Review
von Leimbacher-Mario
Echter Horror, der uns alle betrifft
Todd Haynes' „Dark Waters“ ist inszenatorisch meisterhaft, schauspielerisch authentisch, klasse und bodenständig. Aber inhaltlich noch viel besser und ohne Frage einer der wichtigsten Filme aller Zeiten - und über ihn wird (wie über das eigentliche Problem, das er behandelt) bis heute viel zu wenig geredet. Eine Schande! Aber auch das ist wohl passend zu unserer Gesellschaft, Entwicklung und Spezies. Weggucken. Bis hier hin ist's gut gegangen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Wenn's mich nicht betrifft, seh ich kein Gift. Über den wahren Fall und die Klage eines kleinen, hartnäckigen Anwalts gegen eine mächtige Chemiefirma (Dupont), die ganz bewusst unfassbare Schadstoffe produziert und wissentlich ganz nah an uns heranbringt…
Der tolerierte Tod?
„Dark Waters“ ist ein absolut niederschmetternder Alptraum. Den wir jede Minute tragen, atmen und trinken. Mit dem wir leben und schlafen. Gegen den wir uns leider kaum wehren können. Der ein unfassbares Ausmaß erreicht hat und nahezu ohne Gegenwind gedeiht, sprießt und geduldet wird. Wegen Fortschritt. Wegen Komfort. Wegen Geld. Wegen Unwissenheit. Wegen Scheuklappen. Was weiß ich. Von dem Schrecken den „Dark Waters“ zurecht verbreitet nimmt das nichts. Ein Schocker. Ein Wecker. Müsste es sein. Ist es auch. Aber was ändert das? Was hat sich seitdem getan? Was ist uns unsere Gesundheit wert? Sind solche riesigen Unternehmen und Mitwisser vollkommen verrückt geworden? Soll ich jetzt auf Bratpfannen verzichten? Kann man das alles noch nachvollziehen? „Dark Waters“ verbreitet Horror mit Babyfläschen und Leitungswasser, mit Kapitalismus ohne Moral und Grenzen, mit Krebs und Geschwüren. Mit einem Stoff, den wir alle in uns tragen, der uns krank macht und den unser Körper nicht abbauen kann. Das sind verdammte Fakten. Und das macht zornig, sprachlos und… traurig.
Fazit: einer der erschreckendsten und realsten Filme der letzten 20 Jahre. Dagegen wirkt selbst ein „Spotlight“ fast klein. Sollte aber nicht klein gehalten werden. Sollten mehr gucken. Auch wenn’s weh tut. Nur selbst dann kommt wohl der wahre und noch endgültigere Schrecken: und jetzt?