In einer geschlossenen Einrichtung sind auf unzähligen, genau untereinander platzierten Stockwerken jeweils 2 Insassen untergebracht. Die spartanisch eingerichteten Stockwerke (Waschbecken, Toilette, je ein Bett), jedes etwa 6 Meter hoch, sind untereinander nur durch einen riesigen Schacht in der Mitte der Räume verbunden. Einmal am Tag schwebt eine diesen Schacht genau ausfüllende Plattform von weiter oben herab, auf der sich Speisen bzw. Speisereste befinden: Ganz oben reichlichst gedeckt, nehmen sich die Insassen eines jeden Stockwerks auf der von oben nach unten schwebenden Plattform soviel sie in den dafür vorgesehen 2 Minuten essen können von der Tafel (Vorräte mitnehmen ist bei Strafe verboten), die dadurch natürlich immer leerer wird. Erreicht die Plattform die tieferen Stockwerke, sind außer dem Geschirr meist nicht einmal mehr Knochen übrig und die dortigen Bewohner müssen (ver)hungern. Die Verweildauer der Insassen beträgt einen Monat pro Stockwerk, danach werden sie - ohne daß sie dies beeinflussen könnten - wie in einem Lotteriespiel in ein anderes Stockwerk versetzt. In diese Welt mit ihren unabänderlichen Vorgaben gerät auch der Mittvierziger Goreng (Ivan Massagué), der von seinem älteren Stockwerksnachbarn Trimagasi (Zorion Eguileor) eine kurze und knappe Einführung erhält. Doch Goreng ist ein Mann mit Prinzipien, der nicht akzeptieren will, seine - freiwillig gewählte - Zeit von ein paar Monaten in dieser Einrichtung mal hungernd, mal im Überfluß fressend zu verbringen...
Mit The platform hat der spanische Drehbuchautor David Desola eine filmische Dystopie geschaffen, die aufgrund ihrer ebenso einfachen wie klar umrissenen Bedingungen den Zuschauer von Anfang an in ihren Bann zieht - durch die Perspektive des empathischen Goreng lotet man die eng gezogenen Grenzen dieses Systems aus, das natürlich schnell als Allegorie auf unser heutiges Wirtschaftssystem oder überhaupt unser Dasein begriffen werden kann: Die ganz oben leben im Überfluss, die in der oberen Mitte bekommen auch noch etwas ab, weiter unten herrscht Hunger - oder Kannibalismus. Innerhalb mehrerer Monate und damit unterschiedlicher Stockwerke erlebt man, wie das System mit der schwebenden Plattform Gorengs wechselnde Stockwerksnachbarn und auch ihn selbst verändert - eine bis zum Schluß spannende Geschichte über Egoismus und Solidarität.
Doch trotz der faszinierend einfach und damit für den Zuschauer auch einfach zugänglichen Regeln in dieser Einrichtung (die meist freiwillig belegt wird und die aus gutem Grund nie als Gefängnis o.ä. bezeichnet wird) bleiben einige wenige Ungereimtheiten, die den geneigten Logikfreund stutzig machen: Die Plattform selbst schwebt kerzengerade von oben herab und macht kurz davor auf jedem Stockwerk durch dort erfolgenden Warnton und Grünlicht auf sich aufmerksam; ist sie einmal ganz unten, saust sie in irrer Geschwindigkeit wieder ganz nach oben, Warnton und rotes Licht in jedem Stockwerk inklusive, damit sich währenddessen niemand dem Schacht nähert. Aber wie erfolgt der Antrieb dieser ca. 30 cm dicken, etwa 6 Quadratmeter großen Stahlbetonplattform ohne Seile, Hebearme, Motor oder Düsen? Ein anderes Phänomen ist das Monatsende, an dessen letztem Tag man durch einströmendes Gas eingeschläfert am Ersten des neuen Monats in einem neuen Stockwerk erwacht - wer bringt einen dorthin, und wer macht überhaupt die teilweise infolge Mord und Totschlags oder auch Selbstmords mit Blut oder Fäkalien verschmutzten Betonwände der Stockwerke wieder sauber? Oder warum hört man nie die Gespräche, Geräusche etc. von den unmittelbar benachbarten Stockwerken, deren Schall sich allein schon durch den gähnenden Schacht über mehrere Etagen fortpflanzen müsste? Daß einem jedoch diese (und andere derartige) Fragen den Filmgenuß zu keiner Zeit verderben, spricht für die hervorragend aufgezogene Dramaturgie des Plots, der einen bis zum Schluß vorerwähnte Ungereimtheiten als schlichtweg "gegeben" akzeptieren läßt.
Dieser Schluß jedoch ist insofern offen gestaltet, als die allerletzten Szenen zu fehlen scheinen, denn die Auswirkung eines unter vielen körperlichen und seelischen Qualen gestarteten Experiments wird nicht (mehr) gezeigt - stattdessen darf der Zuschauer interpretieren, was nun geschehen mag - oder vielleicht auch nicht. Die eigentliche Aussage dieses bemerkenswerten Films findet jedoch einige Szenen vor dem Ende statt und hat, ohne allzuviel zu verraten, mit dem öfters auftauchenden Begriff einer bestimmten Speise auf der Plattform zu tun - soweit jedenfalls meine Interpretation. Fest steht jedoch, daß diese spanische Produktion, die in ihrer Konzeption entfernt an den 1997er Cube erinnert, einen weit über das (filmische) Ende hinaus nachdenken läßt. Beeindruckend und empfehlenswert: 9 Punkte.