Na, es geht doch!
Ich hab im letzten Jahr soviel zelluloidgewordene Kacke besprochen, dass ich fast gar nicht mehr weiß, wie denn ein gepflegtes Lob überhaupt zu schreiben ist.
Zum Glück kam da in der Nachweihnachtszeit der israelische „Happy Times“ des Weges und auch wenn bisher nicht immer alles hundertpro tacko mit den Filmnews aus Jerusalem war, so scheint mir der israelische Entwicklungsweg ermutigend.
„Happy Times“ wirkt ungefähr so, als hätte jemand Quentin Tarantino mit Waffengewalt aufgefordert, eine internationale Version von „Der Vorname“ zu drehen, ohne auch nur einen überflüssigen Satz zu viel aufzunehmen.
Denn die Zeichen stehen auf Streit, auf Eskalation, auf Beharren der Standpunkte und natürlich auf dem kleinlichen Sich-Behaupten, welches zu großem Leid und Blutvergießen führt.
Dabei ist am Anfang scheinbar alles eitel Freude: Sigal und Yossi laden ein Mischmasch aus Verwandten und Freunden/Kollegen zu einem Dankesfestabendessen jüdischer Natur ein, wobei allerdings auch Atheisten und andere Religionen bei Tisch sitzen. Die Gastgeber sind relativ reich, es bestehen Abhängigkeitsverhältnisse und es gibt einen gewissen Sozialneid zwischen den Parteien, den man routiniert zu überspielen bemüht ist. Aber sehr früh schon wird deutlich, dass das alles nur Oberflächen sind, immer wieder brechen kleine nachträgliche Kommentare raus und die Darstellung der eigenen Ansichten wird immer einen Tick zu laut und zu raumfüllend geführt.
Bei Tisch herrscht erst noch Zurückhaltung, auch wenn man thematisch da schon Stereotype und rassistisch angehauchte Ansichten tauscht, doch dann stellt sich der Erste bei Tisch, ein wenig talentierter, aber aufstrebender Schauspieler namens Michael, der eine allen unbekannte Freundin (die einzige Figur, die ansatzweise sympathisch sein soll) mitgebracht hat, quer. Er lästert über die Religion und die Tischsitten, lehnt das Gebet ab und provoziert den Gastgeber, der jedoch auch nicht so wirkt, als würde ihn das aus religiösen Motiven tangieren, es scheint mehr um Respekt und Höflichkeit zu gehen.
Daraus resultiert ein Streit, der mehr und mehr eskaliert, je mehr aggressiver die Anwesenden ihre kleinen Revanchen fahren, verbal und tätlich. Da wird eine Toilette verstopft, ein Autoschlüssel in die Nachbarschaft geworfen und Genitalien während einer Bewusstlosigkeit fotografiert und an das gesamte Adressbuch verschickt. Jede kleine Eskalation, längst haben sich streitende Grüppchen gebildet, rückt die Gruppe näher an Handgreiflichkeiten heran und aus diesen werden nach und nach Tätlichkeiten.
Alles dringt aufgrund der rücksichtslosen Einstellung aller Anwesenden nach oben: dass einer der Gäste komplett abhängig vom Gastgeber ist, dass ein besonders ruhiger Gast eigentlich eine tickende PTBS-Bombe ist und dass gewisse sexuelle Begehrlichkeiten in der Gruppe existieren, wobei selbst die um Souveränität bemühte Sigal im besten Cocktailkleid-Modus nicht eben sauber mit der ehelichen Treue ist.
Fast zwangsläufig steigert sich nun das Tempo und die Herbheit der Dialoge, die versteckte Abgründe offenbaren, wobei die Figuren keinesfalls gebrochen werden können, sie sind bereits vom Ansatz her Archetypen von Figurenkarikaturen, wie sie nur in einem Drehbuch stehen können.
Folgerichtig ist der erste Schuss, der fällt, nicht wirklich zur Läuterung gedacht, denn von nun an, will jeder am besten erstmal nur sich absichern und so beginnt nun ein intensiver Konflikt, der quer durch das Haus geführt wird.
Um die Polizei abzuwimmeln, die wegen der Schüsse anrückt, steht man ein letztes Mal zusammen, zieht sogar gegen die US-Cops eine geradezu groteske Rassismuskarte, damit man sie abwimmeln kann (zumindest das hätte man etwas geschickter machen können, aber die Figuren suhlen sich gerade zu in dieser direkten Grobheit) – doch dann ist jeder auf sich allein gestellt. Und während sich eine Figur noch in Sicherheit bringt, führen die emotionalen Wogen dann bald zu Mord und Totschlag, wobei sich dabei eine geradezu fatale Kaskade im Haus entwickelt.
Subtilität ist nicht wirklich angesagt, „Happy Times“ geht ziemlich breitärschig, sarkastisch und laut in die offene Feldschlacht am Dinnertisch, verwandelt sich aber immerhin nicht als absolute Steigerung in eine Splatterorgie, auch wenn der Gewaltlevel stetig steigt.
Hilfreich dabei ist, dass man so gut wie keinen der Charaktere mag, selbst wenn sich zaghafte Sympathie entwickelt, sagen oder tun die Figuren etwas, das diesen Anschein wieder abtötet.
Das alles scheint hier und jetzt artifiziell zu sein, aber der Film eskaliert eigentlich nur beliebte Stereotypen und Ressentiments, Alltagsrassismus und Stammtischideologien, wobei hier häufig irgendwann der Eskalation die Spitze genommen wird, um sie dann auf einem Nebenschauplatz neu entflammen zu lassen. Das ist nicht wirklich realistisch, aber es macht Spaß, denn im Gegensatz zu vielen dialoglastigen Filmen hat dieser hier eine kurze Zündschnur, kommt gleich zum Thema und führt in die Aktion, während die Figuren noch reden. Um dann keine wirkliche Lehre daraus zu ziehen.
Wer also mal rabiate 90 Minuten genießen will, bei denen der Gore gleichberechtigt neben dem bitchigen Dialog herfährt und der einige überraschende Haken schlägt – der kann hier wirklich ein blutiges Fest genießen. (7,5/10)