Ziemliche schlechte Freunde
„Das perfekte Geheimnis“ ist deutsches Blockbusterkino mit Ansage. Der „Fack Ju Goethe“-Regisseur hat momentan einen Lauf und weiß, was die Masse anspricht, die Besetzung geht hierzulande kaum prominenter und der Stoff hat schon in vielen anderen Ländern in den wenigen Jahren seit dem italienischen Original funktioniert. Da konnte nichts schief gehen, das läuft wie geschnitten Brot, die Kinobesucherzahlen sprechen für sich. Erst recht weil schon ähnliche (wenn auch wesentlich bessere) Dinger wie „Der Vorname“ oder vor allem „Der Gott des Gemetzels“ Appetit in die Richtung angeregt hatten. Nun also sowas wie der mainstreamige Hauptgang in Sachen theaterartigem Kammerspiel mit Geheimnissen, Vorurteilen und sieben Freunden seit Kindertagen, die einen Abend lang alle ihre Handynachrichten laut stellen, vorlesen und sozusagen für alle Anwesenden „durchsichtig“ machen. Und das führt wie nicht anders zu erwarten zu einigen Missverständnissen und bösen Überraschungen, die die Clique und Beziehungen auf eine harte Probe stellen könnten...
Was mir an der deutschen Version gefallen hat, auch im Vergleich zu anderen weltweiten Version, und was Bora Dagtekin und sein Team ätzend verschlimmbessert haben, lest ihr hier - abwechselnd und recht ausgeglichen, obwohl die negativen Punkte zum Teil schon definitiv schwerer wiegen...
+ das Tempo ist krachend schnell, fast schon zu hektisch und gewöhnungsbedürftig „Stakkato“
- tonal ist das oft mehr als verwirrt, weder gute Komödie, noch viel weniger echtes, ausüberlegtes Drama
+ die Starbesetzung zieht und jeder bekommt mindestens eine glänzende Szene (selbst wenn man auch da mehr erwarten könnte)
- steriles, künstliches und einfach unechtes Set aus dem Luxusmöbelladen kratzt an der Atmosphäre und Glaubwürdigkeit
+ Florian David Fitz und Jella Haase sind für mich besonders gut und oft sogar herausragend, Ersterer mit einigen wirklich „echten“ Momenten und Letztere wohl als einzige wirkliche nette Person in der Runde
- trotz sichtlichem Spaß bei allen Beteiligten sind die langjährigen Freundschaften nicht immer glaubwürdig, der ganze Verlauf wirkt höchst konstruiert
+ Themen wie falsche Freundschaften, gesellschaftliche Scheinheiligkeit und Handysucht bzw. „der gläserne Mensch“ könnten nicht akuter und aktueller sein
- fast alle Figuren wirken fast durchgehend unsympathisch und zum Teil echt eklig, wenn das ein Abbild „Deutschlands“ sein soll, dann gute Nacht
+ einige starke Witze - vom Writing bis zu Situationskomik oder nur Gesichtsausdrücke
- stark zweifelhafter Umgang mit Homosexualität und emanzipierten Frauen, andere Versionen der Story machen das in diesem Punkt (und auch insgesamt) viel bodenständiger und cleverer
+ hochwertiger Look, sehr gut anzuschauen
- weichgespülte, ärgerliche, fast schon unverschämt zuckrige und heuchlerische Happy Ends, die ebenfalls den internationalen, wesentlich ambivalenteren und düstereren Vergleichsprodukten weit nachstehen
+ ein paar süße (wenn auch etwas kitschige) Pärchen- und vor allem Vatermomente
- es ist leider eine Gruppe von Freunden, mit der man einfach nicht gerne Zeit verbringt und die verdammt viel Bullshit labert. Hinzu kommt dieses glatte und abgehobene „Upper Class“-Feeling, was alles noch weiter von Realismus oder Empathien entfernt
+ Grundidee ist ein Geniestreich, es hat schon einen Grund, warum diese schon über 10 (!) mal in nur wenigen Jahren rund um den Globus verfilmt wurde/wird
- viele Ideen (z.B. Mondfinsternis, Hund, Affären innerhalb der Gruppe) werden einfach links liegen gelassen
+ passende Klingeltöne zu den einzelnen Figuren
- Dialoge wirken phasenweise aufgesetzt und gestelzt, Overacting ist auch oft nicht weit
+ die Zeit vergeht schnell, es passiert immer etwas, es gibt genug Geheimnisse und Kurven
- ein guter Schuss Düsternis und Melancholie und Intelligenz und Gesellschaftskritik hätte nicht geschadet
+ Jessica Schwarz und Karoline Herfurth sehen wunderschön aus, sind echte Traumfrauen
- vieles wird simpel kopiert (vor allem von den Franzosen), das was selbst gemacht wird, geht weitestgehend in die Hose
- alles wirkt, trotz Schnitthyperaktivität, doch sehr statisch und austauschbar und einfältig, manchmal gar gruselig „katalogartig“
- manche Figuren bleiben arg blass (z.B. M'Bareks „Hausmann“)
- rückständiges, scheinheiliges Weltbild und fragwürdiger „Humor“
- unrealistisch: ein solcher Abend bzw. solches Experiment in echt wäre wahrscheinlich höchst langweilig und ereignislos
- den ganzen Abend saufen und dann fast alle mit dem Auto nach Hause - joa, denkt mal drüber nach
- Humor ist subjektiv, dennoch oft fast schon unangenehm, was andere Mitgucker im Kino lustig finden
- einfach und trocken gesagt: die, trotz starken Produktionswerten und heftiger Starpower, deutlich schwächere Wahl im Gegensatz zu vielen seiner Pendants (die französische Version gibt’s z.B. aktuell auf Netflix; das italienische Original ist mit Abstand am besten)
Fazit: teilweise köstlich, teilweise blöd, teilweise pfiffig, teilweise dumm, teilweise ärgerlich, teilweise clever, teilweise spielerisch, teilweise lustlos, teilweise von internationaler Klasse, teilweise typisch deutsch - „Das perfekte Geheimnis“ ist eine solide Variante des unheimlich beliebten Stoffes/der genialen Grundidee und in Ansätzen auch ein interessantes Abbild der Gesellschaft mit vielen ihrer Macken und Probleme, aber auch Hoffnung, Witz, Freundschaft und Freude. Würden die schwach weggeredeten, weggeschwiegenen homophoben, frauenfeindlichen und klischeehaften Entgleisungen nicht derart bitter und fies mitklingen, wäre sicher noch mehr drin gewesen. So reicht's für zwiespältige, oberflächliche Sonntagnachmittagsunterhaltung mit einem unangenehmen Beigeschmack, der die massiv-unterhaltsamen Qualitäten etwas überschattet. Schade. Aber es kommt halt sehr darauf an, wie böse man dem ist und wie sehr es einen runterzieht, sicher auch, ob man die anderen Variationen des gleichen Kuchen kennt... Aber um ehrlich zu sein: umso mehr ich über „Das perfekte Geheimnis“ nachdenke, desto unsympathischer wird er mir und ich greife lieber zu Versionen aus anderen Ländern.