„Weil die Mühlen der Selbstjustiz so langsam mahlen…“
Das Weimarer „Tatort“-Ermittlungsduo Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) ging mit „Die harte Kern“ in die neunte Runde, wurde diesmal nicht anlässlich eines Feiertags, sondern am 22.09.2019 erstausgestrahlt und auch nicht von Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben: Ihnen blieben lediglich die Dialoge, die eigentlichen Autoren sind Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr. Regie führte Helena Hufnagel, nach der Komödie „Einmal alles bitte“ aus dem Jahre 2015 erst ihre zweite abendfüllende Regiearbeit.
Lessing hat Schrottplatzbetreiber Harald Knopp (Heiko Pinkowski, „Die letzte Sau“) des Mordes an einer Kunstsammlerin überführt, doch Knopps Anwalt Willi Wollnitz (Bernd Hölscher, „Der Hauptmann“) präsentiert mit dem Neffen des Opfers, Rainer Falk (Jan Messutat, „Der namenlose Tag“), einen Entlastungszeugen vor Gericht und erwirkt damit einen Freispruch. Als wäre das nicht schon ärgerlich genug, findet Lessing Knopp, als er einer Verabredung zu einem vertraulichen Gespräch nachkommen will, auch noch erschossen am Treffpunkt auf. Wie sich herausstellt, stammt die tödliche Kugel aus Lessings Dienstwaffe, was die Sonderermittlerin Eva Kern (Nina Proll, „Keinohrhasen“) auf den Plan ruft. Lessing landet kurzerhand in der Zelle, Dorn wird wegen Befangenheit der Fall entzogen. Dennoch ermittelt sie mit Unterstützung des frisch verliebten, jedoch einfältigen Schupos „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) auf eigene Faust und befragt Knopps Bruder Georg (Marc Hosemann, „Sperling und der gefallene Engel“) sowie dessen Frau Hannah (Katharina M. Schubert, „Wellness für Paare“). Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) versucht derweil, eine gutes Wort bei Kern für seine Ermittler einzulegen, beißt jedoch auf Granit – die Frau, mit der er vor Jahren einmal ein privates Techtelmechtel hatte, ist unerbittlich…
Unverbrauchte Regisseurin und neue Autoren – nach dem durchwachsenen Vorgänger „Der höllische Heinz“ frischer Wind in Weimar also? Leider nein: Die Prämisse, dass eine der Hauptrollen eines Kapitalverbrechens verdächtigt wird, hatte schon des Öfteren in die Krimireihe Einzug gehalten. Nach einem kurzen Auftakt setzt eine Rückblende vier Wochen vor diesem ein, auf deren Grundlage sich eine trotz einiger flapsiger Sprüche und Lessings gewohnter Literaturzitate-Macke weitestgehend ernste Krimihandlung entspinnt, aufgrund derer „Die harte Kern“ nicht mehr als Krimikomödie bezeichnet werden kann. Das ist ein Novum im Weimarer „Tatort“, mit dem jedoch eine wenig spannend inszenierte, bekannt anmutende Handlung einhergeht, dem die herrlich schrulligen, liebevoll charakterisierten Figuren, die den Weimarer Ableger einst so einzigartig machten, völlig abgehen. Dies versucht man anscheinend mit einem Mystery-Touch um eine gestohlene Kunstfigur zu kompensieren, was ebenso wie das dann doch wieder lockerer erzählte letzte Drittel durchaus Unterhaltungswert hat, aber dennoch unter dem Niveau der ersten sieben Weimarer „Tatorte“ bleibt.
Über den Durchschnitt rettet „Die harte Kern“ die Pointe, die Stellung zu Fragen des Umgangs mit Menschen bezieht und zumindest ein wenig nachdenklich stimmt. So herrlich arrogant die Proll ihre Figur auch interpretiert, so überzeichnet sind viele andere Rollen, was ebenso wenig zusammenpassen will wie das Weimarer Ermittlungsduo und eine 08/15-Krimihandlung, die sich zudem im Spagat zwischen Ernst, Ironie und Aussage nicht nur dramaturgisch vergrätscht. Schade, in Weimar war mal mehr los.