Review

BEYOND THE LAW

(BEYOND THE LAW)

James Cullen Bressack, USA 2019

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Es ist schon eine halbe Ewigkeit vergangen, seit ich zum letzten Mal einen gepflegten Steven-Seagal-Heuler angeschaut habe (okay, zweiundzwanzig Monate, um’s genau zu sagen, also doch etwas weniger), aber tatsächlich ist mir in dieser Zeit auch nichts Entsprechendes begegnet – zumindest nichts, was mir noch unbekannt war. Nun aber hat Beyond the Law meinen Weg gekreuzt, und dieser Film war mir unbekannt. Allerdings ist er auch sehr viel jüngeren Datums als alles andere, was ich bisher vom faulen Aikidō-Meister sehen durfte – womit das Schrillen der Alarmglocken die Vorfreude ein wenig dämpfen wollte: Wenn sich Seagal schon vor zwanzig Jahren nicht mehr bewegen wollte, was ... Egal. Grundsätzlich gilt, dass Filme mit ihm für den aufrechten Ramschliebhaber erst einmal zum Pflichtprogramm gehören und angeschaut werden – jammern kann man später.

Wir werden Zeugen eines brutalen Raubüberfalls: Zwei Ganoven dringen in ein heruntergekommenes Gebäude ein und erbeuten eine ziemlich große Geldsumme, die offenbar einer anderen Bande oder der örtlichen Mafia gehört – in einer Bank sind wir hier nicht. Der Raub gelingt, die Beraubten sind tot und die Täter ziehen sich zurück. Ihr Chef, der skrupellose Desmond Packard, übergibt die Beute seinem noch sehr jungen Partner Chance Wilson zur Aufbewahrung – keine gute Idee, denn kurz darauf ist das Geld aus Chances Wohnung verschwunden.

Leider ist es nun so, dass der hirnbefreite Desmond bei Problemen jedweder Art nur eine Lösung kennt: Gewalt. Ohne ihm die Gelegenheit zu geben, die Sache zu klären (das Geld zurückzubekommen, wäre doch sicher eine gute Option gewesen ...), erschießt er Chance. Damit ruft er jedoch dessen Vater Frank Wilson, einen leidlich verlotterten, irgendwo auf dem Land lebenden Ex-Polizisten, auf den Plan. Von nun an wird’s ungemütlich, denn Frank, der schon auf seiner ehemaligen Dienststelle berüchtigt war (übertriebene Gewaltanwendung, Fälschung von Beweismaterial), gehört nicht zu den Feingeistern und startet mit einer Reisetasche voller Waffen seinen Rachefeldzug – unabhängig davon, dass in dieser Sache auch der Detective Ray Munce tätig ist.

Bei seinen Nachforschungen kommt Frank zügig voran und weiß schon bald, dass Chances Freundin Charlotte das Geld geklaut hat und wer für den Mord verantwortlich ist. Desmond hat freilich auch einen Vater (beziehungsweise Adoptivvater), und das ist der örtliche Gangsterboss Augustino „Finn“ Adair. Als der mitbekommt, dass Frank Wilson im Anmarsch ist, mahnt er seinen Sohn zur Ruhe und will die Angelegenheit selbst klären. Der psychopathische Hohlkopf Desmond meint jedoch, mit seiner Methode besser und schneller klären zu können, was geklärt werden muss. Falsch gemeint: Der Mordanschlag, den Desmond mit drei Handlangern auf Frank verüben will, wird von diesem ohne größere Schwierigkeiten zurückgeschlagen. Desmond bleibt sich jedoch treu: Erneut den Weisungen seines Vaters und kriminellen „Vorgesetzten“ trotzend, besucht er Frank mit seinen Leuten auf dessen Landgrundstück. Doch wieder schlägt der Mordanschlag fehl, diesmal sogar mit erheblichen Verlusten aufseiten der Angreifer. Auch Frank wird schwer verletzt, entlässt sich aber, kaum dass er auf der Intensivstation wach geworden ist, selbst aus dem Krankenhaus. Leute wie Frank müssen nicht kerngesund sein, wenn sie gegen das organisierte und gleichzeitig das weniger organisierte Verbrechen ins Feld ziehen. Und Frank zieht ... und lässt sich auch nicht von der deprimierenden Erkenntnis aufhalten, dass Detective Munce korrupt ist und mit den Ganoven kollaboriert.

