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In der spanischen Exklave Melilla, einem winzigen Stück Land an der marokkanischen Nordküste, gibt es nächtlichen Radau: Dutzende afrikanischer Flüchtlinge versuchen, die meterhohen, mit Stacheldraht gesicherten Maschendrahtzäune zu überwinden. Eine Streifenwagenbesatzung der dort patrouillierenden Guardia Civil versucht einen Flüchtling, der sich oben am Zaun verheddert hat loszuschneiden, doch durch das massive Rütteln der anderen Flüchtlinge gelingt dies dem hinaufgekletterten Beamten nicht - da setzt er seinen Schlagstock ein und beide stürzen hinunter. Die Folgen sind fatal: Der Flüchtling stirbt, und die Polizisten, die ihn vergeblich zu reanimieren versuchen, sehen einer unangenehmen offiziellen Untersuchung des Falls entgegen.
Zeitgleich an der afrikanischen Westküste in Kamerun ist Gonzalo (Luis Tosar) als Geldgeber und Berater einer europäischen NGO in einem Wildpark tätig. Er versucht, die dortigen Elefanten vor Wilderern zu schützen, doch seine GPS-gestützten Patrouillenfahrten enden nur allzuoft bei einem (vergeblich gechipten) Kadaver, dem die Stoßzähne bereits in aller Eile abgeschnitten wurden. Gonzalo ist mit den einheimischen Wildhütern unzufrieden, denn die bedauern solche Vorfälle nicht sonderlich, sondern wollen das Fleisch des toten Elefanten im Dorf verteilen, was Gonzalo strikt ablehnt und stattdessen den Kadaver verbrennen läßt. Als später darüber ein Streit entbrennt, schmeissen ihn die Afrikaner kurzerhand hinaus.
Nicht weit entfernt lebt der titelgebende sechsjährige Adú (Moustapha Oumarou) mit seiner etwa 10jährigen Schwester Alika bei ihrer Mutter in einer Pfahlhütte am Fluß. Am Nachmittag waren die beiden mit Alikas Fahrrad im Dschungel unterwegs und wurden, durch die Schüsse aufmerksam geworden, Zeugen des Treibens der Wilderer. Fast wären sie von diesen entdeckt worden, konnten aber noch rechtzeitig fliehen, mußten dabei jedoch das Fahrrad zurücklassen, das die Wilderer dann neben den Elefanten-Kadavern deponierten. Am nächsten Tag wird Adú von einem einflußreichen Dorfältesten gebeten, ihm das Fahrrad auszuleihen. Weil dies aber nicht möglich ist, muß der arglose Junge das Erlebte wiedergeben - in der darauffolgenden Nacht brechen Killer in die Hütte der kleinen Familie ein und erschießen die sich wehrende Mutter, während sich Adú und Alika durch einen Sprung ins Wasser retten können. Eine nach langem Fußmarsch erreichte Tante vermittelt den beiden einen von ihr bezahlten Schlepper, der die beiden Kinder nach Marokko zum Vater bringen soll. Doch der dafür vorgesehene LKW wird aufgehalten und so werden Adú und Alika am Rande eines kleinen Flughafens abgesetzt: Dort starten Maschinen direkt nach Paris, und wenn sie sich im Frachtraum verstecken, würden sie direkt in Frankreich landen...

Diese drei Geschichten über afrikanisch-europäische Verhältnisse läßt das spanische Flüchtlingsdrama Adú parallel zueinander laufen, bevor sie sich langsam verbinden. Den beeindruckenden Landschaftsbildern mit teilweise satter Vegetation und Helikopteraufnahmen von Dörfern und Städten stehen die bittere Not und der Pragmatismus der beiden Flüchtlingskinder, die Gewissensbisse eines Polizisten, der den Schlagstockeinsatz seines Kollegen miterlebt hat (und zumindest innerlich verurteilt) sowie das Handeln des undurchsichtigen spanischen Geschäftsmannes Gonzalo (der in ein anderes afrikanisches Land zieht und dabei seine 18jährige Tochter aus Madrid zu sich holt) gegenüber - ohne erhobenen Zeigefinger und ohne kitschige Klischees erlebt man ein Stück des gegenwärtigen Alltags in Afrika mit, wobei es der Regie darauf ankam (und meiner Meinung nach auch bravourös gelingt), möglichst allen Beteiligten gerecht zu werden.

