Vergleichsweise löbliches weiteres Einzelbeispiel des betagten und sowieso von vornherein eher gesetzten (scheinbaren) Whodunit - Krimis Marke Christie, Sayers, Marsh und Co., welches in den Kinos zuletzt zwar schon mit (dem eher bescheidenen bis eigentlich gar misslungenen) Mord im Orient-Express (2017) in seinem Kasperletheater vertreten war, bis dato und dies gut 30 Jahre allerdings nicht; woraus hier auch ein Wohlwollen bezüglich des Versuches dahingehend überhaupt gegeben ist. Die letzten auffälligen Vertreter und dies auch die mehr oder minder direkten Vorlagen für sowohl den Film von Kenneth Branagh und den in Post-Produktion befindlichen und für 2020 angekündigten Tod auf dem Nil als auch den hiesigen 'Mitläufer' von Rian Johnson sind die entsprechenden Bearbeitungen der Queen of Crime um den von Peter Ustinov gespielten Meisterdetektiv Hercule Poirot; anfangs auch mit Starbesetzung und noch Zuspruch seitens des Publikums auf der großen Leinwand vertreten, ab 1985 allerdings auch nur noch als Fernsehfilme von CBS Entertainment Production und Warner Bros. Television und ab dem Doppelflop von Rendezvous mit einer Leiche (1988) und Death on Safari (1989) sowieso nicht mehr. (Johnson zählt auch Columbo als weitere Inspiration, was man spätestens in der zweiten Filmhälfte merkt; und das einmal ein Ausschnitt von Mord ist Ihr Hobby gezeigt wird, ist auch als Referenz nennenswert.):
Kurz nach der Familienfeier zu seinem 85. Geburtstag wird der Kriminalschriftsteller und millionenschwere Bestsellerautor Harlan Thrombey [ Christopher Plummer ] von seiner Haushälterin Fran [ Edi Patterson ] beim Vorbeibringen des Frühstücks mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Wurde erst von einem Suizid ausgegangen, nimmt die Polizei unter Führung von Lieutenant Elliott [ LaKeith Stanfield ] und Trooper Wagner [ Noah Segan ] mit Unterstützung des anonym beauftragten Konsultanten und Privatdetektivs Benoit Blanc [ Daniel Craig ] eine Woche später doch die Ermittlungen auf, wobei die während der Feier und anschliessend auch der Tatzeit anwesenden Familienangehörigen wie seine Tochter Linda Drysdale [ Jamie Lee Curtis ], ihr Mann Richard [ Don Johnson ], ihr Sohn Ransom [ Chris Evans ], ihr Bruder Walt [ Michael Shannon ], die angeheiratete Joni [ Toni Collette ] usw. einzeln befragt werden. Da alle mehr oder minder lügen, was dem Detektiv zugleich auffällt, wendet er sich an Harlans private und stets ehrliche Krankenschwester Marta Cabrera [ Ana de Armas ], die für ihn den "Watson" geben soll; zur Überraschung aller bei der Testamentseröffnung aber plötzlich als Alleinerbin dasteht.
"Strange case from the start. A case with a hole in the middle."
Die kleine Mattscheibe mit seiner Ohrensessel-Mentalität, dem heimischen stillen Rückzugsort, dem kleiner verschnörkelten Beistelltischen mit Keksen und Tee und der Möglichkeit auch des Alleinseins und alleinigen Konsumierens der oftmals verzwickt-verzwackten Geschichten mit anders als dem Thriller leisen Spannung und dem behaglichen Setting und dem betulichen Gemüt passt fast auch besser für diese Art von Filmen; und erfreut sich gerade auch bei und von den Briten seit längerem der andauernden Beliebtheit und werden die diversen Inspector und ihre Sergeant sowie anderen Vertreter des Gesetzes beim Ermitteln in jeweils treuer Fangemeinde heiß und innig geliebt. Hier als amerikanische skurril-verspielte, leicht humoristische, später durchaus konstruierte und auch so auf mehr Biegen und fast Brechen konstruiert Variante, mit "the dumbest car chase of all time" und zusätzlich mit einer kleinen Zwickmühle, denn 'Alle Mörder sind schon da' und 'Eine Leiche zum Dessert'.