Am Ende ist Munce auch nur eine Leiche mehr unter vielen – nachdem Frank endlich den irren Nichtsnutz Desmond erledigt und „Finn“ Adair gründlich in den eigenen Reihen aufgeräumt hat (ein paar von Desmonds Kumpanen wollten in die eigene Tasche wirtschaften), treffen sich die beiden Väter zu Kaffee, Whiskey, Mord und Totschlag ... Und so geht’s aus (sicherheitshalber noch einmal Spoilerwarnung bis zum Absatz): Der schon wieder schwer verletzte und ohnehin todkranke Frank lässt sich vor laufender Handykamera von Adair erschießen, woraufhin dieser den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen sollte. Sehr nett ist es schließlich vom Skript, dass es die diebische Charlotte nicht vergessen hat: Die bekommt in der letzten Szene Besuch von der bereits groß ins örtliche Geschäft eingestiegenen coolen Gangsterchefin Karina ... und zwei Kugeln in den Kopf.

Die Leichen stapeln sich also – doch keinen wundert’s und die wenigsten dürfte es sonderlich interessieren. Schade eigentlich, denn das Skript von Chad Law und Johnny Walters möchte durchaus etwas Anteilnahme erwirken. Zumindest tut es so – ob die Autoren wirklich geglaubt haben, dass sie einen Billigklopper wie Beyond the Law als ernst zu nehmendes Drama verkaufen können, ist fraglich. Allen möglichen Ambitionen steht schon ein Steven Seagal im Cast nahezu unüberwindbar entgegen, aber auch James Cullen Bressacks Inszenierung und einige Probleme, die das Skript selbst mitbringt, sorgen dafür, dass Beyond the Law nie den C-Klassen-Keller verlässt.

In erster Linie ist das hier geschilderte Geschehen viel zu vorhersehbar, was sich leider bereits am Protagonisten selbst sehr gut festmachen lässt: Wenn man ihn schon in seiner zweiten oder dritten Szene Blut spucken sieht, dann kann man sich ohne Mühe ausrechnen, wie die Sache knapp achtzig Minuten später enden wird. Bis dahin haben nun Bressack und das Skript eigentlich genug Zeit, um uns Frank so nahe zu bringen, dass das Drama halbwegs funktioniert, aber das will einfach vorn und hinten nicht gelingen, weil schlichtweg die erzählerischen Mittel dazu fehlen. Chad Law und Johnny Walters sind hier scheinbar mit der Devise an den Start gegangen, erst einmal loszuschreiben und dann zu sehen, wie sich der Rest zusammenbiegen lässt (allein Franks Blitz-Ermittlungen werden allesamt aus dem Hut geholt) – zur Not kann man immer noch Desmond irgendjemanden erschießen lassen. Fast peinlich und völlig deplatziert sind dabei die Versuche, Franks Figur etwas Hintergrund und Tiefe zu verleihen, indem das zerrüttete Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohn Chance noch einmal aufgewärmt wird, und zwar mit sinnlosen kurzen Traumsequenzen und einer grauenhaft kitschigen Rückblende (Weichzeichner-Ränder!). So etwas kann hier, sprich meilenweit vom Charakterkino entfernt, selbstredend nicht gedeihen. Dem Wesen nach ist Beyond the Law nicht mehr als ein billiger und brutaler kleiner Reißer, und über diesen Schatten kann der Film nicht springen.