Da hätten wir den Guardia-Civil-Angehörigen Mateo (Álvaro Cervantes), der gerne Polizist ist, aber den Schlagstockeinsatz einfach nicht gut finden kann. Später wird er wegen des weitverbreiteten Korpsgeist für seinen Kollegen notgedrungen lügen, gleichzeitig aber hat er als Einziger die wenigen Papiere des verstorbenen Flüchtlings angeschaut und sich Gedanken über dessen weite Reise gemacht: Der Tote hatte in seinem weit südlich gelegenen Heimatland gegen die politischen Verhältnisse protestiert, war deswegen eingesperrt worden und geflohen - nun liegt er in irgendeinem Grab in Melilla. Mateo erhält später die Gelegenheit, etwas definitiv Gutes zu tun - und er nutzt sie.
Anders verhält es sich bei Gonzalo, der sehr viel Geld in Spanien gemacht hat, dorthin aber wegen drohender Steuerverfahren nicht zurückkehren kann. Er ist eine recht ambivalente Persönlichkeit, einerseits ein Lebemann, der mehrere Residenzen und Wohnungen besitzt, andererseits mit seinem Kapital auch etwas für die Allgemeinheit tun will, indem er eine NGO unterstützt. Seiner sehr westlichen (europäischen) Einstellung bezüglich des Schutzes der Elefanten steht die ebenso begründete Einstellung der einheimischen Wildhüter gegenüber: zwei konträre Auffassungen, die schlußendlich dazu führen, daß Gonzalo gehen muß. Der diesbezügliche Dialog zwischen dem Teamleader der Wildhüter und Gonzalo ist in Punkto Wortwahl und Verhalten des Afrikaners übrigens ganz bemerkenswert... Als später Tochter Sandra (Anna Castillo) eintrifft, sieht sich Gonzalo dann ganz anderen Problemen gegenüber - die rebellierende 18jährige betrachtet ihr verübergehendes Domizil nämlich geradezu als Paradies, weil man an jeder Ecke bestes Gras bekommt - da muß der eigentlich antiautoritäte Gonzalo öfters als Spaßbremse eingreifen.
Ein Großteil des Films dreht sich jedoch um die abenteuerliche Flucht des Hauptdarstellers Adú - und der ist noch viel zu jung, um das Geschehen um sich herum überhaupt einschätzen zu können. Zunächst folgt er seiner fürsorglichen Schwester, doch die hochdramatische Flucht (im Fahrwerksschacht) endet vorerst bei einem Zwischenstop im Senegal (statt in Frankreich) - dort schließt er sich dem erheblich älteren Flüchtling Massar an, und gemeinsam schaffen es die beiden ein gutes Stück weiter in Richtung Norden.
Man könnte noch viel über dieses spanisch-afrikanische Drama (das mit Alikas Fahrrad auch eine Art McGuffin enthält) schreiben, doch die streckenweise emotional aufwühlende, insgesamt jedoch durchaus ausgewogene Geschichte sollte der geneigte Zuschauer am besten selbst "miterleben" - derzeit ist sie (und das ist definitiv ein Lob für den Streaming-Giganten) auf Netflix zu sehen.

Adú ist ein sehenswerter Film, der kein signifikantes Ende (und damit auch kein Happy-End) hat, sondern über den Schluß hinaus nachwirkt und dem Zuschauer Raum läßt, sich eigene Gedanken zu machen. Prädikat: Empfehlenswert, 8 Punkte.

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