfertigen können (was die einzelnen Soldaten durchaus unterschiedlich beantworten). Die Wirkung der düster-majestätischen Taiga als Schauplatz wird durch die gelungene Kameraführung, die ausschließlich verwendete natürliche Beleuchtung und den eindringlichen Soundtrack noch einmal verstärkt. Alles in allem ist Tuntematon Sotilas ein sehenswertes Stück finnischer (Film-)Geschichte, das sich auch hinter zeitgenössischen westeuropäischen oder US-amerikanischen Produktionen keineswegs zu verstecken braucht.

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