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Weil der Spanier Miguel Llansó aus seiner äthiopischen Zentrale schaltet und waltet, wird sein noch recht junges Schaffen in der cineastischen Einordnung gerne mit dem Label „Afro-Futurismus“ markiert. Dabei geht es ihm eigentlich schon immer eher um den „Pale Blue Dot“, unseren gesamten Planeten betrachtet aus der Perspektive des Alls. Am Anthropozän und dessen rasender, todbringender Entwicklung ist er interessiert, doch anstatt mit der Zeitlupe auf einen Ausschnitt zu fokussieren und das Chaos im Ameisenbau zu sezieren, zielt er lieber mit dem Hubble-Teleskop auf die komplette blaue Kugel.

So ließ er seinen Stammschauspieler Daniel Tadesse bereits im Kurzfilm „Chigger Ale“ in Nazi-Uniform aufmarschieren, weil die Nazis eben die Welt maßgeblich verändert haben. In „Crumbs“ schwebten nach einer Apokalypse Fragmente der Popkultur im Weltraum, endlich befreit von der Last ihrer artifiziellen Bedeutung. Mit „Jesus Shows You The Way To The Highway“ wiederholt Llansó das Kunststück, in die Zukunft zu reisen, um der Vergangenheit einen Besuch abzustatten. So wird diesmal mit den Mitteln globaler Vernetzung wieder der Eiserne Vorhang zugezogen und die Kugel ein weiteres Mal in ihre Hälften geteilt. Stalin is back, baby.

Anders als beim ruhigen, in sich gekehrten Debüt „Crumbs“ geht es diesmal in postmoderner Hinsicht wesentlich verschachtelter zu, obgleich sich am verfügbaren Budget offenbar nicht allzu viel verändert hat. Das hindert den Regisseur allerdings nicht daran, den Zitate-Mixer des Genre- und Exploitation-Kinos auf die höchste Stufe zu stellen. Im Kern sprechen wir von einem Spionage-Thriller vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs, einer Replika der James-Bond-Abenteuer und vor allem ihrer schäbigen Eurospy-Epigonen. Der Zugangskanal, das Medium zu dieser Welt ist allerdings der Videospielautomat der 80er Jahre, verlängert zu einem digitalen Zukunftstraum von der interaktiven Freiheit der Virtual Reality.

Begrüßt wird man daher nicht etwa vom Silhouettenspiel bewaffneter Agenten und halbnackter Damen aus dem Winkel eines Pistolenlaufs, sondern von der Vektorgrafik der Proto-Videospielkonsolen im Verbund mit dem schrillen Fiepen eines 8-Bit-Themas. Was Llansó da anstellt, ist offensichtlich: Er instrumentalisiert die Errungenschaften der Populärkultur des vergangenen Jahrhunderts, indem er sie in portionierten Blöcken zu einem Portal zusammensetzt, durch welches er eine Botschaft für die Zukunft sendet. Und mehr noch: Er demontiert seine Instrumente nach erledigter Arbeit, denn am Ende gerät ihm seine Arbeit zu einem Trash-Spektakel mit Laserstrahlen und mannshohen Fliegen, das nicht minder absurd ist als die Summe seiner Referenzen.

Llansó entscheidet sich also bewusst für den Irrsinn des billigen Genre-Kinos, was ihm und uns gerade zum Einstieg zugute kommt. In den ersten zwanzig Minuten sprudelt ein regelrechter Wasserfall aus wahnsinnigen visuellen Einfällen, der gar nicht zu versiegen scheint. Verkabelte Agenten mit VR-Brillen lassen die Erörterungen Philip K. Dicks zu Realität und Subjektivität aufleben, eine der Figuren ist passenderweise auch nach „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ benannt. Die Fortbewegung durch das virtuelle Betriebssystem geschieht durch einen Verzerrungseffekt in der Bewegung der Darsteller, der an die Stop-Motion-Animationen alter Harryhausen-Kreaturen oder auch an Wes Andersons niedliche kleine Planeten der zerrupften Hunde und Füchse erinnert.

