kurz angerissen*
So etwas wie diesen 2016 in Kolumbien (Bogotá vermutlich) gedrehten 17-Minüter hätte man nach Tilman Singers erstem Kurzfilm sicher nicht erwartet, denn in Bezug auf seinen technischen Standard, seinen narrativen Ansatz und seine Breite in Sachen Produktionsdesign ist er das komplette Gegenteil des minimalistischen, edel in Szene gesetzten Vorgängers. Das flimmernde Vollbild mit natürlicher Lichtsetzung wäre unter normalen Umständen Zeichen handwerklicher Regression; würde man die Produktionsdaten nicht kennen, hielte man wohl jede Wette, dass Singers Karriere nicht etwa in „Mr. Yamamoto’s Alpine Residence“ begann, sondern mit dem „Ende der Welt“.
Andererseits ist der erweiterte Scope wiederum ein Indiz für den Fortschritt. „El Fin Del Mundo“ bebildert ein Gewusel aus Menschenmassen, die von beleuchteten Hochhäusern im Zwielicht des nahenden Abends überragt werden. Es wird völlig unerwartet die Ästhetik südamerikanischer Großstadtfilme über soziale Milieus imitiert; wer durch „Luz“ glaubte, dass der Regisseur nur an den übernatürlichen Geistern und Dämonen dieser Länder interessiert sei, wird in dieser Gangster-Ballade eines Besseren belehrt.
Die Charaktere rund um den Kriminellen Benjamin (Andrés Castaneda) und seine Verlobte Sofia (Agnes Brekke) bleiben allerdings blass und gesichtslos. Der an „True Romance“ oder „Wild at Heart“ angelegten Dramatik fehlt somit die Durchschlagskraft. Seine eigentliche Faszination bezieht der Film daraus, ein solcher Anachronismus zu sein, wie aus der großen Zeit des Heroic Bloodshed der frühen 90er. Das Vollbild erlangt somit wieder seine Bedeutung zurück.