Review

Der Schacht (2019)
Ein Buffet wandert durch ein mehrgeschossiges Gefängnis. Während die oberen Etagen ein Festmahl genießen, herrscht unten Hunger und Verzweiflung. Ein Aufstand droht... (Netflix)

Regisseur "Galder Gaztelu-Urrutia" aus Spanien hatte bisher nur zwei Mini-Kurzfilmchen gedreht, die zusammen nicht mehr als 20 Minuten hervorbrachten. So kann man bei "Der Schacht", der im originalen "El hoyo" heißt, tatsächlich von einem Filmdebüt sprechen. Ein Filmdebüt, das Potenzial besitzt, sich zu einem Kultfilm zu entpuppen. El hoyo heißt übersetzt übrigens, "Das Loch". Ob nicht der englische Titel "The Platform" passender gewesen wäre, liegt wohl beim Betrachter selbst und seiner Interpretation.

Die Story oder besser die Thematik sollte einem gleich zu Beginn bekannt vor kommen und wer hier eine Mischung aus "Cube" und "Snowpiercer" erkennt, der liegt schon mal richtig. Folglich hat man es hier mit einem Vertreter aus dem
Science-Fiction Genre zu tun, der zugleich auch noch Elemente eines harten, dystopischen Thrillers bereit hält. Also auch für den Horrorfilmfan durchaus interessant.

Wir haben einen vertikalen Betonschacht, der von Ebene 0 in 333 Ebenen unterteilt ist. Pro Ebene befinden sich 2 Personen, die nicht mehr als jeweils eine Schlafliege, ein Waschbecken, eine Toilette und einen persönlichen Gegenstand besitzen. Der eigentliche Schacht in diesem Betonkomplex, stellt ein rechteckiges Loch dar, das von der obersten Ebene 0 bis zur untersten Ebene 333 reicht. Durch diesen Schacht schwebt eine Plattform, die alle 666 Personen mit köstlichen Speisen versorgt, die sich jeder Einzelne vorher ausgesucht hatte. Das Problem ist nun klar! Auf Ebene 1 geht es einem im Überfluss prächtig, auf Ebene 333 dementsprechend schlecht, da nicht ein Krümel mehr ankommt und es so, zu den Urtrieben und somit zum Kannibalismus kommt.

Was von der Story sehr minimalistisch ausschaut, entwickelt sich zu einem philosophisch komplexen Gerüst, mit viel Symbolkraft, sodass eine Kontroverse vorherbestimmt ist. Eben ähnlich wie bei "Snowpiercer".

Die Umsetzung:
100% Gelungen! Das es sich hier um eine zu höchst kritische Allegorie handelt, die sich gegen den Kapitalismus richtet, ist eindeutig, auch wenn es manch Gegenstimmen gibt. Die Kontroverse entsteht also zunächst zwischen dem sozialistischen Gemeinwohl Konzept und liberalen Kapitalismus. Natürlich bietet "Der Schacht" auf den ersten Blick beide Interpretationsmöglichkeiten, achtet man aber auf die Symbole und die Interpretation des Regisseurs, ist es eindeutig, dass "Der Schacht' eine aus philosophischem Blickwinkel, dargestellte Kapitalismus Kritik ist. Ersichtlich durch die bewusst eingesetzte diabolische 666, die symbolisch die kapitalistische Bestie im System darstellt, die es zu vernichten gilt!

Dieser Film ist also nicht nur bloßes Unterhaltungskino, sondern geht in seiner Thematik tiefer, was ihm auch zum Verhängnis werden könnte. Denn der "normale" nicht philosophisch versierte Zuschauer, wird die nicht offensichtlichen Symbole und Botschaften nicht verstehen und deuten können. Für alle Intellektuellen und Denker, ist dieser Streifen dafür aber umso mehr ein Festschmaus.

Einzig das extrem subtile Ende wird zum Problem, denn diesen philosophischen "Mut" hatte man dann doch nicht gehabt, sich philosophisch auf Meta Ebene zu öffnen und eine Systemalternative zu bieten. So bleibt es offen und fraglich, ob Thomas Hobbes, John Rawls oder Jeremy Bentham recht hatte oder gar das große undefinierte und ignorierte "X".

Technisch hat man genau das passende Stilmittel gefunden. Trist, kühl und an den Stellen dreckig und kontrastreich, die nötig sind, um auf Symbole hinzudeuten. Der Gore Gehalt ist erstaunlich hart. Blut läuft und spritzt genug, sodass der Splatterfan auch ein wenig auf seine Kosten kommt. Zudem gibt es noch aktiven und passiven Kannibalismus, ein wenig Nekrothematik gepaart mit moralischen Triggerpunkten. Vom Bild und den Effekten, sehr gut für ein Kammerspiel dieser Art.

Schauspielerisch verhält sich "Der Schacht" auch solide. Die Rollen sind bis auf wenige Ausnahmen authentisch vermittelt und konnten so überzeugen.

Fazit:
"Der Schacht" ist seit langem Mal wider ein Film, von dem man sagen kann, das Innovation in ihm steckt. Diese philosophische Thematik, in dieser Form darzustellen und zu behandeln ist definitiv künstlerisch gelungen, erst Recht, wenn es sich um ein Filmdebüt handelt. Mich würde nicht wundern, wenn der Streifen in den höchsten Tönen gelobt wird. Er ist vielleicht nicht für jedermann geeignet, aber für die, die sich für Gesellschaftssysteme und dessen Vor und Nachteile interessieren, wird es ein Festschmaus sein mit viel intellektuellem Anspruch. Definitiv zu empfehlen!

Bleibt nur noch zu hoffen, das er irgendwann mal auf DVD/BR raus kommt.

Bewertung: 8,5/10 Punkte.

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