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Als der am 23. September 1917 in Tulancingo geborene Rodolfo Guzman Huerta Ende der 1950er Jahre den Sprung auf die große Leinwand wagte, war der lang anhaltende Erfolg dieser Filme nicht absehbar. Sicher, Huerta war zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen El Santo bereits eine lebende Legende und in seinem Heimatland unglaublich populär, und er war zudem Star eines eigenen, erfolgreichen Comics, doch daß die billig produzierten Trashfilme derart einschlugen, überraschte wohl alle, inklusive El Santo, der zuvor schon einige Filmangebote ausgeschlagen hatte. Santo contra Cerebro del Mal (Santo vs. the Evil Brain/Brain of Evil) hieß der Film, mit dem im Jahre 1958 alles begann, und erst 24 Jahre später verabschiedete sich der Wrestling-Superstar mit La Furia de los Karatekas (Fury of the Karate Killers, 1982) aus dem Rampenlicht. Dazwischen liegen mehr als fünfzig Filme, mit so schönen Namen wie Santo contra los Zombies (Santo vs. the Zombies, 1962), Santo contra la Invasión de los Marcianos (Santo vs. the Martian Invasion, 1967), Santo y Blue Demon contra los Monstruos (Santo and Blue Demon against the Monsters, 1970) und Santo contra la Hija de Frankenstein (Santo vs. Frankenstein's Daughter, 1972), um nur einige wenige zu nennen.

Santo y Blue Demon contra Drácula y el Hombre Lobo ist einer der schönsten und unterhaltsamsten Filme mit dem stämmigen Superhelden. Der im Jahre 1973 von Miguel M. Delgado inszenierte Streifen (nach einem Drehbuch von Alfredo Salazar) beginnt standesgemäß mit einem Wrestlingkampf, einem Lucha Libre, wie die Mexikaner sagen: El Santo vs. El Angel Blanco. Wenig überraschend gewinnt Santo knapp gegen den schmutzig kämpfenden Gegner ("He's a nazi in the ring", meint der Kommentator trocken), und als er wenig später seine hübsche Freundin Lina (Nubia Martí) in die Arme schließt, ahnt er noch nicht, daß sich eines seiner gefährlichsten und fantastischsten Abenteuer anbahnt. Lina bringt Santo zu ihrem Onkel, Professor Luis Cristaldi (Jorge Mondragón), einem Nachkommen des berühmten Elco Cristaldi, der vor 400 Jahren sowohl Dracula als auch dem Wolfsmenschen mit Hilfe des magischen Dolches von Boidros das Handwerk gelegt hat. Und nun hat der Professor einen Drohbrief erhalten, der ihm und seiner Familie ein grausiges Ende prophezeit. Santo erklärt sich natürlich bereit, die Familie des Professors zu beschützen. Und die Kräfte des Bösen bleiben nicht lange untätig... ein schmieriger Gauner namens Eric (Alfredo Wally Barrón) entführt flugs den netten Professor, hängt ihn verkehrt herum über den Sarg von Dracula und schneidet ihm die Kehle durch (Hammers Dracula - Prince of Darkness (Blut für Dracula) läßt grüßen).

Für die Motive des gewissenlosen Schurken braucht man keinen Hellseher... er erhofft sich schnöden Mammon in Hülle und Fülle. Und durch des Professors Blut, das auf den Schädel des im Sarg liegenden Skeletts tropft, erwacht Dracula (Aldo Monti, der die Rolle bereits in René Cardonas Santo en el Tesoro de Drácula (Santo in 'The Treasure of Dracula' (1969) zum Besten gab) zu neuem, unseligem Leben (die Spezialeffektkunst läßt etwas zu wünschen übrig, obwohl das qualmende Skelett recht niedlich ist; zwei, drei ungeschickte Überblendungen später erhebt sich der Vampirgraf voll bekleidet aus seinem Sarg). Auch El Hombre Lobo, der Wolfsmensch, wird wiedererweckt, und zusammen dürsten sie nach grausamer Rache: die letzten Cristaldis müssen sterben, koste es, was es wolle. Der Wolfsmensch nennt sich jetzt Rufus Rex (Agustín Martínez Solares), kleidet sich in schlimmstem 70er Jahre Fummel und macht sich gleich an Laura Cristaldi (María Eugenia San Martín) ran. Während die zwei Finsterlinge unschuldige Menschen in Vampire und Werwölfe verwandeln (um schnell mal eine Armee des Bösen aus dem Boden zu stampfen, quasi als Vorgeschmack auf die Schreckensherrschaft, die da kommen soll), lag auch Santo nicht ganz faul rum und hat seinen Kumpel Blue Demon rekrutiert. Blue Demon (24.04.1922 - 16.12.2000) hieß mit bürgerlichem Namen Alejandro Munoz Moreno und agierte zwischen 1957 und 1977 in 32 Filmen, oftmals gemeinsam mit anderen Wrestling-Stars. Auch er kann jedoch nicht verhindern, daß Rufus Rex Laura in "die Höhle der wandelnden Toten" verfrachtet. Aber es kommt noch schlimmer: Dracula entführt Lina und kann auch Lauras Tochter Rosita (Lissy Fields) in seine Gewalt bringen. Blue Demon läuft in einen gemeinen Hinterhalt, und so muß Santo mal wieder die Kastanien aus dem Feuer holen. Beim Showdown in der Höhle des Bösen bleibt jedenfalls kein Auge trocken und es wird geprügelt, bis sich die Balken biegen.

