Es gibt viele Dinge, die untrennbar mit den 1980er-Jahren verbunden sind. Der Zauberwürfel (den ich nie lösen konnte), die Fernsehserie Alf (von der ich alle Folgen gesehen habe), die Vokuhila-Frisur (die meinen Kopf glücklicherweise nie heimgesucht hat), Songs wie 99 Luftballons, Eye of the Tiger, Born in the U.S.A. oder The Final Countdown (die bei mir rauf und runter gelaufen sind), die Bontempi-Heimorgel (auf der ich die folgenden zwei, drei Jahre zu Weihnachten Stille Nacht, heilige Nacht gespielt habe), und Kaugummizigaretten (die einzigen Tschicks, die ich regelmäßig "geraucht" habe), um nur einige zu nennen. Aber das alles verblaßt gegen das rhythmische Fitnesstrainings-Phänomen namens Aerobic. Daran kam man einfach nicht vorbei. "Er robict, sie robict, und du robicst jetzt a" sang Austropopper Rainhard Fendrich, während die amerikanische Schauspielerin Jane Fonda zur Vorturnerin vieler Nationen avancierte (und damit, ganz nebenbei, ein Vermögen scheffelte). Aerobic war in, so was von in. Insofern ist es verwunderlich, daß die Aerobic-Hysterie nie so richtig ins Filmgeschäft überschwappen konnte. Zwar gibt es unzählige Videos, in denen sich hübsche, junge, durchtrainierte Frauen zu rhythmischer Musik die Körperteile verrenken (mit dem Ziel, daß man zu Hause nicht nur blöd glotzend auf der Couch hockt, sondern ihren Beispielen so gut es geht folgt), und es gibt genug Filme, in die man die eine oder andere Aerobic-Szene integriert hat, aber als zentrales Thema kommt dieser schweißtreibende Trend meines Wissens nur äußerst selten bis gar nicht vor.
Auch in David A. Priors Killer Workout - in einigen Ländern passenderweise unter den Titeln Aerobicide bzw. Aerobic Killer bekannt - steht Aerobic nicht wirklich im Zentrum, allerdings ist es dermaßen präsent, daß man nahezu unablässig damit konfrontiert wird. Der Grund ist einfach. In einer angesagten Fitnessbude in Los Angeles, geleitet von Rhonda Johnson (Marcia Karr, Savage Streets), wird aerobict, daß sich die Balken biegen. Tag und Nacht, rund um die Uhr, scheinen die Damen ihre Bodies zu shaken, sodaß es sich anfühlt, als wäre etwa ein Viertel des Streifens mit Aerobic-Übungen vollgestopft. Für die einen mag das die Hölle sein, für die anderen ist es das Paradies. Heiße Chicks in hautengen, farbenprächtigen Spandex-Outfits, ausgestattet mit Schweißbändern und Legwarmers, lassen gut gelaunt ihre Becken kreisen und fröhlich ihre Titten wippen, daß es nur so eine Wonne ist. Strahlende Gesichter, schweißglänzende Schenkel, blitzende Augen, naturbelassene Brüste, feuchtschimmernde Lippen, sich im Takt bewegende Arme, wallende Haarmähnen, weit gespreizte Beine, auffälliger Ohrschmuck, knackige Ärsche, yeah, baby, yeah! Und es wird noch besser! Jede Menge schmissiger Popsongs mit Titeln wie Woman on Fire, Rock n' Rock, Animal Workout und der Über-Ohrwurm Knockout (Textzeile: "She's a knockout, better look out, she'll take you out") liebkosen eifrig die Gehörgänge, während für den "normalen" Score von Todd Hayen ausgiebig der Synthesizer malträtiert wurde. Das ist die volle Dröhnung an purem 80s-Chic, das Nonplusultra.
Auch auf die Gefahr hin, mich für den Rest meines Lebens als notgeiler Perversling abzustempeln... bei all den prallen Rundungen, die Director of Photography Peter Bonilla wie mit dem zärtlichen Geschick eines langjährigen Profi-Voyeurs einfängt, und all dem unwiderstehlichen, zeitgenössischen Drumherum (wie die Musik, die Mode, die Frisuren, die Autos, etc.) fällt es als nostalgisch veranlagter Genrefan ungemein schwer, nicht mit einer achtzigminütigen Dauererektion sabbernd vor der Glotze zu sitzen. Zumal es ja auch noch so etwas wie eine Geschichte gibt. Die ist zwar so dünn wie der Stoff, der bei einem süßen Mädel beinahe in der Poritze verschwindet, aber kümmert dieser Umstand den geneigten Zuschauer auch nur ein kleines bißchen? Ich denke nicht. In Rhondas Fitnessbude geht nämlich nicht Falcos Kommissar, sondern ein mysteriöser Killer um, der mit einer übergroßen XXL-Sicherheitsnadel schöne Menschen totsticht. Und wo es einen Mörder gibt, da gibt es auch einen Polizisten, der ihn fangen will. In diesem Fall ist das Detective Lieutenant "Ich habe meine Lachmuskeln chirurgisch entfernen lassen" Morgan (David Campbell, Scarecrows), ein harter, grimmiger Hund, der Wörter wie "Mitgefühl" oder "Einfühlvermögen" aus seinem Vokabular gestrichen hat. Auf Jaimys (Teresa Van der Woude) "she was so pretty" im Hinblick auf eine eben Verblichene erwidert er nur trocken: "Not anymore". Leider ist Morgan nicht nur ein ausgewachsener Kotzbrocken, sondern auch noch ein begnadeter Stümper der Extraklasse.
