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Es darf gelacht werden - oder auch nicht

Jeder kennt das. Bei alljährlichen großen Familientreffen eskaliert es gerne mal so richtig. Man kennt sich aus dem FF, verbringt aber kaum mehr Zeit miteinander. Eine explosive Mischung, denn das Wissen um die Unzulänglichkeiten der anderen ist so groß wie die Hemmschwelle niedrig. Deshalb ziehen die allermeisten Treffen im Freundeskreis vor. Mit denen verträgt man sich vermeintlich deutlich besser, schließlich hat man sie sich bewusst ausgesucht und musste auch nie in den 24-Stunden-Streßtest. Klar haben auch die leiben Freunde ihre Dämonen, Untiefen und Schattenseiten, aber die bleiben meist geheim, oder mindestens unter Kontrolle. Tja, außer man spielt eine digitale Variation von „Wahrheit oder Pflicht", dann kann selbst der alljährliche Weihnachtszoff noch was dazu lernen.

In „Das perfekte Geheimnis" wird ein 08/15-Pärchenabend zur Kriegszone, weil man auf die Idee kommt das Smartphones aller Beteiligten auf „Wahrheit" zu schalten. Soll heißen, alle eingehenden Nachrichten werden laut vorgelesen, alle eingehenden Anrufe auf Lautsprecher gestellt. Es gehört natürlich zum dramaturgischen Einmaleins solcher Kammerspiele, dass wirklich alle Beteiligten ordentlich Dreck am Stecken haben und dass all diese dunklen Geheimnisse sämtlich im Scheinwerferlicht landen. Denn mal ganz ehrlich, wie wahrscheinlich ist es denn, dass binnen eines Abends via Smartphone alle bis dato bestens verborgen gehaltenen Unartigkeiten und Peinlichkeiten ans Licht kommen?

Wie universell diese Geschichte ist, belegt der Fakt, dass binnen drei Jahren nicht weniger als 18 Remakes des italienischen Überraschungshits von 2016 produziert worden sind. Für die deutsche Variante überlies man nichts dem Zufall und verpflichtete das aktuell unbesiegbare Komödienduo aus Regisseur Bora Dagtekin und Star Elyas M´Barek („Türkisch für Anfänger", „Fack ju Göhte"). Überhaupt liest sich der Cast wie das who is who der deutschen (Komödien-)Filmszene: Karoline Herfurth, Florian David Fitz, Jella Haase, Frederick Lau, Jessica Schwartz und Wotan Wilke Möhring. Glücklicherweise war offenbar kein Platz mehr für Matthias Schweighöfer.

Und tatsächlich spielen dann wirklich alle groß auf, was zum einen am perfekten Type-Casting liegt, zum anderen aber an Dagtekins gewohnt souveränen Timing. Herfurth und M´Barek funktionierten schon in „Fack ju Göthe" wunderbar zusammen und sind hier als modernes Vorzeigepaar (er bleibt mit Elternzeit zu hause und sie arbeitet Vollzeit) auch wieder sehr authentisch. Frederick Lau ist als prolliger Taxifahrer voll in seinem Element, während Jella Haase als seine Freundin deutlich subtiler agiert wie in ihrer „Chantal"-Paraderolle („Fack ju Göthe"). Jessica Schwarz ist ebenfalls stark als äußerlich souveräne Psychologin, lediglich Florian David Fitz (mal wieder als emotional labiler Single) und Wotan Wilke Möhring (ihm nimmt man den weichherzigen Schönheitschirurgen nicht so recht ab) fallen etwas ab.

