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Deutsche Filme scheinen es schon schwerer um die Gunst des Kinopublikums zu haben. Sofern nicht gerade dunkle Geschichtsstunden mit Werken wie "Der Untergang" aufgearbeitet oder Bestseller wie "Die Welle" verfilmt werden, die dann plötzlich die Massen (darunter jede Menge Schulklassen) in die Multiplexe locken, sieht es in dieser Hinsicht jedenfalls recht düster aus. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um inhaltlich vielleicht nicht sonderlich spekatkulär anmutende Coming of Age-Geschichten wie "Sommersturm" oder "Ganz und gar" dreht. Beide Filme sind Werke des Regisseurs Marco Kreuzpaintner- und angesichts ihrer Einspielzahlen grenzt es schon fast an ein Wunder, dass der Deutsche vor kurzem die internationale Produktion "Trade- Willkommen in Amerika" inszenieren durfte.

In "Ganz und gar" steht vor allem der 24-jährige Torge (David Rott) im Mittelpunkt des Geschehens, für den das Leben eine einzige große Party zu sein scheint. Was genau er damit anfangen will, weiss er zwar noch nicht. Aber fürs erste reichen ja auch kurzlebige Frauengeschichten und sein Freundeskreis. Jener besteht aus seinen Kumpels Micha (Hanno Koffler) und Holger (Oliver Boysen), Holgers Freundin Alex (Diana Amft) sowie deren Freundinnen Lisa (Mira Bartuschek) und Geli (Maggie Peren). Während Holger und Alex kurz vor der Hochzeit stehen und schon mal gemeinsam eine Wohnung beziehen, ist die Beziehung von Micha und Lisa am Ende, da Lisa keine allzu feste Bindung will. Torge und Geli wiederum hat eine kurze Affäre verbunden, aber auch Torge scheint so seine Bindungsängste zu haben, weshalb da ebenfalls nicht mehr draus wurde. Wenn schon nicht die Liebe, so sind doch zumindest die Freundschaften etwas Feststehendes, was jedoch bald durch einen schlimmen Unfall überschattet wird. Als Torge eines Tages beim Arbeiten vom Dach stürzt, verletzt er sich so stark, dass sein Bein amputiert werden muss. Während das Leben für den Rest der Clique weitergeht, hat der junge Mann dagegen schwer an seinem Zustand zu knabbern, weshalb er sich stark zu seinem Nachteil verändert und seine Freunde immer öfter vor den Kopf stößt. Ausgerechnet die schroffe Lisa scheint die Einzige zu sein, die er an sich heran lässt...

Solch eine Geschichte würde man wohl eher bei den öffentlich Rechtlichen im Abendprogramm vermuten, als auf der großen Leinwand. Doch Marco Kreuzpaintner hat das Nötigste getan, um seinen Film von einheitlich aussehender TV-Ware abzugrenzen. So ist die Inszenierung recht energiegeladen, die Kameraarbeit gelungen und der Soundtrack, ähnlich wie bei "Sommersturm", mit dem nötigen Feingefühl zwischen rockigen Nummern und ruhigeren Songs zusammengestellt. Dem Drehbuch gelingt es außerdem die ganze Handlung nicht in Betroffenheitskitsch abgleiten zu lassen, sodass in den richtigen Momenten auch mit Ironie und lebensbejahendem Humor aufgetrumpft werden kann. Schwächen liegen hier lediglich in der mitunter etwas sprunghaften Erzählweise, die dem Zuschauer ein ums andere Mal Ereignisse vor den Latz knallt, die größere Hintergrundinformationen vermissen lassen (wie z.B. die Schwangerschaft von Lisas Freundin). Schade auch, dass im Endeffekt etwas zu sehr auf Torge und Lisa (vielleicht noch Micha) fokussiert wird, wodurch die anderen Charaktere schon fast zu Randfiguren degradiert werden. Gerade angesichts der toll aufspielenden Besetzung hätte man auch Oliver Boysen ("Dreamboy macht Frauen glücklich"), Diana Amft ("Doctor´s Diary") und Maggie Peren ("Kiss and run") mehr Screen-Time gegönnt, denn sie machen ihre Sache keinen Deut schlechter als David Rott ("Männer wie wir"), Mira Bartuschek ("Finnischer Tango") und Hanno Koffler ("Sommersturm"). In einer Nebenrolle ist übrigens noch Herbert Knaup als Vater von Lisa zu sehen, der in diesem kleinen Part aufgrund seiner Bekanntheit jedoch eher ablenkend wirkt, bis hin zu einer kleinen Wendung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Fazit: Obwohl oft als Tragikomödie bezeichnet, ist "Ganz und gar" dann doch eher Melodram mit einigen wenigen Anflügen von Humor. Dem Film hätte man, der ein oder anderen Skriptunebenheit zum Trotz, gern ein größeres Publikum gewünscht, zumal er seine Charaktere ernst nimmt und ihre Konflikte ebenso lebensnah wie anrührend beleuchtet. Zwischenzeitlich mag der Regie vielleicht ein wenig die Puste ausgehen, doch dies wird durch die hochtalentierten Jungdarsteller ausgeglichen, die ihre Figuren in jeder einzelnen Sekunde mit Leben füllen. Highlights sind hier übrigens zwei Einlagen im Sinchronschwimmen, die neben ihrer Stellung als Schlüsselszenen auch noch starken Symbolcharakter aufweisen- mal abgesehen davon, dass sie in erster Linie das Zwerchfell reizen. Alles in allem: durchaus sehenswert!
7/10 Punkten

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