Review

1986

(1986)

Lothar Herzog, Deutschland/Weißrussland 2019


Ein Abstecher zum anspruchsvollen deutschen Autorenkino, das in diesem Fall allerdings gar nicht so richtig deutsch anmuten will: 1986 ist ein in Weißrussland (gern auch Belarus) angesiedeltes Drama, dessen mir vorliegende Fassung sogar mit dem russischen Originalton daherkommt. Die Jahreszahl des Titels verweist dabei bereits auf einen wichtigen Hintergrund dessen, was hier zu sehen sein wird: Teile der Handlung sind im gesperrten Umfeld des Reaktors von Tschernobyl angesiedelt, welches sich bis nach Weißrussland hinein erstreckt.

Unsere Protagonistin ist die in Minsk lebende Studentin Lena (beziehungsweise Elena, aber so nennt sie hier niemand), mit der es das Schicksal gerade nicht gut meint. Ihr Freund Viktor betrügt sie oder wendet sich zumindest allzu oft anderen Frauen zu und ihre künstlerischen Ambitionen in Sachen Fotografie bleiben fruchtlos – die Bilder, die sie ausstellen möchte, sind den Galeristinnen zu düster und bar eines erkennbaren Konzepts. Vor allem aber sitzt ihr Vater, der sich im illegalen Stahlhandel verzockt hat, wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis – 30.000 Dollar schuldet er dem Staat. Obwohl Lena seinen Aktivitäten schon immer skeptisch gegenüberstand, will sie ihm helfen, denn wenn das Geld nicht gezahlt werden kann, droht ihm eine zehnjährige Haftstrafe. Also bietet sie einem Mitwisser aus dem Bekanntenkreis an, die krummen Geschäfte ihres Vaters fortzuführen, wohl wissend, dass sie sich damit gleich in zweierlei Hinsicht auf gefährliches Terrain begibt: Es gilt, mit seinem Lkw Stahlschrott aus der Sperrzone um den Reaktor von Tschernobyl über die ukrainisch-weißrussische Grenze zu schmuggeln, und die Leute, mit denen sie sich dabei einlassen muss, sind wirklich von der ganz üblen Sorte – beinharte Kriminelle, die keinen Spaß verstehen und keine Fehler dulden.

Ein erster Transport gelingt mit einigen Problemen, aber die Geldsorgen sind damit noch lange nicht aus der Welt geschafft. Auch die privaten Sorgen werden nicht kleiner – im Gegenteil: Nach weiteren zermürbenden Zwistigkeiten macht Viktor mit Lena Schluss, und ihr zwischenzeitlich begonnenes kleines Techtelmechtel mit dem Moskauer Bekannten Ljosha hat keine Perspektive, da er verheiratet und glücklicher Vater eines Kindes ist. Und so macht sich Lena ein weiteres Mal mit ihrem „Ural“, hinter dessen riesigem Lenkrad sie nachgerade symbolisch winzig und verloren wirkt, auf den Weg in die verseuchte Sperrzone ...

Wir ahnen es: Die Sache wird nicht das gewünschte Ende nehmen. Nicht in der trostlosen Welt dieses Films, in der Zwischenmenschliches nicht funktionieren will und sich Gesellschaftliches in einer augenfälligen Schieflage befindet – die weißrussische Realität weicht ganz erheblich vom Inhalt der propagandistischen Lobeshymnen ab, die Lena während ihres Studiums unentwegt zu hören bekommt. Der Weg zu diesem Ende verläuft nahezu vollkommen geradlinig – die Handlung schlägt keinerlei Haken und ein paar erhellende Rückblenden sind so gekonnt eingebunden, dass sie den Fluss der Ereignisse nicht beeinträchtigen. Erfreulicherweise gerät Lothar Herzogs Arbeit dabei nie prätentiös – ja, der Film ist außerordentlich ruhig (Menschen mit „normalen“ Sehgewohnheiten dürften ihn schlichtweg als behäbig oder gar einschläfernd empfinden, womit sich auch die mageren Bewertungen in den großen Datenbanken begründen lassen), wirkt dabei aber bis auf wenige moderat verquaste Dialogzeilen, die ihm verziehen sein sollen, immer absolut authentisch. Das sorgt nicht nur für eine Atmosphäre, in der sich wirklich außerordentlich spannende Momente entwickeln können (in erster Linie während der Fahrten durch die Sperrzone und immer dann, wenn Lena ihren kreuzgefährlichen „Geschäftspartnern“ begegnet), sondern auch für eine bisweilen fast beklemmende und schmerzhafte Nähe zu den Handelnden – oder besser gesagt zur Protagonistin Lena, denn die beherrscht hier ganz klar die Szenerie: Sowohl das Skript als auch die Kamera interessieren sich im Prinzip nur für sie. Daraus erwächst natürlich noch kein Vorwurf, aber mir persönlich, sorry, war es mitunter ein wenig zu viel der Nähe zu ihr. Das gilt vornehmlich für den visuellen Bereich – die Kamera klebt so hartnäckig an ihr und ihrem Gesicht, dass ich die auf diese Weise entstandenen Bilder irgendwann nur noch als aufdringlich empfunden habe. Zum Glück gelingt es den dichten Wäldern und wild wuchernden Wiesen der Sperrzone gegen Ende immer besser, die Kamera abzulenken, wiewohl sich der Fokus des Autors nun ohnehin in Richtung der Stahlschmuggelei verschiebt. Das hätte er freilich schon eher und in viel stärkerem Maße tun sollen, denn hierin liegt die eigentliche Stärke des Films, während die Betrachtung von Lenas Beziehungsnöten letztlich vollkommen nichtssagend bleibt. Wenigstens ein Viertelstündchen mehr hätte Herzog dem Geschehen in der Sperrzone widmen können – dann wäre sein Film auch auf neunzig Minuten Laufzeit gekommen. Das Ende selbst ist ihm freilich großartig gelungen (SPOILER bis zum Absatz): Die völlig entnervte und von neuerlichen Pannen bei ihrer Mission heimgesuchte Lena lässt den Lkw mitsamt seiner Fracht irgendwann einfach stehen und läuft zu Fuß immer tiefer hinein in das Sperrgebiet, bis wir sie aus den Augen verlieren. Ob man das nun als einen Akt der Selbstbefreiung oder eher als endgültige Resignation interpretiert, ist Ansichtssache. Ich persönlich mag mich derweil mit beiden Lesarten nicht wirklich anfreunden und sehe darin eher eine poetische Erhöhung des Geschehens, das sich im Reich der Realität nicht mehr befriedigend für die Heldin auflösen lässt.

