Review

Wiederverneinigung


„La Isla Minima“ war/ist ein hervorragender spanischer Krimi über einen spannenden Mordfall sowie die Unterschiede im Land, in der Bevölkerung und den Umgang mit Sünden der Vergangenheit. Etwas an die wegweisende erste „True Detective“-Staffel angelegt, aber noch immer eine Empfehlung für jeden Fan europäischer Copthriller. „Freies Land“ von Christian Alvart ist nun fünf Jahre später die deutsche Version davon - zeitlich etwas verlegt, umgerechnet auf das gerade wiedervereinte Deutschland, ebenfalls über zwei unterschiedliche Kommissare, die im sumpfig-matschigen Grenzgebiet im Verschwinden zweier Schwestern ermitteln... Und was für ein tolles, passendes Remake das geworden ist! Ich bin baff und mehr als froh, dass hier die üblichen Mechanismen und Schwächen solcher länderspezifische Neuauflagen null greifen. 

„Freies Land“ ist ein dermaßen guter, dreckiger und packender Krimi, dass man richtig Lust bekommt mehr vom Regisseur und den beiden Hauptdarstellern zu sehen, was immer das größte Kompliment überhaupt für einen Film und die Beteiligten ist. Ich finde ihn fast noch ein Stück besser und für uns deutsche natürlich griffiger als seinen spanischen Bruder. Die Aufnahmen sind hypnotisch hübsch und dreckig genug, das karge, trostlose und verlassene Flair dieser Hinterwelt und der frühen 90er wird unfassbar gut eingefangen, audiovisuell kann sich das alles sehen + hören lassen, da gibt’s wenig zu meckern, das kann sich mit internationaler Topkonkurrenz messen. Doch der Kern meiner Begeisterung und warum ich den Film fast sofort nochmal gucken würde, sind die beiden Hauptdarsteller und ihre Figuren. Das ist alles - nur nicht schwarz oder weiß. Das hat Tiefgang, das hat Partnerschaft, das hat Schmutz, das hat Schmerz und das hat Mut. Das beschäftigt sich natürlich mit der DDR und seiner Stasi-Vergangenheit, das stellt aber auch den Westen nicht als goldenen Hafen dar. Beide Figuren sind hochkomplex und fühlen sich echt an, man taucht gerne in sie und mit ihnen ab. Das wirft dunkle Schatten und Vorahnungen, das hat keine einfache Lösung - ebenfalls realistisch und nachvollziehbar. Insgesamt ist „Freies Land“ für mich einer der besten Filme des spärlichen Jahrgangs. Nicht nur aus der deutschen Ecke.

Fazit: ein nahezu perfektes, fast noch verbessertes „Mörderland“-Remake. Spannend. Atmosphärisch. Rau. Schmutzig. Erdrückend. Etwas deprimierend. Eine grandiose deutsche Version und definitiv eigenständig genug. Für Fans von „True Detective“ sicher einer der besten Thriller des Jahres. Weit, weit, weit über „Tatort“-Durchschnitt. Und wahrscheinlich Alvarts bester Wurf bisher. 

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