Ein harter Titel für ein hartes Thema. Dabei muss eine Paraphilie, also ein atypisches, sexuelles Interesse nicht unbedingt Schaden verursachen. Angeblich sexuell erregen können Bienen (Melissopholie), Stofftiere (Plushophilie), Geister (Spektrophilie) und sogar Bogenschießen (Toxophilie). Doch spätestens Fälle in Lügde und Münster haben untermauert, dass Pädophilie nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte. Insofern wagt Autor und Regisseur Savas Ceviz bei seinem Spielfilmdebüt eine schmale Gradwanderung.
Markus (Max Riemelt) ist Ende 20, Architekt und allein stehend. Der junge Mann hasst sich dafür, pädosexuell veranlagt zu sein, doch kann er es nicht lassen, Jungs heimlich im Schwimmbad zu fotografieren. Als nebenan die allein erziehende Mutter (Isabell Gerschke) mit ihrem achtjährigen Sohn Arthur (Oskar Netzel) einzieht, freundet er sich mit der Frau an, während Markus die Kontrolle zu verlieren scheint…
Obgleich man dazu neigt, einen pädophil veranlagten Menschen als perversen Kriminellen abzustempeln, handelt es sich um eine Neigung, die aus psychotherapeutischer Sicht nicht geheilt, sondern nur behandelt werden kann. Markus weiß sehr genau um seine Tendenzen, er kapselt sich weitgehend vom Sozialleben ab und ist dennoch weit weg vom Klischee des schmierigen Kinderschänders, denn man sieht den Leuten grundlegend nur vor den Kopf. Und einer wie Markus könnte „normaler“ kaum in Erscheinung treten.
Das gestaltet die Sache im Zusammenhang mit der neu hinzu gezogenen Familie umso prekärer, speziell aus Sicht von Arthur, der in Markus rasch den ersehnten Vaterersatz gefunden glaubt. Und genau diese Nähe wird gefährlich, eine Nähe, von der sein Therapeut dringend abrät. Folgerichtig breitet sich ein latentes Unbehagen aus, denn obgleich Markus nicht gerade als Bestie dargestellt wird, geht er mit dem heimlichen Fotografieren diverser Kinder bereits deutlich über Grenzen hinaus. Und Berührungen durch väterliche Freunde werden plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtet, jede Geste, jeder Blick erscheint bereits zuviel.
Oft besucht Markus einen einsamen Wolf im Käfig, - diese wiederkehrende Metapher hätte es gar nicht gebraucht, denn allein die kontrastarme Farbgebung und der überaus spärliche Einsatz eines sanft orchestrierten Scores sagen bereits viel über den Gemütszustand des Protagonisten aus.
Jenen verkörpert Max Riemelt grandios mit gebotener Zurückhaltung und recht feinen Nuancen. Glaubhaft gelingt ihm die Gradwanderung zwischen Täter und Opfer, zwischen unterdrückter Erregung und Selbsthass, zwischen Maskerade und ehrlichen Gefühlen.
Ein wenig Ohnmacht bleibt am Ende schon, denn eine Lösung kann es letztlich nicht geben, schon gar keine allgemeingültige. Auch wenn in „Kopfplatzen“, schon aus dramaturgischen Gründen, im letzten Drittel manch entscheidende Entwicklung eingeleitet wird, so hätte man sich zwischen den Zeilen ein wenig mehr Reflektion gewünscht. Dennoch ein gelungenes Drama über ein heikles Thema, das ambivalent und ohne moralinsaure Botschaft angegangen wird und keine Schockmomente benötigt, um das Interesse auf sich zu ziehen.
6,5 von 10