Eine erste griffige Einstellung, die eher an eine Visualisierung von Arthur Conan Doyles "Das Haus bei den Blutbuchen" erinnert, dazu das knarzende Haus von innen, das treppauf, treppab verwinkelt, in viele kleine dunkle Räume und massig Devotionalien aufgeteilt und putztechnisch höchstwahrscheinlich ein Albtraum ist. Einen Toten gibt es auch noch, muss der in diesem Durcheinander von Labyrinth zwar erstmal gefunden werden; da es sich um den Herren dieses architektonischen Schmuckstücks handelt und offensichtlich einen Sammler oder auch einen Horter und sowieso einen Gutbetuchten, geschieht diese obligate Eröffnung eines Krimis auch noch vor dem Titel und bleibt als Prämisse bestehen. (Gefilmt wurde in Massachusetts, in stets ruhigen Einstellungen und viel Detailliebe zumeist im und um das Ames Mansion, südlich von Boston im Borderland State Park.)
Der Film ist gesetzt in der Moderne, im Hier und Heute mitsamt manchen (wenigen und auch durchaus zu vernachlässigenden) politischen, parodierenden und eine Hommage demonstrierenden und auch demontierenden Spitzen, hat durch seinen Schauplatz, der Behandlung und der Gestaltung aber öfters ein Vergangenheitsbewusstsein, welches sich nicht nur durch verschiedene Zeitebenen und dem Spiel auch mit unterschiedlichen Perspektiven und Wahrnehmungen sowie Sein und Schein mit der Gegenwart abklärt und eine spezielle Mischung aus Tradition, Anachronismus, Weltenflucht und Zeitgemäßtheit kreiert. Der Sommer ist vorbei, der Winter noch nicht da, das Laub auf dem weitab der Zivilisation isolierten, aber dennoch jederzeit mit dem Auto aus der (Klein)Stadt erreichbaren Grundstück hat noch eine frohlockende rot-grüne Tönung und ist hier im Anfang/Mitte November noch nicht gänzlich in matschiges Braun wie wenige Wochen später eingefärbt. Der Tote war mit seinen 85 Lenzen nicht nicht einmal der Älteste der (typisch chaotischen, stark zerstrittenen) Familie, aber der Mittelpunkt, oder sollte man sagen: der Geldgeber der Sippschaft, der Glanz der Sonne quasi, um die sich der Rest der kleineren Parteien und den jeweils anderen argwöhnend und misstrauisch beäugend dreht. Das Zentrum des Interesses der Bagage, wobei dessen Leben nun dahin ist, das Interesse aber weiter vorhanden und die Aufklärung des Todes jetzt – oder doch eher das Erbe – im Vordergrund steht.
"Ladies and gentlemen, I would like to gently request that you all stay in town until the investigation is completed."
"He's gently requesting, but we gotta make that an order. No one move until we figure this all out."
"What? Can we ask why? Has something changed?"
"No."
"No it hasn't changed or no we can't ask?"
Die Vielzahl der Personen wird in kurzen Interaktionen miteinander und zusätzlich in der Vorstellung eingangs der jeweiligen Befragung durch den scheinbar ermittelnden Polizisten präsentiert, sogar mit kleinem Namensschild inmitten des Bildes als weitere Hilfe, wobei die Eselsbrücke für den Zuschauer und die Unterstützung in der Vielfalt auch der Bekanntheitsgrad der Darsteller selber ist. Dass viele davon schauspielerisch auch minimal, aber durchaus auffällig, aber noch angenehm und sich im Rahmen haltend angepasst 'überziehen', macht die jeweilige Darbietung außerdem prägnanter, zumal die gewisse Hervorhebung in Mimik und Gestik oder auch im Kostüm durchaus auch aus der Tradition des Genres kommt, lange nicht so affektiert und insgesamt effektheischend wie beim Branagh ist und mit dem hiesigen "The last of the gentleman sleuts." als tatsächlich die Befragungen Führenden konterkariert wird; dieser ist eher simpel gehalten und macht sich anfänglich nur akustisch (auch durch stärkere akzentuelle Sprechweise) aus dem bis dato 'unsichtbaren' Hintergrund bemerkbar.
"The game is afoot, eh Watson?"
Viele stille Beobachter gibt es in dem Haus, kleine Figuren, die fern jeder Bewegung als Utensil oder nur Dekoration in der Gegend stehen oder auch von oben herab auf die Menschen im Gebäude sehen, dazu haben nicht nur die Wände hier Ohren, sondern sich auch Geheimnisse vorhanden, Motive gar, Befindlichkeiten, die ein Problem oder ein Konflikt darstellen und nach und nach an die Öffentlichkeit dringen. Eines der Mysterien gelangt gar nur bis zum Publikum und macht ihn dann bald nicht bloß zum Eingeweihten, der sich auch zwischen Kopf und Herz und vielleicht noch dem Bauchgefühl entscheiden muss, sondern ändert auch den Blickwinkel des Filmes, in dem man bald nicht mehr passiv in die Rätselei verstrickt ist, sondern sich aufgeschwungen hat (oder dazu genötigt wurde), nun plötzlich aktiv den Komplizen zu spielen.