Review

Abgesehen davon, daß Tim Kincaids Riot on 42nd St. ein verdammt geiles Stück Exploitation ist, ist der billig produzierte Streifen ein wunderbares Zeit- und Kulturdokument, welches in keiner Zeitkapsel fehlen sollte.

Jahrzehntelang war die 42. Straße in New York mit ihren zahlreichen, meist schäbigen Kinos, Nachtclubs, Absteigen, Sex-Shops, Geschäften und die den Gehsteig auf und ab flanierenden Bordsteinschwalben ein Tummelplatz für allerlei zwielichtige Gestalten, die es dorthin zog wie die Motten in das Licht. Ende der Achtziger-Jahre kam diese Ära zu ihrem (absehbaren) Ende, und heutzutage ist die ehemals sündige Straße kaum mehr wiederzuerkennen, und es fällt schwer sich vorzustellen, wie es dort damals zuging.

Aus exakt diesem Grund ist es wichtig, daß es Filme wie Riot on 42nd St. gibt, die mutige Filmemacher zur Blütezeit inmitten des Hexenkessels gedreht haben. Man begab sich on location, stellte die Kamera an vielversprechender Stelle auf, warf sie an und filmte munter drauflos. Arthur D. Marks, dem Kameramann des hier besprochenen Streifens, gelangen großartige Impressionen einer schillernden Szene kurz vor dem Niedergang. Unzählige Menschen tummeln sich, Ameisen in einem Ameisenhaufen gleich, auf der Straße. Grelle Leuchtreklamen machen auf Geschäfte aufmerksam, die nicht weniger versprechen als die sexuelle Sensation. In vielen Kinos laufen Pornofilme, gleich drei oder vier am Stück; manche zeigen alternativ aber auch billige Horror- oder Frauengefängnisfilme.

Die vielen kleinen Gassen, die von der berühmt-berüchtigten Straße abzweigen, sind dunkel, unheimlich und übersät mit Müll und Dreck; nur ganz Wagemutige riskieren dort einen Spaziergang, und man mag sich gar nicht ausmalen, was in diesen schäbigen Gassen im Laufe der Zeit so alles passiert ist. In den Stripschuppen entkleiden sich gelangweilte Tänzerinnen vor einem anonymen Publikum, von dem sie durch die schmalen Sichtschlitze nur die gaffenden Augen wahrnehmen (die Stripperinnen mögen Schauspielerinnen sein, das Peepshow-Ambiente ist jedoch echt).

Und in einem Nachtclub treibt ein glückloser Stand-Up-Comedian aus Brooklyn namens Zerocks sein Wesen, in dessen Programm sich ein Blindgänger an den nächsten reiht. Ehrlich, nur jeder zehnte Gag zündet, wenn überhaupt. Es muß wohl Dutzende solcher Komiker gegeben haben, und alle sind sie der Vergessenheit anheim gefallen. Bis auf Zerocks, dessen Unvermögen man in Riot on 42nd St. in all seiner fröhlichen Pracht bestaunen kann. Kincaid saugt die sonderbare Atmosphäre dieses Ortes förmlich auf, inhaliert das authentische Lokalkolorit, füllt seine Lungen bis zum Bersten mit all den dubiosen Attraktionen, welche die Gegend zu bieten hat... und haucht sie dem gespannten Zuschauer genüßlich mitten ins verdutzte Gesicht.

Man mag es kaum glauben: Eine Geschichte wird in Riot on 42nd St. auch noch erzählt, obwohl es sehr lange dauert, bis sie sich endlich herauskristallisiert (das hat er mit dem zwei Jahre zuvor entstandenen und ähnlich gelagerten Kracher Bad Girls Dormitory gemein). Glenn Barnes (John Patrick Hayden) saß drei Jahre wegen Totschlags im Gefängnis. Nun ist er zurück (sein Taxifahrer heißt ihn mit den Worten "You want scum, you came to the right place" herzlich willkommen), und seine Ambitionen passen einigen so gar nicht in den Kram. Wie zum Beispiel Farrell (Michael Speero), dem Inhaber des Stripclubs Love Connections, der in dem Heimkehrer eine unerwünschte Konkurrenz sieht, die es auszuschalten gilt. Und er bzw. sein Mann fürs Grobe, ein brutaler Muskelprotz namens Remy (Ex-Wrestler Carl Fury), sind in der Wahl ihrer Mittel alles andere als zimperlich.

So schneidet der sadistische Killer einem von Glenns Leuten erst die Gurgel durch, bevor er ihm im Anschluß den Kopf absäbelt, woraufhin der Unglückliche langsam in einem Müllcontainer zu Boden sinkt, Blut aus seinem Halsstumpf verspritzend. Der abgetrennte Kopf endet in einer Schachtel auf dem Tisch von Barnes. Bevor der sich von seinem Schreck erholen kann, kommt es zu einem irren Massaker in seinem Nachtclub, wo von Maschinengewehren ausgespuckte Kugeln gleich doppelt durch die Körper der Anwesenden fetzen (einmal in Normalgeschwindigkeit, und einmal - weil's so schön war - in Slow Motion) und die angebrachten Blutbeutel effektvoll ihren Inhalt verspritzen. Als auch noch seine Freundin (Kate Collins) entführt wird, ist Schluß mit lustig.

Riot on 42nd St. ist neben She's Back (mit Carrie "Princess Leia" Fisher!) das einzige Kincaid-Schlockfest mit Starpower, obwohl sich der Star, Jeff Fahey (Psycho III, Body Parts, Planet Terror, Machete, u. v. a.), ziemlich rar macht und oft mit einem Was-zum-Teufel-mach-ich-hier-eigentlich?-Blick herumläuft, was irgendwie gut zu seiner Rolle als erfolglosem Polizist paßt. Egal, seine Karriere hat den Film überlebt. Den göttlichen Titelsong Riot on the Deuce trällert eine gewisse Maggie Torre, und die blutigen Make-Up-Effekte stammen von Ed French (Sleepaway Camp, Terminator 2: Judgment Day), der einige Male mit Kincaid zusammengearbeitet hat.

Als "Spielfilm" versagt Riot on 42nd St. fast auf ganzer Linie. Die charismalosen Schauspieler(innen) agieren gelangweilt und/oder hölzern, die holprige Dramaturgie ist lachhaft, die eingestreuten Gewalteskapaden sind selbstzweckhaft, eine Figurencharakterisierung gibt es nicht, und das Geschehen ist weder mitreißend noch spannend. Nein, ein guter Film ist Riot on 42nd St. beileibe nicht, aber das macht nichts. Man muß kein guter Film sein, wenn man stattdessen großes, rohes, dreckiges, ehrliches Exploitation-Kino ist. Und genau das ist Riot on 42nd St.: achtundachtzig Minuten und fünfunddreißig Sekunden pures, schundiges Grindhouse-Vergnügen.

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