Review
von Leimbacher-Mario
Seelenspülung
„Krisha“ und „It Comes At Night“ waren sehr starke Filme. Aber mit „Waves“ schießt Trey Edward Shults endgültig den Vogel ab und sich selbst nahezu ohne Wiederkehr in die Umlaufbahn der größten aktuell arbeitenden Regietalente. Vielleicht ist das sogar schon meisterhaft irgendwo zwischen Jenkins und Corbet. Im Kern ein schwarzes Familiendrama oder auch ein Film über Teenage-Ängste und Leistungsdruck, über Freiheit und Schicksalsschläge. Vor allem über Vergebung und Weitermachen. Aber selbst diese schweren Themen kratzen nur an der Oberfläche von dem, was man in diesen schnell verfliegenden und spektakulär verschwimmenden guten zwei Stunden durchmacht und fühlt. Wir folgen einer afroamerikanischen Familie der gehobenen Mittelschicht und wie sie mit einigen vernichtenden Krisen und Tiefschlägen des Lebens umzugehen lernt...
„Waves“ hat eine unglaubliche Kamera, einen pumpend-urbanen Soundtrack+Score, bockstarke Darsteller durch alle Altersklassen und einen Regisseur, in dessen Hände und Kniffe man sich gerne fallen lässt, der sichtbar genau weiß, was er tut und wohin er will. Und was er Massives und Bleibendes auf die Beine stellen kann. Seinen Trick mit den sich langsam zuziehenden (oder ausdehnenden) Bildformaten perfektioniert er hier, in Schauspielerführung scheint ihm das Händchen auch nicht abzugehen und die gesamte Inszenierung ist oft derart intensiv und verschlingend, dass man danach wieder zu 100% weiß, warum Filme fürs Kino gemacht werden/wurden/werden sollten. „Waves“ ist kraftvolles Black Cinema, wie es poetischer und menschlicher kaum auf einen einprasseln kann. Das wringt einen aus, vergisst jedoch nicht einen danach aufzufangen, abzuholen, aufzubauen. Eine fast reinigende und klärende Erfahrung. Und ohne den Hauch von Zweifeln ein Jahreshighlight. Selbst wenn die erste Hälfte des Films klar die bessere, fiesere, bahnbrechendere ist. Das Gesamtpaket inklusive langer Fortsetzung bzw. wichtiger zweiter Hälfte, fast einer Art ausgedehntem Epilog, ist schlicht atemberaubend gut. Prädikat: besonders wertvoll & unbedingt angucken!
Fazit: „Waves“ spült einen samt Kinosessel weg, nimmt einen mit und bleibt noch lange bei einem. Außergewöhnlich emotional, super sinnlich und genauso schmerzhaft wie schön. Für mich auf „Moonlight“-Niveau. A24 haut die Bälle weiterhin sehr oft krachend aus dem Stadion!