„Mr. Turner kommt schon wieder zu spät.“
US-Regisseur Sydney Pollack („Yakuza”) verfilmte mit dem 1975 erschienen „Die drei Tage des Condor“ den im Vorjahr veröffentlichten Roman „Die 6 Tage des Condor“ James Gradys mit seinem Lieblingsschauspieler Robert Redford in der Hauptrolle, mit dem er mehr als halbes Dutzend Filme zusammen drehte. Der New-Hollywood-Thriller greift das seit der Watergate-Affäre in weiten Teilen des Bevölkerung verbreitete Misstrauen gegenüber den Geheimdiensten auf und bestätigt dieses.
„Wann werden Sie sich endlich angewöhnen, den Dienstweg einzuhalten?“
CIA-Agent Joseph Turner (Robert Redford, „Der Clou“) hat beruflich eigentlich nichts anderes zu tun, als unter seinem Decknamen „Condor“ Bücher noch und nöcher zu lesen, um sie dahingehend zu analysieren, ob sie für die CIA irgendwelche relevant werden könnenden Informationen enthalten. Während er eines Tages in der Mittagspause ist, richtet ein Killer (Max von Sydow, „Der Exorzist“) Josephs ganzes Team hin. Verständlicherweise fürchtet nun auch Joseph um sein Leben und bittet seine Vorgesetzten darum, für seinen Schutz zu sorgen, die jedoch offenbar entgegengesetzte Interessen verfolgen. Joseph scheint vom Freund zum Feind geworden zu sein, weshalb auch immer. In seiner Sorge und Verzweiflung zwingt er die ihm auf der Straße begegnende Fotografin Kathy (Faye Dunaway, „Bonnie und Clyde“) dazu, ihm in ihrer Wohnung Unterschlupf zu gewähren. Nachdem er ihr Vertrauen gewonnen hat, beginnt er eigenverantwortlich, nach den Hintergründen des Massakers und dem Motiv zu recherchieren…
„Ich glaube, Sie lesen ein bisschen zu viel...“
Auf die funkig groovende Titelmelodie folgt bald völlig unvermittelt der kaltblütige Überfall auf Condors Büro, wobei er alle Kolleginnen und Kollegen verliert. Dass Condor kein klassischer Held ist, verdeutlichen seine Methoden: Mir nichts, dir nichts kidnappt er de facto eine unschuldige Frau und nutzt auch schon mal andere Menschen als lebendige Schutzschilde. Leider kann sich die Handlung das Stockholm-Syndrom-Klischee nicht verkneifen und nutzt es gar als Aufhänger für eine etwas bizarre Romanze, indem Condor seine Frau mit Kathy betrügt. Auf die Idee, sich einfach mal zu verkleiden oder sonstwie unkenntlich zu machen, um nicht mehr als wandelnde Zielscheibe unterwegs zu sein, kommt er hingegen nicht.
„Die andere Seite tut es auch!“
Pollacks Film vermittelt interessante Einblicke in die damalige Telefonüberwachungstechnik und zeichnet ein Bild der CIA als staatsterroristische Organisation, was, beschäftigt man sich mit der deren Geschichte, alles andere als weit hergeholt erscheint. Gegen Ende wartet man mit überraschenden Wendungen auf, während man über die gesamte Distanz seine Spannung sowohl aus der Frage nach der weiteren Unversehrtheit Condors als auch jener nach dem Motiv für das Massaker bezieht. Letzteres setzt sich nach und nach bruchstückhaft zusammen, es geht um einen von Condor verfassten Bericht. Etwas leicht macht es sich die Narration damit insofern, dass sie ihrem Filmpublikum dessen Inhalt unnötig lange verschweigt. Ich hoffe, ich spoilere nicht zu viel, wenn ich festhalte, dass es um Regime Changes im Nahen (aus US-Sicht: Mittleren) Osten zwecks Zugriffs auf die Ölvorräte geht, also um ein ganz reales Thema US-amerikanischer Außenpolitik. Erwartungsgemäß zynisch erklärt man sich und agiert man im Finale. Menschenleben, auch der eigenen Leute, müssen hinter ökonomischen Interessen zurückstehen.
Ähnlich wie beim zwei Jahre zuvor erschienenen „Serpico“ wird hier die Presse als mögliche Verbündete für die rechtschaffende Seite ins Spiel gebracht, wobei das Ende – auf sehr gelungene Weise – offenbleibt. Irgendwie passend: Die immer wieder opulent eingefangenen Twin Towers. Seinem Anspruch wird „Die drei Tage des Condor“ gerecht, schauspielerisch, technisch und ästhetisch ist erwartungsgemäß alles sahnig; nur die Handlung erscheint zuweilen etwas aufgebläht und gestreckt.