Für die Dramaturgie des Filmes spielt dieses Detail jedoch keine Rolle. Aus dem einfachen Grund, weil es keine Dramaturgie gibt. Es gibt auch keine Spannung und keine Figurenzeichnung, und den Zuschauer interessiert es nicht die Bohne, wer der geheimnisvolle Mörder ist und ob er am Ende geschnappt und seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Und doch muß man vor Regisseur und Drehbuchautor David A. Prior den Hut ziehen. Er überläßt nämlich dem Rezipienten die endgültige Entscheidung darüber, was Killer Workout eigentlich ist, stellt ihn vor die Qual der Wahl. Handelt es sich bei dem Film um eine feinsinnige, hintergründige, urkomische Genreparodie, oder ist der Streifen einfach nur katastrophal vermurkster Trash? Ich tendiere stark zu letzterem, aber sicher bin ich mir keineswegs. Ist es wirklich möglich, solch hirnverbrannten Kokolores herunterzukurbeln, ohne daß einem dabei der Schalk im Nacken sitzt und unaufhörlich vor sich hin gluckst? Leider kann man diese Frage aller Fragen dem Mann, der Killer Workout geschaffen/verbrochen hat, nicht mehr stellen, hat er doch am 16. August 2015 die Bühne des Lebens verlassen. Seine Hinterlassenschaft ist sehr ansehnlich, zumindest für B-Movie-Fans. Sledgehammer (1983), Deadly Prey (Tödliche Beute, 1987), Mankillers (Death Squad, 1987), The Final Sanction (Final Sanction - Zum Töten gedrillt, 1990), Mutant Species (Bio-Force - Die Killer-Bestie aus dem Gen-Labor, 1994), Zombie Wars (War of the Living Dead, 2007) und Night Claws (Night Claws - Die Nacht der Bestie, 2012) stammen allesamt von ihm.
In einer von unzähligen absurd-doofen Szenen (der ungekrönte König absurd-doofer Szenen ist natürlich, daß unbekümmert Aerobic betrieben wird, während Tag für Tag die Toten in Leichensäcken rausgeschleppt werden und daß es Morgan - wir erinnern uns: ein begnadeter Stümper der Extraklasse - nicht im Traum einfällt, das Gym einfach dichtzumachen) besprühen einige Halbstarke die Fenster des Studios mit den Wörtern "Aerobicide" und "Death Spa"... und werden vom Killer für diese Missetaten unverzüglich dahingemeuchelt. Lustigerweise entstand mit Michael Fischas Death Spa (Witch Bitch - Tod aus dem Jenseits) noch im selben Jahr ein ähnlich gelagerter Film, in dem ein Fitnesscenter Schauplatz mörderischer Aktivitäten wird. Zwar ist Death Spa der bessere Film (der weit, weit, weit bessere Film, um genau zu sein), aber in Punkto Unterhaltungswert schenken sich die beiden nichts, da hat sogar Killer Workout die triefende Schnapsnase vorne. Ja, dieser Streifen ist, man möge mir meinen überschwänglichen Enthusiasmus verzeihen, ein(e) Super-GAU(di) irrwitzigen Ausmaßes, an dem/der man sich einfach nicht sattsehen kann. Seien es die bescheuerten Dialoge, die dämlichen Aktivitäten, die grausig choreographierten Fights, die lächerlichen Fake-Scares, die dilettantischen Anschlußfehler, die reichlich sinnlose Aneinanderreihung der verschiedenen Szenen (in der vergeblichen Hoffnung, daß sie am Ende irgendwie eine Geschichte ergeben), der selbstzweckhafte Aerobic-Overkill, die extravagante Tatwaffe, die haarsträubende Auflösung... das alles ist so herrlich daneben, daß man ob des glücklich-dümmlichen Dauergrinsens einen veritablen Lachmuskelkater in Kauf nehmen muß.
Nein, es ist mir nicht möglich, über dieses wunderbare Machwerk - dieses unverschämte Guilty Pleasure - auch nur eine halbwegs seriöse Kritik zu verfassen. Sorry. Dazu müßte man gegen diesen erbarmungslosen Frontalangriff von so gut wie allem, was die Achtziger ausmacht, allen voran des leckeren Aerobic-Wahnsinns und der scheußlich-geilen Popmusik, immun sein, und das bin ich (leider? gottlob?) nicht. In dieser Hinsicht liefert Killer Workout ab wie selten ein Genrefilm zuvor, deshalb sei es ihm auch verziehen, daß die schauspielerischen Darbietungen (darunter auch die von Ted Prior, des Regisseurs Bruder, als zwielichtiger Trainer) lachhaft sind, daß das Geschehen unmotiviert und völlig spannungslos dahindümpelt, und daß die Morde recht zurückhaltend und blutleer in Szene gesetzt worden sind. Es mag paradox klingen, aber Killer Workout ist einer der schlechtesten und einer der geilsten Slasherfilme, die je gedreht wurden. Gleichzeitig. (Deshalb auch meine Kompromißbewertung von fünf Punkten.) Nach objektiven Qualitätskriterien filmischer Sondermüll einerseits, dank des exorbitant hohen Unterhaltungswertes jedoch auch eine unwiderstehliche wenn auch etwas spezielle Spaßgranate andererseits. Schlock vom Feinsten, unverzichtbar für nimmermüde Angler im trüben, scheinbar bodenlosen Bad-Movie-Tümpel. Und damit entpuppt sich Killer Workout als ein würdiger und nicht zu unterschätzender Konkurrent für Claudio Fragassos unsterblichen Troll 2 (1990), im Kampf um den Titel "Best Worst Movie".