ACHTUNG ! SPOILER !
„Marc, ein ehemaliger Mechaniker des berühmten Rennfahrers Ramedes, lebt am Rande einer Großstadt und verdient sich sein Geld mit einer kleinen Reparaturwerkstatt. Eines Tages kommen drei Gangster zu ihm und schlagen ihm vor, bei einem Bankeinbruch das Fluchtauto zu fahren. Marc nimmt an. Auf Grund von neuen Sicherheitsbestimmungen wird der geplante Coup zum Desaster. Alle Gangster werden erschossen, lediglich Marc gelingt nach einer atemberaubenden Verfolgungsjagd die Flucht. Im Auto kommen Marc die Erinnerungen an die Vergangenheit.“ (Covertext Monte-VHS)
WIE KURZ IST DIE ZEIT ZU LIEBEN, der Titel klingt nach Konsalik, nach Kolportage, nach Groschenheftchen. Und diesen Eindruck bestätigt das Werk weitgehend. Der Film ist angeblich das Regie-Debüt des französischen Schauspielers Michel Lemoine, doch wird er im Vorspann nur als Drehbuchautor geführt. Der Regie-Credit geht an den Produzenten Pier A. Caminneci, der in den frühen 70er Jahren versuchte, sich mit der von ihm und Adrian Hoven gegründeten Produktionsfirma „Aquila Film Enterprises“ als Produzent von Billigfilmen zu etablieren. Das Motto der Firma „Aquila Films – The Way to Perfect Entertainment“ wurde allerdings von so ziemlich jeder Produktion der Firma „Perfect“ unterlaufen (siehe mein Review zu „Der Sarg bleibt heute zu“).
In dieser seltsamen, hochgestochenen und lachhaften Produktion sind in den Hauptrollen Hans Meyer und Janine Reynaud zu sehen. Die mickrige, theatralisch erzählte Geschichte des Films kommt mit gestelzten Dialogen und mit viel manieriertem Palaver des verbitterten Ich-Erzählers Meyer daher, dessen innere Monologe sich z.B. so anhören: „Was ist das alles? Was sind das für Dinge, in die ich da hineingerate? Früher konnte mir nichts passieren, Fabienne, solange du da warst.“
In einer absurden Szene in einer muffigen Autobahnraststätte (Rasthof Hasselbach), in der die Reynaud beinahe einen Striptease zwischen den staunenden Statisten hinlegt, muss man sich dagegen grandiose Banalitäten wie diese anhören: „Wir möchten, hm, gerne eine Kleinigkeit essen.“ - „Jägerschnitzel könnte ich ihnen empfehlen.“ - „Gut, hm, also dann, hm, möchten wir zwei Jägerschnitzel.“
Um auf Spielfilmlänge zu kommen, haben die Drehbuchautoren mehrere überflüssige Traumszenen und diverse Rückblenden in die Handlung eingebaut und die ersten 20 Minuten werden mit Szenen von rasenden Rennwagen vertan. Den Höhepunkt des Kitsches erreicht der Film dann am Ende, als die beiden am Boden liegenden, tödlich getroffenen Protagonisten mit letzter Kraft, aber vergeblich versuchen, sich bei den Händen zu fassen.
Mit großem ernst spielt Hans Meyer, der schon allein durch sein markantes, zerfurchtes Gesicht Eindruck macht, die männliche Hauptrolle des Film. Die sonore Synchronstimme von Arnold Marquis verleiht dem stoischen Akteur hier zusätzliche Präsenz. Bevor er mit der Reynaud Sex hat, schlägt er der traumatisierten Frau erst mal ins Gesicht, um ihr das „kapriziöse“ Gebaren auszutreiben! Meyer (1925 – 2020) hat in mehr als 100 Film- und TV-Produktionen mitgewirkt, es dabei aber nie zu echter Popularität gebracht. Die zierliche Janine Reynaud ist in einer Doppelrolle als Rennfahrerliebchen Fabienne und als Isabelle, flüchtige aus einer psychiatrischen Anstalt zu sehen. Sie bleibt hier, wie in fast allen ihren Filmen, vor allem dank katastrophaler Frisuren und Perücken in Erinnerung. Allerdings bleibt es ihr mal wieder nicht erspart, sich hüllenlos zu präsentieren. Pier A. Caminneci ist als Rennfahrer Manuel Ramedes zu sehen, bleibt in der kleinen Rolle aber ebenso unscheinbar wie in den wenigen anderen Filmen, in denen er als Darsteller mitwirkte. Die weiteren, mehrheitlich kaum bekannten Darsteller sind wenig mehr als Staffage. Bei dem unverkennbaren Charakterkopf Egon Vogel (1908 – 1993) allerdings, der den alten Mann spielt, hat man sofort ein Déjà-vu, ohne zu wissen, woher man den Mann kennt. Vogel hat laut IMDb in rund 130 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, zumeist in marginalen Rollen oder als Statist. In einer kleinen Rolle wirkt auch Michel Lemoine mit, ein Darsteller und Filmemacher, dessen eigentümliche Physiognomie und die stechenden Augen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Über Lemoine und WIE KURZ IST DIE ZEIT ZU LIEBEN schreibt Phelix u.a.: „Seine Rollen in Necronomicon und Sadisterotik, die ihn mit Adrian Hovens Aquila-Produktion in Berlin in Verbindung gebracht hatten, führten dazu, daß Lemoine 1969 seinen ersten Spielfilm Wie kurz ist die Zeit zu lieben in Berlin drehen konnte. Der teilweise unter dem Pseudonym Pier A. Caminneci geführte Film ist jedoch ein Werk, das allein unter der Verantwortung von Lemoine entstand: ein populärer Action- und Liebesfilm im Rennfahrer-Millieu mit einem melodramatischen Ende.“ (Phelix u.a.: Seite 239)
WIE KURZ IST DIE ZEIT ZU LIEBEN ist kaum mehr als ein prätentiöser Schundfilm der Güteklasse „A“.