Die eigentliche Dynamik entsteht aber aus den Dialogen, die wiederum auf die diversen Enthüllungen des Handy-Spiels reagieren. Das ist teilweise herrlich zynisch und wirft einen bitterbösen Blick auf das heuchlerische Verhalten vieler sich für aufgeschlossen und progressiv haltenden Mittelständler. Im Laufe des Abend entpuppen sich einige als regelrechte Arschlöcher, oder zeigen zumindest eine Reihe verachtenswerter Züge. Und hier wird es intressant. An diesem Punkt setzt dann nämlich die teilweise entrüstete Kritik in vielen Feuilletons und Filmrezensionen ein. Dagtekin habe letztlich einen homophoben und frauenfeindlichen Film abgeliefert, der so gar nicht zur modernen, aufgeschlossenen bundesdeutschen Gesellschaft passt. Und da beginnt das Problem. Denn der enorme Publikumserfolg zeichnet ein gänzlich anderes Bild. Wäre die Empörung der Zuschauer vergleichbar mit jener der Kritiker, hätte die negative Mundpropaganda dem Film schnell den Gar ausgemacht. Das Gegenteil war aber der Fall, der Film stellte einen Wochenendjahresrekord nach dem nächsten auf. Was nun?

Filme sind wie kaum ein anderes Massenphänomen ein Spiegel ihrer Gesellschaft. Deshalb werden hinter den Kulissen ganze Stäbe gebildet, um die Stimmungslage des Publikums möglichst passgenau zu treffen. Andersherum gilt aber auch, dass ein Film wie „Das perfekte Geheimnis" kein Blockbuster wäre, würde er nicht einem gewissen gesellschaftlichen Konsens entsprechen. Ja, der Umgang mit Homosexualität hat etwas Heuchlerisches, da die Entgleisungen eines der Protagonisten in einem reaktionären Finalakt entschärft werden. Und ja, die Feminismusbeauftragten diverser Parteien und Gruppierungen werden wenig Freude an Caroline Herfurths Charakter haben. Die völlig wertneutrale Frage ist nun, sind diese beiden Figuren tatsächlich völlig exotisch und anachronistisch im heutigen Deutschland? Aber vielleicht gehen die Publikumslacher auch auf ein anderes Konto.
Die aktuell offenbar laut Umfragen von vielen Bürgern empfundene Einschränkung der Meinungsfreiheit - ob real vorhanden, oder nicht, spielt dabei keine Rolle - , das Gefühl bei bestimmten Themen sich nicht öffentlich äußern zu können und einer von Politik und Leitmedien vorgelebten PC-Besoffenheit ausgeliefert zu sein, all dies könnte zu einem Reflex führen, sich lachend dagegen aufzulehnen. Im dunklen Kinosaal ist man anonym und dennoch Teil einer Menge. Ein Akt der Befreiung? Dagtekin hat die erwähnten Brennpunktthemen jedenfalls erkennbar anders aufgezogen, wie das italienische Original und einige andere Remakes. Der dennoch ebenfalls riesige Kassenerfolg sagt am Ende allerdings mehr über das konsumierende Publikum wie über den herstellenden Regisseur aus.

Was man Film und Macher aber vorwerfen kann, ist sein zahnloses, auf Feel-Good-Atmosphäre getrimmtes Finale. Angesichts der zuvor gezeigten Zerwürfnisse und Entlarvungen charakterlicher Defizite, nimmt das angesteuerte Happy End der teilweise äußerst bissigen Satire ein ordentliches Maß an Schärfe. Das ist schade, denn das Original war hier deutlich mutiger und konsequenter unterwegs gewesen. So bleibt letztlich nur eine ungemein schmissige und kurzweilige Komödie, die sich trotz ihrer Bösartigkeiten gefällig in die hiesige Genre-Landschaft einfügt. Oder kommt auch hier wieder die Metaebene ins Spiel? Und diesmal ganz bewusst? Denn vielleicht war genau das der finale Zynismus-Kommentar Dagtekins, dass im aktuell hysterischsten PC-Land der westlichen Hemisphäre (das Vorbild USA scheint hier inzwischen eingeholt) einfach kein Platz dafür vorhanden ist, düstere Wahrheiten einfach mal so stehen zu lassen. Nur so ein Gedanke.

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