Aktion Sorgenkind
„Spätestens Weihnachten bin ich tot.“
Achtung, Schnapszahl: Die 1.111 . Episode der öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe „Tatort“ ist Polizeihauptkommissar Thomas Falkes (Wotan Wilke Möhring) zwölfter Einsatz, sein sechster mit Polizeioberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) an seiner Seite. Die Regie des bereits im Herbst 2018 gedrehten, am 15.06.2019 auf dem 30. Internationalen Filmfest Emden-Norderney uraufgeführten, aber erst am 01.12.2019 erstausgestrahlten Falls übernahm „Tatort“-Neuling Stephan Rick („Die dunkle Seite des Mondes“) nach einem Drehbuch Oke Stielows.
„Weihnachten ist eh Mist.“
Bei einer LKW-Kontrolle auf einer Autobahnraststätte durch die Bundespolizisten Falke und Grosz schießt ein Heckenschütze aus einem angrenzenden Waldgebiet mehrmals auf das Fahrzeug. Die zweite Kugel wird zum Querschläger und verletzt einen unbeteiligten Fernfahrer tödlich. Weshalb hatte es der Schütze auf den von Efe Aksoy (Deniz Arora, „Milk & Honey“) geführten LKW abgesehen? Als Falke und Grosz das Waldstück durchkämmen, finden sie ein starkes Schmerzmittel, das in Deutschland nicht zugelassen ist. Die Spur führt zum Zollbeamten Steffen Thewes (Milan Peschel, „Tatort: Weil sie böse sind“), der es für seine an einer unbehandelt tödlich verlaufenden Halswirbelsäuleninstabilität leidenden Tochter Sara (Charlotte Lorenzen, „Kästner und der kleine Dienstag“) besorgt hatte und verzweifelt versucht, die Summe von 300.000 EUR für eine lebensrettende Operation in den USA aufzutreiben, die von der Krankenkasse nicht übernommen wird. Seine Tat entpuppt sich als Erpressungsversuch gegen den Spediteur Cem Aksoy (Eray Egilmez, „Tatort: Sturm“), Bruder des Fahrers, der einst ins Visier des Zolls wegen illegaler Mülltransporte geraten war. Cem Aksoy jedoch verdächtigt seinen Schwiegervater Roland „Rolle“ Rober (Rudolf Danielewicz, „Tatort: Liebeshunger“). Tatsächlich scheint Thewes einen Komplizen zu haben…
„Wenn du einmal Opfer bist, dann bleibst du Opfer!“
Bei „Querschläger“ handelt es sich um ein Kriminaldrama mit melodramatischen Zügen, das sich gängigen Gut/Böse-Schemata verweigert. Das Motiv des sogar noch intensiver und nahegehender als gewohnt durch Milan Peschel verkörperten Zollbeamten ist die nachvollziehbare Verzweiflung angesichts seiner im Sterben liegenden Tochter, deren mögliche Rettung am fehlenden Mammon und sturen Krankenkassen zu scheitern droht. Einerseits ist es also erfreulich, den Täter nicht als kaltblütigen Schwerverbrecher zu zeichnen, andererseits trägt es indes nicht gerade zur Spannung bei, das BKA lange Zeit beim Verfolgen falscher Fährten zu beobachten, wenn sowohl Täter als auch Motiv bereits kennt. Bezeichnenderweise ist es letztlich der versehentliche Verlust des Medikaments am Tatort, der erst zu erfolgreichen Ermittlungen führt. In deren Rahmen werden die Hintergründe Thewes‘ und seiner Familie so weit wie nötig beleuchtet und somit Verständnis für die Tat geweckt.
„Ich bring‘ euch alle um!“
Ähnlich ambivalent fällt dankenswerterweise die Charakterisierung seines Gegenspielers Cem Aksoy aus, der offenbar recht erfolgreich eine Spedition betreibt, einen sog. Migrationshintergrund hat und auch mal in illegale Geschäfte verwickelt war, die jedoch keine Kapitalverbrechen darstellen. Zudem ist auch er ein liebender Familienvater und somit keine Bösewicht, der „es eigentlich verdient hätte“. Andererseits befindet er sich aber auch im geschäftlichen Clinch mit seinem Schwiegervater, der ihn aus diesem Grunde verachtet. Über zwischenmenschlichen Sprengstoff verfügt dieser „Tatort“ also durchaus, wenngleich die Versuche, daraus Spannung in Hinblick auf die Suche nach Thewes‘ Komplizen zu generieren, nicht zünden, da dessen Rolle generell zu unbedeutend erscheint. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dessen Enttarnung nach einer Stunde um einen überraschenden Kniff, der zusätzlich (bitter nötige) Dramatik einbringt.
„Die Kinder können nichts für die Fehler ihrer Eltern.“
Wunderbar geglückt ist das visuelle Erscheinungsbild dieses Falls, in der eine diverse kreative Möglichkeiten ausschöpfende Kamera die Tristesse südlich gelegener Gewerbegebiete Hamburgs stimmig einfängt, die zur verzweifelten emotionalen Lage des Täters passt. Dass schließlich noch ein weiterer Toter auf seine Rechnung geht, hätte es jedoch nicht gebraucht. Übertreibung soll hier anscheinend veranschaulichen, irritiert im Endeffekt jedoch lediglich, zumal der Tote im Anschluss gar keine Rolle mehr spielt. Ein spannendes, hochdramatisches Finale aber zieht dann in bewährter Krimimanier sämtliche Register und mündet in eine Schlusspointe, die konstruiert und kitschig erscheinen mag, der genannten Tristesse und scheinbaren Ausweglosigkeit jedoch ein wenig durchaus dankbar entgegengenommene Hoffnung gegenüberstellt. Leider bereiten einige vernuschelte Dialoge Kopfzerbrechen – hier wäre etwas mehr Aufmerksamkeit in der Postproduktion angebracht gewesen. Deutlicher zu vernehmen ist der von der Indie-Pop-Gruppe Giant Rooks zur Verfügung gestellte Soundtrack.