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Dave (Dave Balko) sitzt im Jugendknast in Berlin: er ist wegen Frisierens geklauter Motorräder für zwei Jahre eingebuchtet. Als sich seine Freundin Corinna (sehr heiß: Brigitte „Playmate des Jahres 1981“ Wöllner) schon länger nicht mehr blicken lässt und auch der Anwalt keinen Deal für ihn herausschlagen kann, flieht Dave beim Transport in die Krankenstation. Bei der Rangelei dabei mit einem Polizisten löst sich ein Schuss und der Beamte wird schwer verletzt.
Somit jagt ihn nicht nur die Polizei, auch sein Ex-Auftraggeber Kowalsky (Otto Sander) sowie der zwielichtige Anwalt und Nachtclubbesitzer Hoffmann (Rolf Eden in einer Paraderolle) wollen sich von Dave nicht in die Suppe spucken lassen. Einzig der Klubbesitzer (Hanns Zischler) und Nina (Uschi Zech) helfen und verstecken ihn…

Endlich gibt es ihn auf DVD! Danke Media Target alias Subkultur!! “Kalt wie Eis” ist nicht nur ein spannender, konsequenter und schnörkelloser Exploitationer aus deutschen Landen und dabei gut und nicht peinlich, sondern auch ein Zeitdokument aus einer geteilten Stadt mit New Wave, Punk und NDW. Immer wieder wird Berlin direkt an der Mauer gezeigt, so als ob nicht nur diese Stadt, sondern eben auch der gejagte Dave am Rande steht.
Berlin Ende der 70er, Anfang der 80er war – soweit auch ich mich daran erinnern kann – ein einzigartiges, kreatives Biotop in der Bundesrepublik. Kaum eine Szene hierzulande war so vielfältig und einflussreich und dies spiegelt „Kalt wie Eis“ besonders musikalisch wieder. Auftritte von Tempo, Blixa Bargeld etc. schmücken diesen Film nicht nur, sondern erweitern ihn und machen ihn auch zu einem umwerfenden Zeitdokument. Und Berlin wirkt wie ein schizophrener Kosmos, hier die neue Untergrund-Bewegung, dort die alten, z. T. kriminellen Strukturen, verkörpert durch die Bosse Hoffmann und Kowalsky.
Der Schweizer Carl Schenkel, dessen Debüt der Film ist, geht auch somit über die klassische Exploitation-Struktur hinaus und benutzt dessen Stilmittel (Gewalt, Sex, Action), um Dave als einsamen, durchaus sympathischen Außenseiter zu charakterisieren, der aufgrund seiner Vorgeschichte nie wirklich dazu gehören wird: weder zur neuen Kunstboheme (die Szene vor der Galerie, als ihm beim Auftritt vom „Skorbut!“ schreienden Blixa Bargeld die Tür vor der Nase zugemacht wird) noch zur wirklichen Unterwelt – er will mit der schwangeren Corinna einfach irgendwo glücklich werden, Hauptsache, er muss nicht mehr in den Knast. Und das fatalistische Ende unterstreicht diese Verlorenheit: irgendwann wird es für Dave zu unbequem zwischen allen Stühlen und er muss einen Befreiungsschlag wagen.
Die Schauspieler sind, trotz ihrer gewissen Unerfahrenheit und der des Regisseurs, gut gewählt. Dave Balko, Mitglied bei Tempo, macht seine Sache gut. Er ist nicht wahnsinnig charismatisch, aber er bringt Daves Verzweiflung und seine gleichzeitige Träumerei exakt rüber. Auch Brigitte Wöllner absolviert ihren ersten und einzigen (SCHADE) Filmauftritt gut und ihre Unbekümmertheit passt perfekt zur Rolle der Corinna, die mal bei Dave sein will und sich doch nicht vom schicken Leben mit dem zwielichtigen Hoffmann ganz trennen kann.
Die anderen Schauspieler wie Otto Sander und Hanns Zischler sind eh souverän und Rolf Eden spielt sich selbst – dies aber passend und perfekt!
Kurzum: „Kalt wie Eis“ ist so kaltschnäuzig, schmuddelig, schräg, brutal, sexy und enervierend wie seine Entstehungszeit und –ort. Sehr sehenswert, auch für Leute, die mit New Wave, Punk etc. nix anfangen können (oder damals noch gar nicht geboren waren!).
8,5/10.

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