Die Optik des im gängigen 1,85:1-Format vorliegenden Streifens, es klang schon an, wird von trostlosen Protagonistinnen-Close-ups und der wilden Natur im Inneren der Sperrzone dominiert. Während Erstere in eher fahlen Grau- und Blautönen gehalten sind, wollen die Bilder der Zone fast bersten vor sattem Grün. Des Öfteren gibt es auch feine Luftaufnahmen der unberührten Sperrzonenlandschaft, die besonders dann beeindrucken, wenn Wälder und Wiesen im dichten Nebel liegen. Sehr schön.

Darstellerisch, auch das ist nun keine Überraschung mehr, steht hier ganz unangefochten Daria Mureeva als Lena im Zentrum des Geschehens – man könnte fast von einer One-Woman-Show reden. Und ja, die kleine und (vorsichtig ausgedrückt) sehr zierliche Mureeva macht ihre Sache ganz hervorragend und wird nicht umsonst allerorts dafür gefeiert. Mein Verhältnis zu ihr ist indes nicht ganz ungetrübt – erstens hat sie mich nicht hundertprozentig für die Protagonistin einnehmen können (wobei nicht unerheblich ist, dass es sich bei ihrer Lena um eine etwas „schwierige“ Figur handelt), und zweitens durfte ich ihr Gesicht, so hübsch man es auch finden kann, ungefähr zehnmal zu oft aus aller Nähe betrachten. Neben ihr ist nur noch Evgeniy Sangadzhiev als Viktor von nennenswerter Bedeutung, der eine sehr ruhige und angenehme Vorstellung abliefert. Sehr ruhig ist zu guter Letzt auch der Score von Fabian Saul und Rafael Triebel, der sich auf einige Moll-Dauerakkorde beschränkt. Das passt natürlich ganz ausgezeichnet und gibt der hier ohnehin herrschenden trübselig-melancholischen Stimmung noch einen weiteren Schub, aber ein, zwei ergänzende Ideen hätten sicherlich nicht geschadet. Bemerkenswert ist immerhin, dass es überhaupt einen Score gibt – ein weiterer Aspekt, mit dem sich Lothar Herzogs Spielfilmdebüt vom Hardcore-Arthaus-Kino abgrenzt.

Und das ist auch in Ordnung so – 1986 darf unter dem Strich als gelungene, bei allem Anspruch und trotz des konsequent zurückgenommenen Tempos immer noch zugängliche, faszinierende, fesselnde und bisweilen sogar hoch spannende Arbeit betrachtet werden, die zwar größere Teile ihres Potenzials ungenutzt lässt, spätestens mit ihrem famosen Ende aber doch noch jenen Nachhall auslösen kann, den sie angesichts der Ambitionen ihres Autors einfach erzeugen muss. Für mich persönlich hat‘s zum ganz großen Glück nicht gereicht, weil mir irgendwann eine leichte Überdosis Mureeva im Magen lag, aber hier dabei zu sein, hat sich allemal gelohnt. Man darf gespannt sein, wie es mit Lothar Herzog weitergeht – ich denke, er hat spätestens dann seinen Weg gemacht, wenn man nicht mehr ständig geneigt ist, Werner Herzog zu schreiben oder zu sagen.

(11/23)

7 von 10 Punkten.





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