Es ist eine wahre Gabe, Kompositionen von Beethoven, Bach, Schubert oder gar Rachmaninow am Klavier zu beherrschen. Sie jedoch live vor großem Publikum darzubieten, ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko, denn anders als bei Schauspielern lässt sich ein Fehler nicht so einfach überspielen, jeder falscher Ton, jede übermäßige Pause wird sogleich wahrgenommen. Dass auch ältere, erfahrene Pianisten unter enormen Lampenfieber leiden können, untermauert das Drama von Regieneuling Claude Lalonde.
Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau zog sich der Star-Pianist Henry Cole (Patrick Stewart) jahrelang aus der Öffentlichkeit zurück. Ein Konzert in London vor 2000 Zuschauern soll hingegen den Beginn einer kleinen Tournee darstellen. Journalistin Helen (Katie Holmes) würde gerne ein ausführliches Interview mit ihm machen, doch zunächst blitzt sie ab. Als sie ihm jedoch die Angst vor einem Auftritt zu nehmen weiß, willigt er ein und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft…
Als Freund (klassischer) Musik möchte man den Film schlichtweg mögen und der Einstieg mit Henry auf der Bühne stimmt auf viel Gefühl durch Musik ein. Das Lampenfieber und die Selbstzweifel des erfahrenen Pianisten („Sie kommen, um mich scheitern zu sehen“) sind nachvollziehbar veranschaulicht und bei alledem bringt der 81jährige Stewart eine enorme Präsenz mit, was durch die markante Synchro von Kaspar Eichel noch verstärkt wird.
Stewart lernte zwar einige Monate Klavierspiel, musste bei den Nahaufnahmen allerdings gedoubelt werden, weil Arthritis bestimmte Griffe nicht zuließ.
Der charakterorientierte Streifen ist ein sehr ruhig erzählter, der einerseits von der musikalischen Untermalung (fast ausschließlich Piano) lebt und andererseits vom Zusammenspiel und der Chemie der beiden Hauptdarsteller. Folgerichtig auch durch die Dialoge, welche oft recht geschliffen daherkommen, zuweilen poetisch anmuten und meistens eine angemessene Melancholie versprühen. In der geballten Form erscheinen sie jedoch nicht sonderlich lebensnah, wenn man permanent versucht, nahezu alles in philosophische Metaphern zu kleiden.
Auf Dauer fehlt eindeutig der Spannungsbogen, eine ausgefeilte Dramaturgie. Lange Zeit im letzten Drittel wandert Henry durch malerische Landschaften der Schweiz, aber die Erzählung droht mehr und mehr ins Leere zu laufen, zumal ein Schicksalsschlag völlig ungelenk und emotionslos eingebaut wurde, woraufhin die Chose etwas orientierungslos vor sich hin dümpelt und erst gegen Ende ein wenig zum Ursprung der wesentlichen Themen zurückfindet.
Zweifelsohne performt Stewart stark und reißt nahezu alle Szenen problemlos an sich, doch auch Katie Holmes bringt eine grundsolide Präsenz mit, während die Chemie zwischen den beiden definitiv stimmt. Diese Tatsache und die tadellose musikalische Untermalung verhehlen jedoch nicht die recht dünne Geschichte, welche nur vage Blicke hinter die Fassade des Künstlers zulässt. So mag man sich von dem Stoff in eine melancholische Grundstimmung versetzen lassen, doch unter die Haut geht er leider nicht.
5,5 von 10