Review

Auch ohne Stephen Kings Romanvorlage zu kennen, wirkt die Handlung von „Dreamcatcher“, 2003 von US-Regisseur Lawrence Kasdan („French Kiss“, „Wyatt Earp“) verfilmter Science-Fiction-Horror, auf mich, als hätte King sich vor allem selbst kopiert. Eine verschworene Gruppe Kids, deren Freundschaft bis ins Erwachsenenalter hinein anhält, die als Kinder eine vermisste Person gesucht haben, sich gegen Rowdys behaupten mussten und einen Außenseiter kennenlernten, der zudem über übersinnliche Fähigkeiten verfügt? Das hat man alles so ähnlich schon einmal gelesen bzw. gesehen, und das auch weitaus weniger kitschig als in diesem Falle. Als während einer der Rückblenden der junge Beaver ein Lied für den verängstigten Duddits singt, wähnte ich mich jedenfalls mehr in einem Disney-Film denn in einer King-Verfilmung. Zudem sieht Reece Thompson, zurechtgemacht als Lookalike seines erwachsenen Alter Egos, einfach pervers aus. Die Aussage, geistig behinderte bzw. geistig behindert wirkende Mitmenschen nicht zu diskriminieren, ist sicherlich löblich, wäre weniger nach Holzhammer-Methode nahegebracht aber evtl. wirkungsvoller ausgefallen.

Doch obwohl (oder gerade weil?) einem als geübter Zuschauer so vieles bekannt vorkommt, funktioniert „Dreamcatcher“ zunächst recht gut: Die routiniert geschauspielerten Charaktere wirken interessant und sympathisch, das Ambiente des verschneiten Walds ist stimmig und sorgt für eine gewisse Erwartungshaltung beim Horrorfan, die später so leider nicht erfüllt wird, und die Dialoge fielen erfrischend humorvoll und was das Zusammentreffen von alten männlichen alten Kumpels betrifft, bisweilen realistisch-vulgär aus. Doch ab dem Zeitpunkt, nachdem sich der dem Rektum eines Einheimischen entsprungene, bissige Alien-Wurm aus der Kloschüssel befreit und gefühlt viel zu früh das erste Mitglied unseres Viererclans ins Jenseits befördert hat, verliert „Dreamcatcher“ an Klasse und verkommt nach und nach zu hollywoodtypischem Big-Budget-Materialschlacht-Trash.

Denn plötzlich geht es um eine geplante Außerirdischen-Invasion, das US-Militär, das etwas dagegen hat und viel Action, nur leider nicht mehr um psychologisch geschickten, mystischen Horror. Außerdem erhärtet sich immer mehr der Verdacht, als wäre man damit überfordert gewesen, eine vermutlich recht komplexe King-Geschichte in 130 Minuten Film zu pressen, so dass man aus der Verlegenheit, gewisse Zusammenhänge nur unzureichend erklären zu können, den Zuschauer lieber mit ein paar Actionszenen mehr abspeist. Das ist auf Dauer recht ermüdend, denn spätestens, nachdem man vom heimischen Sofa aus erkannt hat, dass der Film die Kurve nicht mehr kriegen würde, schwindet doch arg die Bereitschaft zur Aufmerksamkeit. Wer sein Gehirn auf Sparflamme herunterfährt, kann sich einen für seine unausgegorene Rolle überbesetzten Morgan Freeman, viel Rumms und Bumms und eine ganze Reihe gar nicht so verkehrter CGI-Spezialeffekte, die aber dennoch natürlich nie den Charme handgearbeiteter Umsetzungen erreichen, ansehen und beherzt in die Popcorn-Tüte greifen, von einem nachhaltig faszinierenden Filmerlebnis, einem emotionsgeladenen Eintauchen in die bitter-melancholische Welt Stephen Kings oder einfach einem geradlinigen Stück Alienhorror ist „Dreamcatcher“ aber weit entfernt.

Details
Ähnliche Filme