Die Aufführungsgeschichte des Films ist ziemlich undurchsichtig. Zunächst gab es am 31.10.1969 im Fachblatt „Filmecho / Filmwoche“ die folgende kurze Meldung: „Die Firma Aquila Film Enterprises hat den Farbfilm „Wie kurz ist die Zeit zu lieben“ abgedreht. […] Die Verleihverhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.“ Diese Verhandlungen wurden allem Anschein nach NIE vollendet. Zwar erhielt der Film am 8.11.1971 eine FSK 18 Freigabe (FSK-Nr: 44130/K), doch kam er, zu mindestens in Deutschland, nicht in den Verleih. Es ließen sich jedenfalls keine entsprechenden Daten finden (Stand 12/2025). Auch in der „Filmdienst“ Datenbank ist er nicht gelistet. Laut FSK (Online) hat der Film eine Laufzeit von „88 Minuten (84:25 Minuten bei 25 fps).“ Unter „Filmportal.de“ finden sich die folgenden Einträge: „Verleihkopie – Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen: 2453 Meter, 89 Minuten. […] Archivkopie – DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum: 2392,2 Meter, 87:26 Minuten.“ Irgendwann in den 80er Jahren wurde WIE KURZ IST DIE ZEIT ZU LIEBEN dann von „Monte Video“ mit einer Laufzeit von 83:52 Minuten auf Video veröffentlicht. Weitere Veröffentlichungen aus anderen Ländern oder auf anderen Medien sind derzeit nicht bekannt. Die Videocassette wird gegenwärtig bei E-Bay zu Preise von 75 Euro bzw. 90 Euro angeboten. (Stand 12/2025)
Ausführliche Zusammenfassung der Handlung
Marc (Hans Meyer) arbeitet als Mechaniker für den erfolgreichen und selbstherrlichen Rennfahrer Manuel Ramedez (Pier A. Camenneci). Manuels Geliebte Fabienne (Janine Reynaud) flirtet immer wieder mit Marc, der heimlich in sie verliebt ist. Beim nächsten Rennen auf dem Nürburgring manipuliert Marc die Radaufhängung von Manuels Rennwagen, weil er glaubt, so den nächsten Sieg verhindern zu können. Manuel bemerkt zwar, das mit dem Wagen etwas nicht stimmt, fährt aber nach einem kurzen Check weiter. Dann kommt es zur Katastrophe. Der Wagen kommt von der Strecke ab und fängt Feuer. Manuel kann zwar aus dem Wrack gerettet werden, doch im Krankenhaus verstirbt er bald darauf. Die verbitterte Fabienne macht Marc für den Unfall verantwortlich und will nichts mehr von ihm wissen. Marcs innere Stimme: „Ich wollte doch nur, dass er nicht gewinnt.“
Der desillusionierte Marc, dessen Karriere als Rennmechaniker nun zu Ende ist, kehrt frustriert in sein Dorf zurück, obwohl er die Ödnis, die Durchschnittlichkeit und den Muff dieses Lebens verachtet: „Hätte ich nicht gedacht, dass ich so tief sinken würde.“ Er betreibt eine kleine Werkstatt in dem Ort, doch die ganze Situation geht ihm gegen den Strich. Bald tauchen ein paar alte „Freunde“ bei ihm auf und bieten ihm einen dubiosen Job als Fahrer an. Etwas arglos nimmt er das Angebot an, bis ihm klar wird, dass es um einen Bankraub geht. Doch da ist es bereits zu spät, der Raub ist in vollem Gange. Plötzlich geht eine wilde Schießerei zwischen den Gangstern und Wachleuten los, den keiner der Räuber überlebt. Marc kann jedoch zu Fuß und unerkannt fliehen. Er klaut ein Auto und rast aus der Stadt. Als Marc auf einer Landstraße eine Frau erblickt, die Fabienne zum verwechseln ähnlich sieht, hält er an und nimmt sie mit. Die unbekannte (Janine Reynaud) spricht zunächst so gut wie kein Wort.
