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Selten sind Kriminalautoren auch versierte Filmemacher, obgleich sie natürlich genau wissen, welche Szene wie auszusehen hat. Speziell die surrealen Parts schüren bei Erfolgsautor und Regisseur Donato Carrisi eine taugliche Atmosphäre, die Story tritt allerdings einige Male auf der Stelle.

Die 28jährige Sam (Valentina Bellè) wurde vor 15 Jahren entführt und soeben auf der Straße aufgefunden. Profiler Dr. Green (Dustin Hoffman) versucht die Ereignisse zu rekonstruieren, während der todgeweihte Detektiv Genko (Toni Servillo), der seinerzeit auf den Fall angesetzt war, einmal mehr die Spur des Entführers aufnimmt…

Nach seiner Verfilmung von „Der Nebelmann“ begibt sich Carrisi erneut auf den Regiestuhl und offenbart seine eindeutige Stärke mit stimmungsvollen Momentaufnahmen. Bei den Schilderungen Sams im gewölbeartigen Labyrinth geht es ebenso düster zu wie bei der Inspektion der Behausung eines Tatverdächtigen, der sich im Keller einer Kirche mit merkwürdigen Requisiten umgab. Zudem spielt die Kamera in einigen Szenen recht geschickt mit der langsam enthüllenden Perspektive auf eine bestimmte Person, während einige visualisierte Gedankengänge eines Ermittlers ein ordentliches Timing aufweisen.

Jedoch lässt sich die Geschichte zwischenzeitlich zuviel Zeit, zumal das Erzähltempo dem des alten Detektivs gleicht, der trotz angeschlagener Gesundheit zu keiner Zeit auf den Glimmstengel verzichten kann. Da die eigentliche Ermittlungsarbeit eher beiläufig abgehandelt wird und einen überschaubaren Kreis an potenziellen Tätern liefert, summieren sich im Verlauf jene Momente, die im Labyrinth keine neuen Erkenntnisse bringen und lediglich den Gemütszustand der Gefangenen unterstreichen.

Im letzten Drittel punkten zwar ein, zwei überraschende Wendungen, doch gleichermaßen irritiert die vertrackte Erzählweise, welche neue Fragen aufwirft, anstatt sie zu beantworten.
Zudem wird nie so recht geklärt, was es mit den wenigen paranormal anmutenden Szenen auf sich hat, etwa, als Sam gleich zu Anfang wie von unsichtbarer Geisterhand in den Van gezogen wird. Die Gewalteinlagen halten sich derweil in Grenzen, was locker mit der FSK16 konform geht.

Mithilfe der starken darstellerischen Leistungen von Hoffman, Servillo und Bellè und einem sauber arrangierten, orchestralen Score entsteht phasenweise der Eindruck eines teuren Blockbusters, der durch die grundsolide Ausstattung noch verstärkt wird. Mit einer Laufzeit von 130 Minuten ist der Thriller jedoch ein wenig zu lang geraten, wodurch sich besonders im Mittelteil kleinere Längen bemerkbar machen. Spannende Momente halten sich in Grenzen, atmosphärische Spitzen sind indes einige auszumachen, so dass sich unterm Strich ein passabel unterhaltendes Werk ergibt, welches durch das leicht verwirrende Ende einen merklichen Dämpfer erfährt.
6 von 10

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