Review

Wintererkunderland


„Frozen“ wurde vor einem halben Jahrzehnt zum erfolgreichsten animierten Disneyfilm aller Zeiten, ist das immer noch (wenn man die Inflation und den neuen „Lion King“ mal rauslässt). Für die kleinen Mädchen gab es keine Größeren als Anna und Elsa, „Let It Go“ wurde rund um die Uhr (tot)gespielt und der Hype hielt gefühlt jahrelang, war maßlos und extrem, Merchandise ging weg wie heisskalte Semmel. Die Fusstapfen in Schnee und Eis könnten also nicht größer sein. Und nun ist die langerwartete Fortsetzung endlich im Kino. Kann der Erfolg wiederholt oder gar getoppt werden? Oder ist der Hype nun doch irgendwann vorbei, sind die kleinen Mädels ihren Prinzessinnen-Winterschuhen entwachsen? Und hat dieses Sequel überhaupt Sinn und Herz oder riecht es eher unangenehm nach dem schnell rollenden Rubel? Die Handlung erzählt jedenfalls von Elsa und Anna und ihren Freunden, wie sie einem Geheimnis aus der Vergangenheit Arendelles auf die Spur kommen, das sie in einen nebligen, verwunschenen Wald führt... 

Das Original ist einer meiner liebsten computeranimierten Disneyfilme, mehr moderner Klassiker kann man in meinen Augen nicht sein. Dies findet nicht jeder, einige hat dieser singende und kitschige Wintertraum richtig genervt, ich weiß. Aber ich kann ihn mir jeden Dezember ansehen, ohne dass er an Qualität verliert. Ich habe allerdings auch keine Kinder, die ihn wirklich die letzten Jahre auf Dauerschleife liefen hatten, dann sähe meine Welt vielleicht auch anders aus. Das nur zur Einordnung. Denn, um es kurz und (dennoch nicht ganz) schmerzlos zu machen: für mich kann dieser zweite Part da nicht annähernd mithalten. Es ist kein schlechter Film, nicht falsch verstehen. Weiter unten werde ich auch nochmal auflisten, was „Frozen II“ alles solide bis toll macht. Doch der Gesamteindruck ist eher der einer lauwarmen Erweiterung, etwas erwachsener und düsterer, höllisch gut produziert und animiert, aber insgesamt sehr ernüchternd, wenig sagend und... kalt. Das ist schade und da hatte man mehr erwartet, gerade wenn man sich schon mehr Zeit als üblich nimmt für neue Ideen, interessante Ansätze und lohnenswerte Weiterentwicklungen. All das war jedoch nur angekündigt und groß getönt, die Wahrheit auf der Leinwand sieht ein wenig anders aus und wirkt wie ein blasser, schneebedeckter Aufguss. Vor allem die Songs schlagen nie ganz durch, die Geschichte kaut etliche Facetten anderer Filme nach („Avatar“, „Das fünfte Element“ usw.), ist maximal vorhersehbar und macht es sich zu einfach, und richtig emotional wird es hier nur versucht, nie gemacht. Außerdem ist es mega seltsam, dass es keinen echten Antagonisten gibt. „Frozen II“ wird ein Erfolg, sogar ein Hit - aber eine Welle des Hypes, der positiven Überraschung und der Liebe wird diese Zugabe nicht durch den Winter reiten. Da bin ich mir jetzt schon sicher. Dafür ist das zu safe, generisch und nichtssagend, einfach nichts Besonderes mehr. 

Das hört sich aber schlimmer an, als es ist, das ist sehr streng ausgedrückt und da sprechen wohl auch etwas die hohen Erwartungen. Denn ich hatte bei „Frozen II“ dennoch eine gute Zeit und habe doch noch einige Dinge gefunden, die mir richtig gut gefallen haben und die den Vorgänger clever variieren, weiterentwickeln und erweitern. Dadurch könnte die Fortsetzung vielleicht sogar gerade denen vielleicht sogar besser gefallen als das Original, denen das nicht allzu gut mundet. Hier sind meine Pluspunkte: 

+ ein dunkleres, reiferes Feeling inklusive erstaunlich relevanter und tiefer Themen
+ die Optik samt den Schauplätzen und herbstlichen Farben ist der Oberhammer und ein großer Sprung, allein das animierte Meer *sabber*
+ Olaf hat einige tolle, witzige Momente (Kerkeling spricht ihn aber auch überragend)
+ die Synchronsänger legen wieder alles rein
+ alle alten Weggefährten sind am Start, einige süße neue Freunde kommen hinzu
+ die Kernaussage ist zwar schnell klar und der Storyverlauf ebenso, doch ihre Relevanz und Wichtigkeit, gerade heutzutage, sind definitiv riesig
+ die Verbundenheit der Schwestern ist mehr denn je spürbar
+ einige solide Musiknummern und eingehende, opulente Melodien (selbst wenn nichtmal ansatzweise ein „Let It Go“ dabei ist)
+ man erfährt mehr über die Vorgeschichte der Mädels und der Stadt
+ wie immer hervorragende deutsche Synchro (selbst wenn beim Singen vieles nicht ganz lippensynchron klappt)
+ am Ende hat sich wirklich grundsätzlich was getan bzw. verändert - und das obwohl die Geschichte doch sehr simpel und basic ist
+ keine allzu bösen Längen oder Leerlauf
+ ein paar trippigere Sequenzen
+ das „Frozen“-Feeling ist schon noch da, die liebgewonnenen Figuren sind noch die gleichen, sie sind auch etwas mit ihrem Publikum gewachsen
+ mal nicht nur Winterfarben und eisige Jahreszeit
+ leicht zu gucken, knackiges Abenteuer, hoher Wiederguckwert könnte ich mir vorstellen 

Fazit: richtig toppen kann bei dieser unspektakulären, schnell vergessenen Fortsetzung das Original eigentlich nur die Optik und die etwas größere Reife bzw. Dunkelheit. Ansonsten ist „Frozen II“ nett. Aber das ist eben auch tiefgefroren oft genug die kleine Schwester von... leider nicht Elsa. Eine optisch atemberaubende Enttäuschung. Können die erwachsenen Fans des Originals gucken. Müssen aber selbst die nicht. Und das dürfte als Fazit brutal genug sein. Einfach mehr erwartet. 

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