Um einer Polizeisperre aus dem Weg zu gehen, stoppt Marc an einer Raststätte. Nachdem sie etwas zu essen bestellt haben, geht Marc zur Toilette. Mit einem Mal beginnt die Frau damit, anzüglich zwischen den Gästen herumzutanzen und zu einem Striptease anzusetzen. Marc kommt dazu, greift die Frau grob am Arm und zerrt sie aus dem Lokal. Während sie weiterfahren, beginnt die Fremde langsam damit, von ihrem Schicksal zu erzählen.
Sie war bis vor kurzem Schwanger, doch ihr Freund Franz (Michel Lemoine) weigerte sich, die Vaterschaft anzuerkennen. Wutentbrannt stieß er sie von sich: „Von mir soll das Balg sein? Verschwinde bloß!“ Er schlug ihr dabei ins Gesicht und die Frau stürzte eine Treppe hinab. Als sie im Krankenhaus wieder zu sich kam, erklärt ihr der Arzt, dass sie das Kind verloren habe. Daraufhin erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, attackierte den Arzt und wurde, hysterisch schreiend, von zwei Pflegern weggebracht. Sie landete in einer Nervenheilanstalt, aus der sie aber zusammen mit einigen anderen Insassen schon bald wieder entfliehen konnte.
Nachdem sie ihre Erzählung beendet hat, greift die Frau Marc während der Fahrt plötzlich und unerwartet in das Lenkrad, so dass dieser die Kontrolle über den Wagen verliert. Das Auto stürzt eine Böschung hinab und überschlägt sich mehrfach, wobei die beiden Insassen herausgeschleudert werden. Die beiden bleiben unverletzt und machen sich zu Fuß auf den Weg, um Hilfe zu finden.
Sie stoßen auf ein abgelegenes Haus, doch die Bewohner, ein alter Mann (Egon Vogel) und seine Stieftochter Agnes (Eva Hoffmann) wollen sie zunächst nicht hereinlassen. Widerwillig überlässt der Mann den beiden dann doch ein Zimmer. Marc entzündet den Kamin in dem kalten Raum und bereitet vor der Feuerstelle ein provisorisches Nachtlager. Im Laufe des Abends kommen sich Marc und seine Begleiterin zwar näher, doch die Frau wehrt sich zunächst gegen Marcs eindeutige Absichten. Nach einer Ohrfeige (!) gibt sie sich ihm jedoch hin. Am nächsten Morgen werden sie von ihren unfreiwilligen Gastgebern ausgesprochen freundlich und zuvorkommend begrüßt. Nach einem Frühstück im Bett bringt sie der alte Mann mit seinem Auto über die grüne Grenze. Bei einem Freund des Mannes, der ein Autohaus besitzt, machen sie halt. Zufällig sucht der Autohändler gerade einen Mechaniker und bietet dem hocherfreuten Marc die Stelle an...
Doch alles war nur ein schöner Traum!
In Wahrheit hat der Hausbesitzer die Polizei informiert, die schon dabei ist, das Haus zu umstellen. Durch ein Fenster können Marc und die Frau noch einmal entkommen. Sie entdecken eine Ruine, in der sie sich verstecken wollen. Als die Frau versucht, über eine Mauer zu klettern, wird sie unter herabstürzendem, losen Mauerwerk begraben. In einer Vision scheint es ihr, als würden die zusammen mit ihr geflohenen Insassen der Anstalt in ihren weißen Nachthemden um sie herumstehen und sie steinigen. Als Marc dazukommt, kann die Frau ihm nur noch ihren Namen nennen. Sie heißt Isabelle. Dann stirbt sie. Marc trägt sie fort, verfolgt von der Polizei. Schließlich stirbt auch er, von Polizeikugeln getroffen. Den Namen 'Fabienne' flüsternd versucht er, mit letzter Kraft die Hand von Isabelle zu greifen, doch vergebens...
Literatur:
Leo Phelix, Rolf Thissen: Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms, Goldman Verlag München, 1983