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„Ihre Musik überdauert.“

Die britische Musikerin Kate Bush ist ein Phänomen: Mit 19 Jahren war sie die erste Frau, die mit einer Eigenkomposition die Pole Position in den britischen Charts erreichte. Die Rede ist natürlich von „Wuthering Heights“, jenem sich auf Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ (bzw. auf eine der zahlreichen Verfilmungen) beziehenden Song, der sich auf ihrem 1978 erschienenen Debütalbum „The Kick Inside“ befindet. Musikalisch ließ sie sich nie festlegen und komponierte, nach zwischenzeitlicher Verortung im New-Wave/New-Romantic-Bereich, abwechslungsreiche, visionäre Art-Rock/-Pop-Alben, mit denen sie sich immer wieder neu erfand und ihr Publikum mit experimentellen Sounds überraschte. Ihr auffälligstes Markenzeichen wurde ihr hoher, außergewöhnlicher Gesang. Ab ungefähr Mitte der 1990er machte sie sich sehr rar, doch im neuen Jahrtausend folgten zwei weitere Alben. Die 2018 für den öffentlich-rechtlichen deutsch-französischen Fernsehsender Arte produzierte und 2019 erstausgestrahlte Dokumentation „Kate Bush – Stimmgewaltig und exzentrisch“ von Claire Laborey zeichnet die einzigartige Karriere der öffentlichkeitsscheuen Künstlerin in rund 52 Minuten in kompakter Form nach.

Ausgehend von Bildern einer in Großbritannien jährlich zu Kate Bushs Geburtstag abgehaltenen öffentlichen „Wuthering Heights“-Aufführung von zahlreichen Fans im ans Musikvideo angelehnten roten Dress führt eine Sprecherin aus dem Off durch den Film, die zugleich dolmetscht. Historische Archivaufnahmen inklusive Ausschnitten aus Interviews und Statements von Bush-Entdecker David Gilmour (Pink Floyd), Bandmitgliedern, einem Bush-Biografen und ihrem Fotografen rollen Bushs Biografie von ihrer Kindheit an auf und vermitteln einen Eindruck von der Person Kate Bush – soweit möglich, denn sie stand für diese Dokumentation nicht persönlich zur Verfügung und findet lediglich in Form von Archivmaterial bzw. in den Aussagen anderer und in ihrer Kunst statt; ferner scheint sie zeitlebens durchaus mit Bedacht gewählt haben, was aus ihrem Privatleben für die Öffentlichkeit bestimmt ist und was nicht.

Nichtsdestotrotz orientiert sich Laborey recht souverän chronologisch an den Albumveröffentlichungen und verschiedenen Lebensabschnitten Bushs. So erfährt man von ihrer Entdeckung durch Gilmour, blickt zurück auf die Entstehung ihrer ersten Band und bekommt die Filmszenen, die Bush laut eigener Aussage zu „Wuthering Heights“ inspiriert haben, zu sehen. Inspiration für ihre expressiven Performances wiederum war der Pantomime Lindsay Kemp, bei dem Bush schließlich in die Schule ging – wie das Archivmaterial mit bewegten Bildern untermauert. Man bekommt vermittelt, dass Bushs zweites Album auf Druck der EMI hin in Rekordgeschwindigkeit fertiggestellt wurde – eine Arbeitsweise, von der sie sich daraufhin verabschiedete – und dass ihre anschließende große Europatour, bei der sie als erste Sängerin überhaupt ein Headset benutzte, ihre erste und zugleich lange Zeit letzte bleiben sollte: Erst 2014 kehrte sie mit einer Tournee auf die Livebühnen zurück.

Bushs technische und klangliche Innovationen betreffend geht der Film ein wenig ins Detail, wenn er ihre Begeisterung für den damals neuartigen Fairlight-Sampler illustriert, u.a. mit Bildern Peter Gabriels, der das Gerät einst fürs Fernsehen vorführte. Ihr Album „The Dreaming“ wurde gemischt aufgefasst, doch dann folgte ihr Megahit „Running Up That Hill“, Bushs Beitrag zur langen Liste der ‘80er-Evergreens. Weitere Unabhängigkeit von den Mechanismen der Musikindustrie erlangte sie, als sie bei ihren Eltern ihr eigenes Studio einrichtete. Laborey thematisiert darüber hinaus Bushs Verbindung zu Killing Joke sowie ihren fast komplett Rückzug aus jedweder Omnipräsenz und ihre Comebacks mit den Alben aus den Jahren 2005 und 2011.

Vieles wird nur kurz angerissen oder übersprungen; 52 Minuten sind natürlich zu wenig, um das Phänomen Kate Bush ganzheitlich zu erfassen. Für einen spannenden, auch als Appetitanreger funktionierenden Einblick in Werdegang und Werk einer unkonventionellen Künstlerin, der, was heute beinahe undenkbar scheint, die Musikindustrie nach ihrer Entdeckung erst einmal zwei Jahre Zeit gab, sich Live-Erfahrung anzueignen, statt sie sofort mit größtmöglicher Intensität kommerziell auszuschlachten, eignet sich diese Dokumentation jedoch gut. Durch den Rückhalt ihrer Familie, wo sie bereits früh musikalisch gefördert worden war und stets einen Rückzugsort fand, sowie gute Kontakte zu namhaften Musikern scheint Bush größtenteils für sie gute, kluge Entscheidungen getroffen zu haben, blieb sie skandalfrei und künstlerisch integer und genoss mit einem guten Pfund sicherlich tantiemenstarker Hits im Rücken ihre weitestgehende Autarkie. Das ist beeindruckend und sympathisch – und lädt zu einer musikalischen Entdeckungsreise durch ihre Diskografie ein.

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