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In der Aussicht auf einen anerkannten Studienabschluss geht der junge Goreng freiwillig für ein halbes Jahr in den "Schacht": Ein vertikales Konstrukt, das sich über hunderte von Ebenen erstreckt und in dem immer jeweils zwei Personen auf einer (zufällig ausgewählten und im monatlichen Rhythmus wechselnden) Etage untergebracht sind. Einmal pro Tag fährt eine mit Essen beladene Plattform in der Mitte des Schachts alle Stockwerke ab und versorgt die Insassen, die nun zwei Minuten Zeit haben, sich den Bauch vollzuschlagen, mit allen möglichen Leckereien... und natürlich sieht man schon auf den ersten Blick, wo da der Haken an der Sache ist: Während die oberen Etagen sich schön satt fressen können, kommen weiter unten irgendwann nicht mal mehr Krümel an und in den tiefsten Keller-Geschossen ist so mancher auch schon zum Kannibalen geworden, um zu überleben. Nach einigen Monaten, in denen Goreng auch schon einige "Zimmergenossen" verschlissen hat und Zeuge davon geworden ist, was Hunger, Egoismus und Maßlosigkeit so mit den Menschen anstellen, beschließt er, den Versuch zu unternehmen, gegen das System zu revoltieren... 25 Jahre nach Nacho Cerdàs Kurzfilm-Schlag in die Magengrube "Aftermath" ist es Galder Gaztelu-Urrutia gelungen, mit seinem "Der Schacht" - der leider nicht auf DVD oder Blu-ray vorliegt, sondern dazu verdonnert ist, auf nicht absehbare Zeit lediglich ein Streaming-Dasein auf Netflix zu fristen - das spanische Genre-Kino jenseits von Pedro Almodóvar und Jess Franco endlich mal wieder zu einem wirklich fulminanten Höhepunkt zu führen. Das Szenario erinnert dabei natürlich schon irgendwie an Vincenzo Natalis "Cube", gewinnt diesem im Gegensatz zu so manchem eher minderbemittelten Nachzieher aber doch noch ein paar neue Aspekte ab und präsentiert auch die Hintergründe der Geschichte nicht vergleichbar vage und diffus. Die Frage nach dem Warum stellt sich anders als in dem besagten kanadischen Low-Budget-Streifen jedoch niemals... ganz im Gegenteil: Die horror-mäßig übersteigerte Versuchs-Anordnung von "Der Schacht" spiegelt da jederzeit klar erkennbar auf eine derart unangenehme Weise die eigene alltägliche Existenz wieder, dass man nach dem Ansehen am liebsten spontan der Zivilisation entsagen und sich als Aussteiger auf irgendeine einsame Insel zurückziehen möchte. The struggle is real, sozusagen, auch wenn das eigene Weltbild sich nicht nur in "die da oben" und "die da unten" aufteilt. Okay, die Erkenntnisse, die der Film liefert, sind weder überraschend noch neu, aber den (universellen?) Wahrheitsgehalt der getätigten Aussagen schmälert das nicht: Homo homini lupus, Hauptsach gudd gess und - ganz wichtig! - Scheisse fließt immer bergab. Als filmische Versinnbildlichung einer (Überfluss-)Gesellschaft, in der die Ressourcen ungerecht verteilt sind und einem keine Möglichkeit zum Aufstieg gewährt wird, ist "Der Schacht" ebenso einfach wie auch genial und dass Galder Gaztelu-Urrutia mehr oder minder zwischen den Zeilen versteckt so manchen galligen Kommentar zum Gezeigten abgibt, empfindet man da wirklich nur als passend. Ganz unabhängig von seinem allegorischen Wert entpuppt sich "Der Schacht" aber zudem auch als in jeder Beziehung perfekt gemachter und kompromissloser Horror-Trip für Erwachsene, der auch nicht davor zurückschreckt, einige krasse Schock-Bilder von kannibalistischen Details und harschen Gewalt-Darstellungen auf sein Publikum niederprasseln zu lassen... und der zudem auch ein ideales Double-Feature mit Shin'ya Tsukamotos ebenso unbequemen und verstörenden "Haze" von 2005 abgibt, was so ziemlich das größte Kompliment überhaupt ist, das man einem solchen Film machen kann. Fazit: Ist tatsächlich so gut, dass es sich lohnt, alleine hierfür mal ein Netflix-Abo abzuschließen.

10/10

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