Es hätte ihm freilich kaum jemand übel genommen, wenn er es gar nicht versucht hätte – die Leute, die ihn ansehen, tun das in der Regel deshalb, weil sie mit den Namen Steven Seagal und DMX geködert werden und hier eine ruppige und kurzweilige Actionsause erwarten (auch wenn die meisten wissen, dass Seagal nicht persönlich an der Action beteiligt sein wird ...). Deren Unmut zieht sich Beyond the Law nun aber in massiver Form zu: Der Streifen ist nicht nur holprig und behäbig, sondern verzichtet auch über weite Strecken völlig auf Krawall. Die einzige erwähnenswerte Actionsequenz ist Desmonds Angriff auf Franks Landhaus, alles andere ist nur kurzes und zum Teil wirklich beschämend schlecht ins Bild gesetztes Gefuchtel. So wie’s aussieht, hat man hier keine Szene zweimal gedreht, sondern anschließend einfach nur alles herausgeschnitten, was missraten war – womit auch einige böse Ruckler erklärt wären. Generell gehe ich dabei im Sinne der Unschuldsvermutung davon aus, dass mir vom TV-Sender meines Vertrauens eine Uncut-Fassung vorgesetzt wurde. Wenn nicht, wär’s auch zu überleben – so viel, dass mit eventuell fehlenden Szenen ein guter Film aus Beyond the Law wird, kann man gar nicht herausgeschnitten haben.

Auch die Optik hilft nicht weiter – im Gegenteil: Der Streifen kommt zwar im Breitwandformat daher, sieht aber immer absolut grottig aus. In erster Linie verdankt er das seinen fast ausnahmslos unattraktiven Schauplätzen ... wobei „unattraktiv“ genau genommen ein Euphemismus ist und eigentlich auch das „fast“ gestrichen werden kann – ehrlich gesagt fällt mir auch bei angestrengtem Nachdenken kein einziger nicht unattraktiver Schauplatz ein. Ich habe wirklich gerade nachgedacht, aber da kommt: nichts. Gedreht wurde in gammligen Stadtrandvierteln (mitunter sieht’s wie in Philadelphias Kensington Avenue aus), bei den meisten einbezogenen Gebäuden handelt es sich um leer stehende und ruinöse Backsteinbauten, und in den finsteren und verqualmten Innenräumen, denen wir hier begegnen, möchte man sich keine Minute lang aufhalten. So bleibt dem Auge kaum mehr als grünlich-brauner Matsch. Dass der scharf und beschädigungsfrei ist, macht’s nur wenig besser. Tricktechnisch geschieht derweil wenig, weil Beyond the Law einen großen Bogen um alles macht, was mit erhöhtem Aufwand verbunden ist. Ein paar ordentliche Kunstblutspritzer sind zu sehen, und wenn man genau und schnell hinschaut, kann man bei den vier, fünf sichtbar abgefeuerten Schüssen miese CGI-Mündungsfeuer erkennen.

Ach, und das Schauspiel erst ... Vorab: Selbstverständlich ist Beyond the Law eine Mogelpackung, was die Darsteller angeht. Geworben wird mit Steven Seagal und DMX, aber die haben nur Nebenrollen. Im Zentrum des Geschehens steht vielmehr Johnny Messner als Protagonist Frank Wilson, der zwar mit seinem Fünftagebart tatsächlich echt heruntergekommen aussieht, aber darstellerisch nie überzeugen kann. In Sachen Ausstrahlung hat er mich ein wenig an den Asylum-Regisseur und -Mimen C. Thomas Howell erinnert, und das ist nun gar nichts, was man auf der Habenseite verbuchen könnte. In den Actionszenen ist auch nichts Erwähnenswertes von ihm zu sehen – die meisten sind grausig zurechtgeschnippelt, was mit Blick auf das oben Gesagte schon mal auf einen hohen Ausschussanteil schließen lässt ...

