Baby, Baby, meine Nerven sind heiß - und du Kalt wie Eis!
Das erste Mal las ich von Carl Schenkel's '81er Kultfilm in Christian Graf's
NDW Lexikon, in dem der Film als bedrohlich-morbide beschrieben wird
und das seine Stimmung an Filme, wie Ridley Scott's "Blade Runner" (1982)
erinnern würde.
Ich habe jahrlange Ausschau gehalten, aber der Film blieb ein Mysterium.
Umso mehr freute ich mich über diese limitierte DVD-Veröffentlichung.
Der Film erzählt die Geschichte der desillusionierten "No Future"-Jugend
der frühen 80er Jahre zwischen Jugendknast, Gewalt, Punk und New Wave.
Der junge Dave Balko sitzt im Knast, weil er gestohlene Motorräder frisiert
hat. Seine alten "Kumpel" lassen ihn hängen und auch seine Freundin lässt
sich nicht mehr blicken.
Als er sich schließlich zur Flucht entscheidet kostet das versehentlich
einen Wachmann das Leben. Von diesem Punkt an gibt es kein Zurück mehr und
er gerät in einen unaufhaltsamen Strudel aus Gewalt, während sich die
Schlinge immer enger um ihn zieht...
Carl Schenkels Film spiegelt sehr gut die Hoffnungslosigkeit einer
ausgestoßenen und abgeschriebenen Jugend. Ein ungehörter Hilfeschrei in
Form von bunten Buttons, Lederjacken und wilden Frisuren. Laut und "auf
die Fresse". Das geteilte Berlin mit Mauer und Todesstreifen wurde von
Kameramann Horst Knechtel gekonnt düster, trist und grau dargestellt bzw
eingefangen.
Der Film entstand zur gleichen Zeit, wie Klaus Tuschen's vergessener Spielfilm
"Frontstadt", der wiederrum ein ernüchernd-tristes Bild der pulsierenden
Metropole bot und dessen Soundtrack ähnliche Perlen aufweist (u.a. spielt
auch bei Tuschen die Gruppe "Tempo" eine große Rolle).
Schenkel spielt in seinem Film dagegen sämtliche urbanen Klischees aus, die
zu haben sind, was "Kalt wie Eis" neben authentischen Bildern auch einen hohen
Unterhaltungswert verleiht. Musikalisch sind u.a. Performances von Bands und
Künstlern wie Blixa Bargeld (Neubauten), den Neonbabies, oder Extrabreit zu
sehen, was einen wilden Rausch enstehen lies, der einerseits einen
authentischen Blick auf die damalige Szene, als auch tatsächlich eine düster-
futuristische Tristesse ausstrahlt, die Filmen wie "Blade Runner" ähnelt.
Auch darstellerisch weiß der Film durch die Bank mit prominenten Namen, wie
Hanns Zischler und Otto Sander zu überzeugen.
Mit Dave Balko übernahm eine Laie die Hauptrolle, was der Autentizität gut tut,
denn er vermittelt (als reales Mitglied der Band Tempo), genau die passende
verträumte Unschuld auf der einen als auch die Hoffnungslosigkeit seiner
Figur auf der anderen Seite.
Otto Sander agiert in seiner kleinen Rolle als schmieriger Ganove Kowalsky
gewohnt überragend und es bestätigt sich wiedermal, dass er einer der
vielseitigsten deutschen Schauspieler unserer Zeit ist.
Regisseur Carl Schenkel, der später mit Thrillern wie "Abwärts" (1984)
und "Knight Moves" (1992) hohe Bekanntheit erlangte, konnte diese
Veröffentlichung leider nicht mehr erleben. Er lebte und arbeitete in den USA
und verstarb bereits im Jahr 2003 im Alter von nur 55 Jahren.
Die limitierte und DURCHNUMMERIERTE DVD von Media Target unter Mitwirkung von
Studiocanal, kommt mit 8-seitigem Booklet und einem Button mit Filmmotiv.
Bild und Tonqualität sind restauriert und durchaus gut bis sehr gut!
Als Bonusmaterial gibt es u.a. ein Intro von Rolf Eden (der im Film den Unternehmer
Hoffmann gibt), sowie einen Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger, der nebenbei
auch das Booklet verfasste.
Fazit:
Düsterer Blick auf eine geteilte, zerissene Stadt und ihre hoffnungslose,
desillusionierte Jugend! Ein Film, wie ein Faustschlag.
Ich empfehle allen interessierten Cineasten, sowie Fans von Punk und
New Wave sofort zuzugreifen, denn diese DVD wird nicht allzu lang zu
haben sein!