Während der Kubakrise 1962 kommt es in Warschau zu einem prestigeträchtigen Duell zweier Schachgroßmeister: Der Russe Gavrylov gegen sein amerikanisches Pendant. Beide versinnbildlichen die gegeneinander gerichteten Gesellschaftssysteme und trotz der vorgetragenen äußerlichen Freundlichkeiten setzt besonders die russische Delegation ihren Spieler subtil unter Druck. Die amerikanische Seite dagegen muß mit dem Handicap leben, daß "ihr" Mann kurz zuvor ermordet wurde und sie nun händeringend nach einem Ersatz suchen. Dieser scheint in Joshua Mansky (Bill Pullman) gefunden zu sein, da dieser Jahrzehnte zuvor den eigentlichen Champion einmal besiegt hatte. Kurzerhand wird Mansky entführt und in einem abhörsicheren Raum der US-Botschaft in Warschau mit den Wünschen der US-Delegation vertraut gemacht - die möchte nämlich hinter den Kulissen einen russischen Agenten treffen, der ihnen brisantes Material bezüglich der Kubakrise übergeben will, was über den quasi unantastbaren Schachmeister als Mittelsmann erfolgen soll. Mansky ist alles andere als begeistert, willigt aber ein. Als sich herausstellt, daß seine Schachspiel-Künste erst dann zum Tragen kommen, wenn er ordentlich Schnaps getankt hat, verkompliziert sich die Lage zusehends...
Einen spannender Agententhriller aus der Zeit des kalten Krieges hätte man erwarten können - tatsächlich aber ist The Coldest Game eine fiktive Geschichte mit reichlich komödiantischen Zügen geworden, die der polnische Regisseur Lukasz Kosmicki in seinem ersten Langfilmdebut hier serviert. Mittels einiger dazugeschnittener zeitgenössischer TV-Sendungen (u.a. mit JFK) sowie einem bezüglich Uniformen, Frisuren etc. ansprechenden Setting der hauptsächlich im Kulturpalast von Warschau spielenden Handlung gelingt es, eine überzeugende Kulisse für die seinerzeit international vielbeachteten Schachduelle aufzubauen. Dass man die ganze Geschichte freilich nicht allzu ernst nehmen darf, offenbart sich schon zu Beginn durch Ersatzspieler Manskys erstaunliche Fähigkeiten: Wenn sein Alkoholpegel hoch genug ist, torkelt oder lallt er nicht etwa, sondern sieht dutzende möglicher Schachzüge im Voraus. Während er vorgeblich wie ein Anfänger spielt, verwirrt er damit sein russisches Gegenüber und gewinnt die erste von fünf Partien.
Neben dem Umstand, daß Schach-Partien keine Pausen beinhalten und ein Läufer/Springer-Tausch kein "Opfer", sondern eben einen Tausch darstellt, fragt sich der geneigte Zuschauer auch ob es nicht einen besseren Platz für die Übergabe geheimer Mikrofilme gäbe als ein internationales Schachturnier. Dass ein im Ruhestand befindlicher ex-Schachspieler und Schluckspecht mit einer solch pikanten Mission betraut wird, erscheint genauso rätselhaft wie amüsant, zumal ein Schachspieler ständiges Training braucht und in realitas wohl kaum derart geniale Züge aus dem Gedächtnis abrufen kann. Tatsächlich gab es eine reale Schach-Partie (zwischen Fischer und Spassky), an der sich der Film vage orientiert, diese fand jedoch 10 Jahre später (1972) statt. Schlußendlich ist auch der Ort des Geschehens fragwürdig: wieso wird ein solch brisantes Ost-West-Duell im Einflußbereich des Warschauer [sic] Pakts ausgetragen?
Letzteres kann freilich schlüssig beantwortet werden - es handelt sich um eine polnische Produktion, wie man den erstaunlich vielen und lang gezeigten Sponsoren-Tafeln (noch vor dem Vorspann) entnehmen kann. Dementsprechend tritt dann auch alsbald der Direktor der Kulturpalastes in den Vordergrund: Dem Wohl seiner Gäste verpflichtet und wörtlich auf die polnische Gastfreundschaft hinweisend, verbrüdert er sich sofort mit Mansky, als er dessen Trinkfreudigkeit bemerkt. Fortan ist er dessen heimlicher Verbündeter und hilft wo er kann, besonders dann, als die Russen Manskys Promille-Abhängigkeit bemerken und ab sofort den Alkoholausschank verbieten, erweist er sich als Meister der Improvisation: Während draußen bestellte Jubel-Perser (besser: Jubel-Polen) lautstark die unverbrüchliche Brüderschaft zwischen Polen und Russen zum Besten geben, versteckt er Wodkaflaschen im Klospülkasten... eine dankbare Rolle für Robert Wieckiewicz, der inmitten der stocksteifen Uniformen hier ein belebendes Element darstellt. Nachts verläßt er durch Geheimgänge (u.a.im Wandschrank) mit dem darüber erstaunten Ersatzspieler den streng bewachten Kulturpalast und zeigt dem Amerikaner Warschau, "sein" Warschau...
Dieses zeitweilig zutage tretende polnische Lokalkolorit beinhaltet dann auch eine nicht ganz objektive Sichtweise der beiden Blöcke: Während die Sowjets als vollkommen indoktrinierte Parteisoldaten (inklusive mieser Tricks wie einem Hypnotiseur im Publikum - Erpressung, Folter und Mord sowieso) in den schwärzesten Farben dargestellt werden, besteht die amerikanische Seite aus eher neutral wirkenden Akteuren, die nur der Sache verpflichtet deutlich weniger verbissen zur Sache gehen - aber dies fällt wohl unter künstlerische Freiheit, genauso wie die US-Agentin Stone (dargestellt von der Niederländerin Lotte Verbeek), die mit ihren extrem stark geschminkten, unnatürlich riesigen Mandelaugen fast schon eine Karikatur darstellt. Gleichwohl sollte man die ganze Story (die nebenbei auch die Vorgeschichte zur Kubakrise geflissentlich ignoriert, am Ende des Abspanns dann aber noch einmal deutlich auf die Gefahren eines heutigen Atomkrieges hinweist) nicht so ganz ernst nehmen: Für einen unterhaltsamen Abend ist jedenfalls gesorgt. 7 Punkte.