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Nach 15 Jahren Gefangenschaft in einem unterirdischen Labyrinth erwacht die mittlerweile zum Twen gewordene Samantha Andretti (Valentina Bellè) eines Tages in einem Krankenzimmer - ihr gegenüber sitzt der erfahrene Psychologe Dr. Green (Dustin Hoffman), der der verwirrten jungen Frau in ruhigen Worten ihre Lage erklärt. Sie sei von ihrem Entführer unter Drogen gesetzt worden und bekäme gerade ein Gegenmittel, dessen Wirkung sie abwarten müsse, bis sie sich an das Vorhergegangene erinnert. Es dauert auch einige Zeit, dann aber kommt Samanthas Erinnerung bruchstückhaft zurück: Irgendwann in den Neunzigern ist sie während eines Spaziergangs in einen Van am Straßenrand geraten und dann in einem Keller-Labyrinth aufgewacht: Dort mußte sie erst lernen, nach erfolgreichem Bestehen eines Spiels mit einem Würfel belohnt zu werden - mit Essen oder trinken oder auch einer Matratze.
Gleichzeitig macht sich anderenorts der ehemalige Ermittler und nunmehrige Privatdetektiv Bruno Genko (Toni Servillo) auf, das Rätsel um die Entführte und vor allem deren Urheber zu lösen. Genko, ein Lebemann Mitte Sechzig, hat eine ärztliche Diagnose erhalten, die ihm nur noch sehr wenig Zeit beschert - genaugenommen soll heute sein letzter Tag sein. Davon unbeeindruckt nimmt Genko Kontakt zu den den aktuellen Fall betreuenden Polizisten auf, läßt sich vom Stand der Ermittlungen berichten, folgt dann jedoch seiner eigenen Theorie. Die merkwürdige Fährte eines psychisch Kranken, der in einem Hasenkostüm u.a. im Wald herumläuft, scheint vielversprechend...

Mit L'uomo del labirinto hat Regisseur und Schriftsteller Donato Carrisi einen weiteren Krimi aus seiner eigenen Feder verfilmt, der in der Tradition eines 70er-Jahre-Giallos den geneigten Zuschauer Stück um Stück der Wahrheit nahebringt - dabei dreht und windet sich die teilweise verschlungene Handlung mit einigen Zeitsprüngen und erinnert an manchen Stellen an Dario Argentos Klassiker. Bezeichnend auch die Auswahl der Charaktäre: der etwas schrullige Privatermittler, der eigentlich als Schuldeneintreiber arbeitet, einfache Sandalen ohne Socken trägt und seiner Gesundheit nicht sonderlich viel Beachtung schenkt - nebenbei ist er väterlicher Freund der Luxusnutte Linda (Katsiaryna Shulha), die er ab und zu besucht. Ganz das Gegenteil ist der nach US-Vorbild ermittelnde Dr. Green, der sanft aber wohlgesetzt spricht und die Situation jederzeit unter Kontrolle zu haben scheint. Das Opfer hingegen, eine sehr schlanke, androgyn wirkende junge Frau, versucht sich fieberhaft daran zu erinnern, wie ihr Leben in den letzten 15 Jahren verlaufen ist. Dazwischen schwirren jede Menge schräger, aber nicht unnatürlich wirkender Gestalten herum - ein kranker ehemaliger Messdiener mit einem düsteren Geheimnis, eine alleinstehende alte Hausbesitzerin mit einem großen Keller, ein Sonderling mit einem riesigen, entstellenden Mal im Gesicht oder auch ein geheimnisvoller Comic, der eine Einzelanfertigung zu sein scheint und mit einem Spiegel gedeutet werden muß...

Der Entführungsfall, hauptsächlich aus der Sicht des Detektivs geschildert, bietet Einblicke in die seltsame Welt mißhandelter Kinder und mißhandelnder Erziehungsberechtigter - und was aus ihnen wurde. Dabei ist der eigenwillige Genko nicht unbedingt ein Sympathieträger, wirkt öfters schmuddelig und scheint mit seinem uralten Cassetten-Diktiergerät auch nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, dennoch führt ihn seine Intuition nach und nach auf die richtige Spur, denn der Entführer ist ein Perfektionist, der nichts dem Zufall überlässt und überdies ein Spielefreak, der seinen Opfern Aufgaben stellt. In Rückblenden aus ihrer Zeit im Labyrinth erinnert sich Samantha an diverse verschlossene Türen, von denen sie beispielsweise eine mit einem Code öffnen konnte, nur um dahinter ein anderes bedauernswertes Opfer zu finden, dem für den Mord an ihr die Freiheit versprochen wurde. Neben dem immer wieder auftauchenden Würfel erinnert sie sich auch, eines Tages eine Katze auf ihrer kahlen Matratze entdeckt zu haben. Dr. Greens einfühlsame Fragen dazu scheinen aber zu bestätigen, daß dies keine Katze, sondern ein Baby gewesen ist...

Mit diesen sich behutsam nach und nach offenbarenden Tatsachen, oftmals in warmen Erdtönen abgefilmt und auf jegliche Knalleffekte, Jump-Scares und dergleichen verzichtend hält Diener der Dunkelheit seine Spannungskurve bis zum Schluß aufrecht und wartet am Ende sogar mit einem fiesen Plot-Twist auf, der seine Wirkung durch einen kleinen Epilog noch verstärkt. Für Krimi-Freunde auf jeden Fall eine Empfehlung: 8 Punkte.

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