In seinem Kurzfilm „Night in the Wild Garden“ hat der Regisseur diesen Effekt bereits angewandt, nun treibt er ihn zur Vollendung und nutzt ihn verstärkt als erzählerisches Mittel. Was da in Uncanny-Valley-Manier bewegt wird, sind die Avatare der Agenten, also Darsteller mit schwarzen Kapuzen, über die Masken prominenter Akteure des Weltgeschehens gestreift werden, vom Schauspieler bis zum Politiker. Deren Münder klappen so mechanisch auf und zu wie die brabbelnden Kanadier aus der Trickanimationsserie „South Park“, während Arme und Beine zitternd auf sich aufmerksam machen und ihre eigenen kleinen Tänze aufführen. Zurück in der Realität (an den plötzlichen Fluss der natürlichen Bewegung muss man sich übrigens einige Sekunden lang wieder gewöhnen) trifft man über kurz oder lang auf Batfro, die Blaxploitation-Variante der Adam-West-Inkarnation Batmans. Das Kostüm beinahe noch billiger als das Original, das Logo auf der Brust digital verpixelt.

Indes futtert der eigentliche Held unentwegt Pizza Margherita, während er von seiner massigen blonden Freundin, einer XXL-Kickbox-Athletin, „Little Fly“ genannt wird. So liebevoll der Kosename auf dem Papier klingt, er ist das Produkt einer erbärmlichen englischen Synchronisation, von der sämtliche Charaktere betroffen sind, so dass man sich wie in einem Bahnhofskino für schlechte Kung-Fu-Streifen wähnt. Dessen Einflüsse gesellen sich später auch noch in hoher Dosis hinzu, teilweise authentisch imitiert (allerdings mit mutmaßlich afrikanischen Kampfsportlern anstatt mit asiatischen), teilweise auch gleich wieder durch den Popkultur-Fleischwolf gedreht, wenn etwa vor der schönen Kulisse eines Wasserfalls eine „Round 1… Fight“-Ansage eingespielt wird wie in einem Capcom-Prügler.

Die Anwendungsgebiete überschneiden sich also grundsätzlich mit jenen primitiver Exploitation-Ware der Marke „African Kung-Fu Nazis“, doch anders als seine genügsamen Amateur-Kollegen weiß Llansó bedeutsame Subtexte hinter die Pastiche seiner medialen Einflüsse zu schichten. Ohne sie drohte allerdings zur Mitte hin auch schon der Exitus, denn an die repetitiven Spezialeffekte hat man sich alsbald gewöhnt und nicht einmal der verletzlich wirkende Daniel Tadesse kann als Agent Gagano die Schwäche Llansós kompensieren, seine Figuren (sicherlich auch zum Teil gewollt) wie Hohlkörper zu inszenieren, selbst wenn sie turteln und sich gegenseitig Liebesbekundungen zuflüstern.

Dabei macht Tadesse in diesem Kontext einfach wieder das, was er am besten kann: Er setzt mit seinem deformierten Körper und seiner völlig atypischen Protagonisten-Erscheinung einen Kontrapunkt zu den idealistischen Heldenentwürfen nach amerikanischem Vorbild. Das verschärft den Eindruck, man befinde sich in einem Paralleluniversum und alles, was behauptet werde, habe in Wirklichkeit die gegenteilige Bedeutung – eine Wirkung, die in den Hologramm-Propagandavideos der Großstadt aus der Abenddämmerung kurz vor dem düsteren „Blade Runner“-Szenario besonders gut zur Geltung kommt.

„Jesus Shows You The Way To The Highway“ wirbt für sich mit einem Anstrich, von dem die Schatzjäger retrofuturistischer Popkultur-Zitaterie angelockt werden könnten wie die Motten vom Licht; sie sollten allerdings das Risiko in Kauf nehmen, bei Kontakt von der elektrischen Lampe gebrutzelt zu werden. Miguel Llansó zelebriert nicht etwa die Bits und Bytes kultureller Verarbeitung historischer Ereignisse, sondern er sprengt sie in ihre Atome und legt eine Dystopie nach dem Vorbild der großen Schriftsteller und Philosophen frei, die solchem Tand jegliche Bedeutung absprechen. Ungeachtet der Verpackung, dies ist kein Film für Trinkspiele und gesellige Abende geistiger Berieselung; er drückt den Kopf in Richtung des sternverhangenen Nachthimmels und öffnet so die Pforte zur Nachdenklichkeit.

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