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„Der ganze Kapitalismus beruht doch auf den Vorteilen, die man anderen gegenüber hat!“

Der zweite Münchener „Polizeiruf 110“ um die zwischen den Abteilungen springende Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) ist zugleich Regisseur Dominik Grafs („Die Katze“, „Die Sieger“) fünfter Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe. Er konnte mit einem seiner favorisierten Drehbuchautoren, Günter Schütter, zusammenarbeiten, eine Kollaboration, deren Ergebnis am 25. Oktober im Rahmen der Hofer Filmtage ihre Premiere feierte. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte am 08.12.2019 in einer FSK-12-Fassung, die 16er-Fassung wurde am 10.12.2019 gezeigt.

„Das ist München bei Nacht – das muss man wegschnapsen…“

Elisabeth „Bessy“ Eyckhoff ist diesmal Teil eines Polizeiteams, das darauf angesetzt wurde, Reiko Fastnacht (Michael Zittel, „Baggage“), Geschäftsführer des Unternehmens „Safe Pack Energy“, zu überwachen. Dieser steht im Verdacht, illegalerweise mit Insiderwissen an der Aktienbörse tätig zu sein und damit über einen unlauteren Vorteil zu verfügen. Man ermittelt, dass die „MTT“-Wertpapiere rasant in ihrem Wert steigen sollen. Doch diese Information weckt auch bei den Polizistinnen und Polizisten Begehrlichkeiten: Warum nicht selbst in diese Aktien investieren und sich damit ein gutes Zubrot zum kargen Salär verdienen? Oberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl) und dessen Teammitglieder Roman Blöchl (Robert Sigl, „Laurin“), Meryem Chouaki (Berivan Kaya, „Wilde Jahre“) und Oumar Rast (Dimitri Abold) sowie der eingeweihte Frührentner und ehemalige Kollege Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz, „Am Abend aller Tage“) kratzen an Geld zusammen was irgend möglich, einer nimmt gar eine Hypothek auf sein Haus auf. Denn was soll schon schiefgehen? Letztlich alles: Die Börsenaufsicht interveniert und nimmt die Aktie nach ihrer ungewöhnlich schnellen Wertsteigerung vom Markt. Eyckhoff, die sich am Betrugsversuch nicht beteiligt hatte, muss nun zusammen mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann, „Tatort: Weiter, immer weiter“) von der Börsenaufsicht gegen ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen ermitteln – doch bei diesen liegen die Nerven blank…

„Nun mal ehrlich: Es geht bei uns nicht um Gerechtigkeit. Oder um Wahrheit. Es geht um die Sicherung von Besitzverhältnissen.“

Grafs Erzählweise ist alles andere als linear: Ausgehend von einer Verhörsituation Eyckhoffs werden die Ereignisse in Form einer ausgedehnten Rückblende rekapituliert und visualisiert. Dies geht u.a. mit Bildern eines ausgelassenen Kostümfests einher, in dessen Rahmen die Zuschauer(innen) die Verschwörergruppe kennenlernen und der Entstehung ihrer schicksalhaften Entscheidung beiwohnen. Das dürfte sich jedoch einfacher lesen als es ist, denn Graf führt in rasantem Tempo eine Vielzahl an Figuren ein und changiert munter zwischen den verschiedenen Zeitebenen, sodass man schnell den Überblick verlieren kann, bringt man nicht die entsprechende Konzentration auf. Diese jedoch wird bald belohnt von einer erzählerisch zwar herausfordernden, jedoch nie ihren roten Faden verlierenden Inszenierung, die mit diversen Genrefilm-Versatzstücken angereichert wird und sich zu einem dramatisch verlaufenden, actionreichen und immer wieder überraschenden Gesamtbild zusammenfügt.

„Wie kann der Staat Menschen einsetzen, die nichts anderes tun sollen, als die Interessen vom Kapital zu vertreten, ohne daran zu denken, dass die vielleicht mal ihren Anteil daran haben wollen?“

Der größte Überraschungseffekt dürfte bei unbedarfter, unvorbereiteter Herangehensweise an die Filmrezeption sein, dass es sich trotz seines Börsenthemas um keinen Wirtschaftskrimi handelt, sondern vielmehr um einen Milieuthriller – und das Milieu ist jenes der Polizei selbst. Die hier porträtierten Polizistinnen und Polizisten sind allesamt keine Krösusse, wie sich nicht nur aus den Dialogen untereinander ergibt: In einem Freeze Frame erklingt ein Sprecher aus dem Off, der kurzerhand das zusammenfasst, was die Dialoge möglicherweise nur unvollständig zu vermitteln vermögen. Doch Schütter und Graf wären nicht sie selbst, würden sie es bei einem Einstimmen ins Lamento bewaffneter uniformierter Beamtinnen und Beamter von Unterbezahlung und Übervorteilung belassen, um daraus deren Motive abzuleiten. Vielmehr wird auch das kapitalistische System offen kritisiert und die Rolle der Polizei in ihm reflektiert (aufgrund derer sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist).

Gänzlich zu einem Soziogramm der durch und durch korrumpierten kapitalistischen Gesellschaft gerät „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, wenn die Solidarität der Verschwörer(innen) – abhängig Beschäftigte, kleine Fische – nach und nach zerbröckelt und man sich inklusive krasser, unvermittelter Gewaltausbrüche gegenseitig zerfleischt, da man weder über finanzielle Abfederungen noch über die nötige Kaltschnäuzigkeit, allerdings auch nicht über ausreichenden Intellekt verfügt, cool zu bleiben, konsequent zusammenzuhalten und die Ermittlerin samt Börsenaufsicht auflaufen zu lassen. Stattdessen zerbrechen jahrelange Freundschaften irreparabel und greifen Leid und Verzweiflung um sich, woran manch einer zu Grunde geht. Dass man sich letztlich auch nur (einmal mehr) als Spielball der Interessen des Kapitals wiederfindet, ist der finale geniale Kniff dieses „Polizeiruf 110“, mit dem Schütter und Graf einmal mehr beweisen, auf welch unterhaltsame, sogar mit weit mehr als nur der nötigen Härte versehene Weise ein solcher Themenkomplex bearbeitet werden kann, ohne ein sprödes Sozialdrama, sozialdemokratisch müffelndes Stück gesellschaftskritisches Halbbildungsfernsehen oder moralinsaures Melodram daraus zu stricken. Danke!

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