Michael Crichton wußte nur allzu gut, wovon er sprach, als er 1978 das Drehbuch zu „Coma“ (nach einem Roman von Robin Cook) verfaßte und den Film dazu inszenierte, schließlich hatte er neben dem Schreiben intelligenter Science-fiction-Lektüre („The Andromeda Strain“, verfilmt 1970 von Robert Wise) selbst Medizin studiert und seinen Doktor in diesem Fachbereich gemacht. So ist der hauptsächliche Schauplatz der Geschichte folgerichtig ein Krankenhaus, in dem die Ärztin Nancy (Geneviève Bujold, „Schwarzer Engel“), nachdem ihre Freundin bei einer einfachen Operation in unaufhebbare Bewußtlosigkeit abdriftet, bei der Ursachenforschung auf einige andere unerklärliche Komafälle nach Routineeinsätzen stößt. Obwohl ihr Freund und Kollege Mark (Michael Douglas) daran so gar nichts ungewöhnlich findet, sucht sie heimlich weiter, fest davon überzeugt, daß an der Sache was faul ist. Alsbald sieht sie sich verfolgt. Oder entwickelt sie bloß Paranoia?
Ja, man kann sich gut vorstellen, wie wohl sich Crichton bei einer solchen Thematik gefühlt haben mag. Für den Film ist dies nur von Vorteil: Der Zuschauer bekommt einen realistischen Einblick in den Krankenhausalltag. Geschickt wird man (oder zumindest ein Großteil) durch die Authentizität der dargestellten Ereignisse während einer Operation in seinen Urängsten angesprochen: Die Vorstellung, nach einer Narkose nicht mehr aufzuwachen, ist schon schlimm genug, doch Crichton erweitert diese Schreckensvision sogar noch, indem sich die Komafälle im Laufe der Handlung nicht als bedauerliche Zufälle herausstellen - nein, sie wurden mit voller Absicht herbeigeführt, bloß damit sich der eine oder andere Arzt mit dem Handel von Organen einen netten Nebenverdienst sichern kann. Na, wenn das nicht einen feinen Thriller hergibt, dann weiß ich auch nicht...
Tatsächlich ist „Coma“ ein streckenweise angenehm kribbeliges Stück Zelluloid geworden, das jedoch garantiert nicht über den Status eines gut inszenierten Unterhaltungsfilms hinauskommt. Das damals noch weitgehend unbekannte Thema „Organhandel“ - weshalb „Coma“ sogar recht lange dem Science-fiction-Genre zugeordnet wurde - wird nicht kritisch hinterfragt, sondern bleibt oberflächlich, und dient letztlich lediglich dazu, um gegen Ende eine ausführliche Verfolgungsjagd durch das gut überwachte Jefferson-Institut (in dem die Komapatienten gesammelt und „konserviert“ werden) zu ermöglichen.
Auffällig ist der Aufbau der Geschichte: Crichton hat sie strikt in zwei absolut gleichgewichtete Hälften eingeteilt - und tut damit das Richtige. Anstatt von vornherein die Katze aus dem Sack zu lassen, was hier eigentlich gespielt wird, nehmen wir erst einmal in aller Ruhe an der privaten Detektivarbeit Nancys teil, die sich Schritt für Schritt ihre Theorien aufbaut, aber keine handfesten Beweise dafür liefern kann. Eine knappe Stunde lang läßt Crichton die Option offen, ob das, was sich Nancy da zusammenreimt, vielleicht doch nur ihrer blühenden Phantasie entspringt. Erste Anzeichen (ein Mann, der sie eines Abends beobachtet und ihr zu folgen scheint; der fast traumhaft anmutende Besuch des Jefferson-Instituts) mehren sich zwar, daß sie recht haben könnte, aber alles bleibt noch äußerst vage. Nebenbei flechtet er alle für den Plot relevanten Figuren ein (zu sehen neben Rip Torn sind übrigens auch Ed Harris und Tom Selleck - zu der Zeit noch unprominent genug, um für zwei Minuten in unbedeutenden Minirollen aufzutauchen), freilich ohne - bis auf eine Ausnahme - Nancy aus den Augen zu verlieren, der wir ununterbrochen auf Schritt und Tritt folgen, was dazu führt, daß der Zuschauer stets nur soviel weiß wie sie.
Mit einem Mal allerdings geht der Regisseur aufs Ganze: Ein Hausmeister, der Nancy wichtige Informationen zukommen lassen möchte, wird kurzerhand gegrillt (aus dramaturgischen Gründen auf äußerst übertriebene Art und Weise) und mir nichts dir nichts hat unsere Hauptfigur einen anhänglichen Verfolger an den Hacken. Sie befindet sich in akuter Lebensgefahr. Von diesem Zeitpunkt an jagt Crichton eine temporeiche und/oder spannende Sequenz nach der anderen über den Bildschirm, unterbrochen lediglich durch kurze Zwischenspiele, in denen sich beispielsweise ihr Freund Mark hübsch verdächtig machen darf (was er mit seinen ständig von sich gegebenen „Du bildest dir das alles nur ein!“-Phrasen eigentlich bereits vorher so ausgiebig getan hat), damit sie gar keinem mehr trauen kann und ganz auf sich allein gestellt ist. Die beiden langen Verfolgungsjagden sind hervorragend inszeniert - Jerry Goldsmiths treibender Soundtrack trägt seinen Anteil daran - und halten freundlicherweise sogar so manches makabre Detail bereit, das sich für die Lokalität Krankenhaus ja geradezu anbietet. Im Schlußakkord bekommen wir noch mehr oder weniger überraschende Wendungen um die Ohren gehauen, wobei sich davor die auch in anderen Filmen gern gestellte Frage „Warum geht die blöde Pute nicht zur Polizei?“ förmlich und unangenehm aufdrängt. Diese unlogische Vorgehensweise von der an sich als sehr intelligent charakterisierten Ärztin Nancy paßt nicht wirklich und wirkt an dieser Stelle ein wenig zu sehr bemüht - ebenso wie die Tatsache, daß LEICHTER SPOILER ACHTUNG eine bestimmte Person durch eine einzige Äußerung Nancy urplötzlich Glauben schenkt, obwohl sie diese zuvor bei ihren x-fachen Erläuterungen ihrer Theorien nicht für voll genommen hat. LEICHTER SPOILER ENDE
Lobende Extraerwähnung soll noch unbedingt Geneviève Bujold finden. Wie in eigentlich jedem Film, in dem ich sie sehen durfte, liefert sie eine wahrhaft oscarreife Vorstellung ab - gerade hier, wo der Fokus besonders stark auf sie gerichtet ist, ist eine starke Hauptfigur dringend nötig. Jederzeit authentisch, immer die richtige Nuance - es stimmt umso trauriger, daß diese begnadete Schauspielerin verhältnismäßig wenig Chancen bekommen hat, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Selbst die routinierten Michael Douglas und Richard Widmark als Chefarzt Dr. Harris können mit Bujolds Elan nicht mithalten.
Man kann also sagen: „Coma“ ist nichts für die Ewigkeit, doch ein alles in allem sehr gut funktionierender Thriller, wie ich sie gerne sehe. Überaus spannend, ausgesprochen kurzweilig und trotz seiner 27 Jahre Alter noch kein bißchen angestaubt. 7/10.