Und Steven Seagal? Was ist nun mit Steven Seagal? Der spielt den Gangsterboss Augustino „Finn“ Adair (der Name passt so was von gar nicht) und, Überraschung ... sitzt herum. Und zwar nahezu ausschließlich. Es gibt nur zwei Szenen (na ja, immerhin), in denen er steht – einmal, als er innerhalb einer knappen Zehntelsekunde drei seiner untreuen Mitarbeiter erschießt und einmal, als er am Schießstand ein ganzes Pistolenmagazin leer ballert (und mit jedem Schuss mitten ins Schwarze trifft, klar). Ansonsten sitzt er herum, führt Gespräche und qualmt Zigarren von der Dicke einer handelsüblichen Fleischwurst. Immer. Sobald er keine Pistole in der Hand hat, nuckelt er an seinen fetten Zigarren herum. Ich weiß nicht, ob das immer die gleiche ist – wenn man ihm jedes Mal eine neue gegeben hat, war das halbe Budget weg.

Zack Ward, der als Desmond Packard zu sehen ist, qualmt gleichfalls ununterbrochen – zwar nur Zigaretten, aber dafür umso lauter. Dazu spielt er ebenso ununterbrochen mit seinem Zippo-Feuerzeug herum, was wohl irgendwie cool sein soll, aber schon nach fünf Minuten schrecklich aufgesetzt wirkt. Auch generell ist Zack Wards Art, hier den durchgeknallten Superfiesling zu geben, derart überzogen, dass er des Öfteren Gefahr läuft, damit einfach nur lächerlich zu wirken. Ich kenne ihn übrigens bereits aus dem Asylum-Heuler Blood Lake, in dem sich sogenannte Lampreys, sprich Killer-Neunaugen (!!) über die Einwohner irgendeines Kaffs in Michigan hermachen. Regie führte hierbei ... James Cullen Bressack! Ist Zack Ward sein Kumpel? Egal.

Als Detective Ray Munce ist der 2021 verstorbene multikriminelle Rapper DMX zu sehen, der hier auch schon jemanden kennt: Im vergleichsweise richtig guten Exit Wounds hat er mit Steven Seagal zusammengearbeitet. Er macht seine Sache ordentlich, was noch mehr für den alten Bill Cobbs gilt, der souverän und sympathisch Franks Nachbarn Swilley gibt. Auf weiblicher Seite sieht es auch nicht schlecht aus – Kim DeLonghi hat mir als Anwältin Ashley, die zu Franks Freundeskreis gehört, sehr gut gefallen (obwohl ich ihr die Anwältin nicht abgekauft habe), Saxon Sharbino ist als Charlotte sehr hübsch und Yulia Klass hat als selbstsicher grinsende Großganovin Karina zwei, drei coole Szenen. Der Score von Charlie Wilkins ist zu guter Letzt auch nicht übel – er kommt mit wuchtigen, gelegentlich von etwas Hip-Hop unterstützen Elektronik-Klängen daher und bringt in seinen besten Momenten durchaus Schwung in die Bude.

Es ist also nicht alles schlecht an diesem Film ... aber leider immer noch zu vieles: Beyond the Law ist ein anspruchsloser, bierernst angelegter, harter und vor allem extrem schäbiger kleiner DtV-Rachethriller, der über weite Strecken lahm und uninspiriert wirkt und in Sachen Action nur etwas Alibi-Krawall auf unterem C-Klassen-Niveau zu bieten hat. Man könnte ihm sogar noch völlig zu Recht vorwerfen, dass er seinen großen „Star“ nur als Lockvogel benutzt, aber Leute, die sich Steven-Seagal-Gurken ansehen, sollte man mit dieser Masche schon seit Langem nicht mehr aufs Kreuz legen können. Die wissen, was gespielt wird und haben auch hier keinen Grund, die Nerven zu verlieren: Nicht zuletzt weil Rachegeschichten immer ziehen, kann man sich auch von Beyond the Law noch hinlänglich unterhalten lassen, und wer wie ich eine ganz enge Beziehung zu Trash jedweder Art hat, findet sogar in Seagals Anti-Acting einen Quell der Freude. Irgendetwas im Kopf behalten wird man von alledem ganz sicher nicht, aber dort hat Kram wie dieser auch nichts zu suchen.

(07/24)

4 von 10 Punkten.





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