Santo y Blue Demon contra Drácula y el Hombre Lobo ist das filmische Äquivalent eines Tag-Team-Matches und zieht seine Inspiration vor allem aus alten Universal Horrorstreifen á la Frankenstein Meets the Wolf Man (Frankenstein trifft den Wolfsmenschen) und House of Dracula (Draculas Haus) sowie der bunten Welt der Comics. Mit seinen 100 Minuten Laufzeit ist der gemächlich inszenierte Film definitiv zu lang, unterhält aber streckenweise ausgesprochen gut und erinnert in einigen wenigen Momenten sogar an Mario Bavas Ercole al Centro della Terra (Vampire gegen Herakles). Das bunte Fantasyabenteuer ist zwar ansprechend in Szene gesetzt, kann aber das Abgleiten in trashige Gefilde kaum verhindern, wozu auch der gewöhnungsbedürftige Score von Gustavo César Carrión beiträgt. Eine gruselige Stimmung kommt in dem recht spannungslosen Spektakel selten auf (die Höhle ist wohl die am besten ausgeleuchtetste aller Zeiten), und trotzdem sorgt der Streifen, der sich selbst erstaunlich ernst nimmt, dank seiner zur Schau gestellten Naivität und seiner unbestreitbar surrealen Qualität für kurzweiliges Vergnügen. Manchmal stockt einem der Atem ob des dargebotenen Unfugs. Santo und Blue Demon tappen in jede Falle, verständigen sich mittels in Uhren eingebaute Sprechfunkgeräte, spielen gerne Schach und legen nie und nimmer ihre Masken ab. Zu Letzterem besteht auch eigentlich kein Anlaß, denn diese Superhelden haben zur Abwechslung einmal kein Alter Ego, um sich für die Zeit, in der sie keine Gangster und/oder Monster bekämpfen, zu tarnen. Und - auch das sollte nicht unterschätzt werden - hinter der Maske werden die schauspielerischen Unzulänglichkeiten mehr oder weniger geschickt verborgen. Auf die eine oder andere zaghaft durch die Szenerie flatternde Gummifledermaus wurde ebenfalls nicht verzichtet, und am Ende kloppen sich Santo und Blue Demon mit einem guten Dutzend Werwölfen und Vampiren. Auf der Seite des Bösen sieht es nicht wirklich gut aus: der wenig charismatische Dracula ist eine ziemliche Lachnummer, und auch Rufus Rex (geiler Name!) ist nicht gerade mit übermäßiger Intelligenz gesegnet. Das Schöne beim Schreiben einer Santo-Film-Kritik ist, daß man keine Gedanken an etwaige Spoiler verschwenden muß, da schon von Anfang an fest steht, daß Santo und sein Kumpel Blue Demon die Bösewichter dorthin zurückschicken, wo auch immer sie herausgekrochen sind. In diesem Falle schubst Santo das Monsterduo in eine Grube voller tödlicher Stacheln, die eigentlich für unsere Helden vorgesehen gewesen wäre, frei nach dem Motto "wer andern eine Grube gräbt...". Der recht spaßige Monster Mash endet, wie er begonnen hat: mit einem Lucha Libre. Dieses Mal kämpfen Santo und Blue Demon im Tag-Team gegen El Angel Blanco und Renato el Hippie. Obwohl unsere Helden einige Tiefschläge einstecken müssen (der Kommentator drückt es auf ziemlich eigenwillige Weise aus: "They've turned him into a blob!"), gewinnen die beiden natürlich diesen Kampf und somit feiert auch in der Welt des Wrestlings das Gute seinen Triumph.

In seinen Filmen bekämpfte und besiegte Santo unzählige Monster und Verbrecher, doch den Kampf gegen den Tod verlor auch er. Am 5. Februar 1984 schied er infolge eines Herzinfarktes aus dem Leben, nur wenige Tage, nachdem er sich erstmalig in der Öffentlichkeit demaskiert hatte. Rodolfo Guzman Huerta ist tot, doch als El Santo bereitet der schwergewichtige Kultwrestler seiner weltweiten Fangemeinde dank seines filmischen Vermächtnisses weiterhin viele schöne Stunden. Santo y Blue Demon contra Drácula y el Hombre Lobo ist ein schöner Beweis dafür.

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