Bay goes bonkers
Das passiert, wenn man Michael Bay „endlos“ Kohle gibt... 150 Mio. für Scorsese dort, nochmal 150 Mio. für Michael Bay hier - Netflix scheint's dicke zu haben und in alle Richtungen heftig auszuschlagen. In „6 Underground“ lässt es Hochglanz-Action-Spezi Bay krachen, wie... noch nie?! Allein was er in den ersten 20 Minuten abfackelt, muss man sehen, um es einigermaßen zu glauben. Die Sequenz in Florenz gehört sicher zu dem krassesten und krachendsten dieses Filmjahrzents. Das ist, egal wie man zu Bay und seinen glänzenden Materialschlachten steht, höchst beeindruckend voller Wow- und WTF?!-Momente. Das wird im Verlauf auch nicht mehr getoppt, das nutzt sich auch was ab, das kann auf die Eier gehen - aber es kracht ganz gewaltig! Ein Bayhem der Extraklasse. Die Handlung, die schneller zur Nebensache gerät, als Ryan Reynolds Sprüche klopfen kann: ein totgeglaubter Milliardär stellt unabhängig und geheim ein Team von Elite-Soldaten, Söldnern und Experten zusammen, mit denen er die Welt von Abschaum und Dreck befreien will. Tyrannen, Despoten und politischen Massenmördern, den schwersten und bestgeschützten Zielen auf dem Planeten, geht es an den Kragen, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne danach jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Soweit der verrückte Plan. Und die erste richtige Mission der sechs speziellen Krieger(innen) sehen wir in diesen fetten zwei Stunden... Es könnten bei Erfolg also noch einige weitere Aufträge und Zielobjekte folgen :D.
Oh man, was ist das denn für ein Ding. Schwer zu bewerten, schwer zu verdauen. Typisch Bay, nur hier auf 11 gedreht und komplett ohne Grenzen. Eine bizarr aggressive und hyperbrutale, sehr oberflächliche und heftige Mischung aus „Polar“, „Mission: Impossible“ und „13 Hours“. Einerseits schläft man dabei sicher nicht ein, hat das Teil schon dicke Eier und geht aufs Ganze. Ohne Kompromisse oder halbe Sachen. Anderseits werden natürlich auch alle Schwächen eines Bay mehr als offengelegt. Besser als die letzten drei Transformers zusammen, ist's aber in jedem Fall... Gefühlt tausend Schnitte in der Minute, eine unwichtige Geschichte, kein bisschen Realismus, eine überschwängliche und euphorische Gewaltorgie. Inklusive bay'scher Produktplatzierungen, einer Menge Machismo und Sexismus, Stereotypen und Vorurteile, Klischees und Altbackenes. Ich würde mich nicht wundern, wenn man an einem Nachmittag mit deutschem Trash-TV weniger Gehirnzellen abtötet, als in diesen 120 wilden Minuten. „6 Underground“ ist schon arg stupide und anstrengend. Aber manchmal kann man sich sowas geben. Ein echter Männerfilm der alten Schule? Für die rechte Lobby bzw. alle, denen das politisch Korrekte auf die Nüsse geht?! Naja, vielleicht. Es kann ja nicht immer „Marriage Story“ oder „The Irishman“ sein. Selbst wenn es sich eigentlich verbieten sollte, solche Klassetitel mit diesem bay'schem Chaos zu vergleichen oder in einem Satz in den Mund zu nehmen. Dennoch: ich mag „6 Underground“. Teilweise sogar mehr, als ich gedacht hätte oder zugeben will. In Sachen Schnitt, Logik, Spannung, Sinn, Aufbau, Strukturierung, Sympathie, Herz und vielem mehr, müsste Bay allerdings in einem möglichen Sequel einfach dazulernen und etwas drauflegen. Denn so ist das einfach eine höllische Collage aus Blech, Blut und Sabber über die eigene Geilheit. Und das stößt sich schon in diesem ersten Part gehörig und schnell die Hörner ab. Selbst wenn ich das Team an sich in Ansätzen schon mag (obwohl es die vielen Origin-Stories nicht gebraucht hätte, oder zumindest nicht ganz so ausführlich). Und ein Muse-lastiger Soundtrack kann auch nie schlecht sein. Dieser Quatsch ist heiss und scheiss zugleich. Wahnsinn.
Fazit: die ersten zwanzig Minuten sind absolut verrückt, atemberaubend, unterhaltsam. Danach stumpft das seelenlose, sprunghafte Spektakel leider gehörig ab, wirkt nur noch wie ein dröhnender Mix aus „Mission: Impossible“ und „Fast & Furious“ auf Steroiden und Speed. Ermüdend, stressig, laut. Dennoch: in Sachen purer, hirnloser Action, insgesamt ein Kracher. Nicht wirklich gut, aber heftig und kompromisslos. Die „Irishman“-Antithese. Und Netflix fährt beide Gleise...