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Es ist immer problematisch, wenn eine in der nahen Zukunft spielende Geschichte exakt datiert ist. Denn über kurz oder lang ist das betreffende Jahr erreicht, und aus der Zukunft wird plötzlich Gegenwart und anschließend Vergangenheit. Daß das prognostizierte Ereignis dann überhaupt nicht eingetreten ist, macht den Film zu einer Art Paradox. Nehmen wir mal das Jahr 2000. Damals gab es einige schreckliche Katastrophen, wie das Erdbeben auf Sumatra, das Hochwasser in Mosambik, der Absturz der Concorde oder der fatale Brand der Gletscherbahn Kaprun 2 in Österreich. Wozu es jedoch nicht kam, war eine dermaßen starke Luftverschmutzung, daß man in der freien Natur nur noch mit Atemschutzmasken überleben konnte. Und die Pinguine sind zum Glück auch nicht ausgestorben. In Mutantes del año 2000 ist das allerdings anders. Statt atembarer Luft gibt es dicken, giftigen Smog, und das Artensterben hat auch vor den niedlichen Frackträgern nicht haltgemacht.

In dieser verpesteten Welt lebt die Lehrerin Irina (Rossana San Juan), die Probleme mit ihrem Mann Roberto (Gerardo Albarrán) hat. Der hat sie damals nur geheiratet, um sich das Firmenimperium von Irinas Vater unter den Nagel zu reißen. Nun, da er sein Ziel erreicht hat und Romo Industries leitet, drängt er auf die Scheidung, um das lästige Weib loszuwerden. Die jedoch sträubt sich, was Roberto gar nicht gefällt. Und die strengen Bestimmungen in Bezug auf Müllentsorgung gefallen ihm auch nicht. Das ist alles so aufwändig und teuer, und da Zeit nun mal Geld ist, entlädt er seinen radioaktiven Abfall lieber gratis und unkompliziert auf der städtischen Müllhalde. Natürlich kommen Irina und ihr Freund, der Biologe Axel (Miguel Ángel Rodríguez), hinter die Machenschaften des skrupellosen Firmenbosses und drohen ihm mit der Polizei. Das kann Roberto natürlich nicht zulassen. Etwa zur selben Zeit entdeckt Irina, daß sie in ihrem Häuschen ein gravierendes Rattenproblem hat.

Der erste, der eine unheimliche Begegnung der rattigen Art hat, ist Arnold, Irinas süßer, kleiner Hund. Er ist danach nicht wiederzuerkennen. Axels Freund Andres (José Manuel Fernández) ist davon überzeugt, das Problem rasch aus der Welt schaffen zu können. Er nimmt es allein mit dem tückischen Nager auf. Genrekenner wissen sofort, daß Andres' Leben keinen Pfifferling mehr wert ist. Kurz darauf taucht Roberto mit einem Handlanger bei Irina und Axel auf, und der große Showdown kann beginnen. Rubén Galindo Jrs Mutantes del año 2000 ist ein äußerst obskurer, kaum bekannter Genrebastard aus Mexiko, und das hat durchaus seinen Grund. Während andere Arbeiten des Regisseurs, wie z. B. Cementerio del terror (Friedhof des Satans, 1985) oder Don't Panic (1987) aufgrund ihrer gefälligen Machart und ihres hohen Unterhaltungswertes schnell den Weg in die USA und nach Europa fanden, konnte Mutantes del año 2000 erst viele Jahre später die Grenzen seines Heimatlandes überwinden.

Viel verpaßt hat man ja nicht. Was ein kleiner, trashiger Tierhorrorkracher mit apokalyptischem Flair hätte sein können, ist leider bloß ein recht langatmiger und unspektakulärer Öko-Thriller geworden, bei dem die Ratten nur die zweite Geige spielen. Es gibt ganze zwei Stück davon, und der erste Auftritt des Geziefers ist vielversprechend. Nachdem die Ratte den Hund zu Schaschlik verarbeitet hat, spielt sie mit Irina etwas verstecken, bevor sie ihre Deckung verläßt und durch die Tür entfleucht. Man sieht das Vieh zwar nur Sekunden, aber der "Spezialeffekt" - ein haariges Etwas wird an einer Schnur durch die Tür rausgezogen - ist so dermaßen knuffig, daß man ihn sofort in sein Herz schließt. Leider ist das der einzige Trick dieser Art; danach mutieren die Nager zu Rattenmenschen, welche von Victor V. Alamillo im Zottelkostüm gespielt werden. Viel kann man aufgrund der verwackelten Kamera nicht erkennen, aber die Biester haben mehr Ähnlichkeit mit Morlocks als mit Ratten-Mensch-Mutanten.

Die triste, dystopische Welt von Mutantes del año 2000 bietet einen interessanten Hintergrund zur schundigen Groschenheft-Handlung, erfüllt jedoch kaum mehr als eine Alibi-Funktion, aus der viel zu wenig herausgeholt wurde. Die überwiegende Verlagerung der Geschehnisse in Häuser sorgt für einen netten klaustrophobischen Touch, der allerdings mehr oder weniger verpufft, da man für die holzschnittartig charakterisierten Figuren nichts empfindet, zumal die Schauspieler allesamt keine Koryphäen auf ihrem Gebiet sind. Egal ob Gerardo Albarrán als fieser (und haarsträubend unfähiger) Firmenchef, Miguel Ángel Rodríguez als besorgter Biologe oder Rossana San Juan als engagierte Lehrerin, glaubhaft ist davon niemand. Letztere erfreut zumindest das Auge, ist sie doch eine rassige Schönheit mit schwarzen Haaren fast bis zum Po. Mutantes del año 2000 ist ein leidlich unterhaltsamer Öko-Thriller, der erst im letzten Drittel halbwegs auf Touren kommt und so zumindest für Fans von mexikanischen Schlock-Erzeugnissen keine völlige Zeitverschwendung ist.

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