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Der ehemalige Polizist James Lasombra lebt in einer Kleinstadt und betreibt einen Laden für Sicherheits-Technik und -Zubehör.
Als ihn seine Nachbarin Nora Quail um Hilfe bei der Suche nach ihrer plötzlich verschwundenen Tochter Amanda bittet, stösst er dabei zunächst auf das mysteriöse Pontifex-Institut. Es entspinnt sich eine Ermittlung, die ihn auf lange Sicht an seinem Realitätsempfinden zweifeln lässt. Denn der mysteriöse Empty Man kommt ins Spiel, den die Teenager-Freunde Amandas offenbar angelockt haben...

Es ist leider nicht nur ein Phänomen des "Corona-Kinojahres", dass Filmemacher bzw. filmische Gesamtwerke ins Hintertreffen geraten, die sich in Handlung und / oder Erzählweise mehr Kreativität erlauben als die am Reißbrett entworfenen Blockbuster der großen Studios.
Diese haben mit ihrer über Jahre ausgebauten "Wir setzen auf Sicherheit (=gigantisches Einspiel)" etablierten Politik das wirtschaftliche Handeln am Rande des Zusammenbruchs zementiert, das nun, da die großen Einnahmen wegbrechen, dringend ein Umdenken erfordert.

"The Empty Man" ist neben "Surface" für mich ein solches Beispiel, das ja nun auch unter die Fox-Disney-Geschichte fällt und daher neben der schwierigen Situation der Filmtheater auch so gar nicht in die Veröffentlichungs-Politik des Maus-Konzerns gepasst hat.

Sehr zum Nachteil des Filmes, gibt sich Regisseur und Autor David Prior doch sehr große Mühe, die Verfilmung der Graphic-Novel-Vorlage sowohl erzählerisch als auch atmosphärisch alles andere als einfach zu gestalten, was damit selbstverständlich auch die Vermarktung äußerst erschwert hat - der Trailer zum Film suggeriert gar einen neuen Vertreter des Slasher-Genres durch Erschaffung einer neuen mysteriösen Legenden-Gestalt á lá "Slender Man".

"The Empty Man" ist aber eher ein Genre-Hybrid aus Mystery-Krimi, okkultem Horror und Sagen-Spuk, der dazu auch noch mit seinen 137 Minuten Lauflänge nicht schnell konsumierbar ist.

Das genau entpuppt sich jedoch als der Vorteil des Films, lässt er seiner Story durch Voranstellung eines großzügigen Prologs langsam Zeit, sich zu entwickeln, Charaktere zu etablieren, die sich zwar als Identifikationsfigur für den Zuschauer herausstellen sollen, es diesem aber hin und wieder auch nicht leicht machen.

Neben James Badge Dale als "Held" des Filmes, der positiv rational gespielt ist und auch darum einmal ein erfrischender Gegensatz zu all den zu Alkoholikern gewordenen verkrachten Existenzen aus derartigen Filmen ist (auch wenn er natürlich die klischeehafte Vorgeschichte nicht vermeidet) bleibt man als Seher ziemlich alleingelassen zurück in der immer weiter in die investigativen Tiefen der voranschreitenden Handlung versinkenden Story.
Die spärlich gesäten Nebencharaktere sind sperrig, abgedreht oder gleich ganz oberflächlich (Sasha Frolova für mich persönlich die hässlichste - nicht nur optisch - und unangenehmste Nebenfigur des Films).
Genau diese Konstellation bindet den Zuschauer aber wiederum an die Hauptfigur, so dass man vor dem Bildschirm immer genauso viel (oder wenig) weiss, womit man es zu tun hat, wie Hauptcharakter James Lasombra.

Dessen Reise zur Wahrheit mit anzusehen ist spannend, mysteriös und unbestreitbar atmosphärisch - erwähnt werden sollte hier vor allem die Szene im Wald-Camp, die derart gut inszeniert ist, dass sich ein Unbehagen ganz von selbst einstellt.
David Prior hat natürlich das Rad nicht neu erfunden und die ein oder andere Wendung hat man bereits in einem anderen Film oder einer Serie gesehen aber wenn er es schafft, nach dem großartigen Prolog die Spannung bis zum Schluss zu halten und dafür auch recht wenig optische Effekte zu verwenden, weiss man wieder, warum Kreativität und Ideenreichtum genauso zu einem Spielfilm gehört wie ein bequemer Kinosessel!

Fazit: The Empty Man ist ein stiller aber feiner Vertreter des "relativen" Independent-Kinos (stand doch ein grosses Studio hinter der Produktion) - Sorgfalt in allen Belangen, Zeit für die inszenierte Atmosphäre und wenige aber dafür glaubhafte Darsteller machen den Film für mich zu einer der grossen Entdeckungen des Genres der letzten beiden Jahre.
Wer "It Follows", "Midsommar" und Chuck Russells "Die Prohezeiung" lieber mochte als allgemein anerkannte Lieblinge wie "Wir" und "Psycho Goreman", der kann durchaus einen lohnenden Blick riskieren.
 

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