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Mit „The Riffs“ inszenierte Action-Spezialist Enzo G. Castellari im Jahre 1982 ein präapokalyptisches Endzeit-Action-Spektakel à la italiano: In der nahen Zukunft des Jahres 1990 wird der heruntergekommene New Yorker Stadtteil Bronx von bewaffneten Banden beherrscht, die ihn unter sich aufgeteilt haben. Dem „Manhattan Corp.“-Konzern wird Angst und Bange, als die jugendliche Ann, baldige Erbin und somit zukünftige größte Teilhaberin des Konzerns, dem korrupten, privilegierten Leben Ade sagt, um zukünftig an der Seite Trashs, dem berüchtigten Anführer der gefürchteten Riffs, in der Bronx zu leben. Man entsendet Polizist und Profikiller Hammer, um Ann gewaltsam zurückzuholen…

Castellaris Sause orientiert sich zwar unübersehbar an großen Vorbildern wie „The Warriors“ und „Die Klapperschlange“, ist aber eigenständig genug, um sich nicht als Plagiatskino bezeichnen lassen zu müssen. Außerdem wurde nicht wie so oft in Kieskuhlen oder auf Schrottplätzen gedreht, sondern an Originalschauplätzen in New York – und mit echten Mitgliedern der „Hell’s Angels“, die in der Komparserie zu finden sind und zudem am Set Sicherheitsdienst leisteten. Das Schöne an „The Riffs“ ist zudem, dass er gängige Actiongülle-Klischees umkehrt und fiese Straßengangs gegen einen noch viel fieseren Oberbullen kämpfen lässt, statt umgekehrt. Damit ist der Film bar jeden reaktionären Tonfalls, im Gegenteil: Er bedient sich quasi einer plakativen Klassenkampfthematik.

Größtenteils ist „The Riffs“ ein Wechselbad der Gefühle: Erstaunlich gute, technisch raffinierte Szenen, Choreographien und Schauspieler treffen auf unfreiwillige Komik und zahlreiche überraschende, skurrile Momente. So droht „The Riffs“ bisweilen innerhalb seiner großartigen Kulissen zu einer tuntigen Kostumschau zu werden, wenn nach „Warriors“-Vorbild eigentümlich gekleidete „Straßengangs“ durchchoreographiert um ihre Gegner herumschlawenzeln, statt wirklich Bedrohlichkeit auszustrahlen. Ähnlich verhält es sich mit Hauptdarsteller Mark Gregory als bezeichnenderweise auf den Namen Trash hörender Riffs-Anführer, den Castellari in einem Fitness-Studio kennenlernte und für seinen Film verpflichtete. Schwer zu glauben, dass Gregory seinerzeit erst zarte 17 Lenze auf dem nicht vorhandenen Buckel gehabt haben soll, durchtrainiert und muskelbepackt wie er war. Allerdings war er nun einmal kein gelernter Schauspieler, was man ihm allerspätestens dann anmerkt, wenn er unsicher durch die Bronx stolziert, als hätte er einen Besenstiel als Wirbelsäulenersatz im Hintern. An seinem Äußeren hingegen dürften sich nach Erscheinen des Films sämtliche Power-Metal-Bands der 1980er orientiert haben, mit langen, schwarzen, lockigen Zotteln heizt er auf seinem Ofen – der mit einem Plastiktotenschädel auf dem Schweinwerfer dekoriert wurde… Auf der anderen Seite haben wir mit Vic Morrow („Die Saat der Gewalt“) in der Rolle Hammers einen verdienten, angesehenen Schauspieler, dessen Comeback-Versuch nach „The Riffs“ beim Dreh des „Twilight Zone“-Spielfilms „Unheimliche Schattenlichter“ ein jähes Ende fand, als er bei einem tragischen Unfall von einem Hubschrauber enthauptet wurde. Er verleiht seiner Rolle die nötige Knurrigkeit und macht sich hervorragend als hassenswerte Exekutive des Großkapitals. In weiteren Rollen findet man Blaxploitation-Star Fred Williamson („Boss Nigger“) als Bandenführer „The Ogre“ und den aus zahlreichen italienischen Genrefilmen berüchtigten George Eastman („Man-Eater“) als Anführer einer weiteren konkurrierenden Gang. Die Nebenrollen sind ansonsten mit zahlreichen weiteren skurrilen Gestalten in abgefahrenen Kostümen besetzt, Hakenkreuzrocker treffen auf Rollschuhfahrer treffen auf peitschenschwingende Dominas treffen auf…

Während das Drehbuch als roten Faden sich Trash durch die Bronx schlagen und vor Hammer sowie den von selbigem durch ein Attentat gegeneinander aufgehetzten Gangs in Acht nehmen lassen muss und unschwer den solidarischen Zusammenhalt der Unterschicht gegen die mächtigen Oberen beschwört, punktet „The Riffs“ immer wieder mit originellen Ideen: So lässt Castellari eine dramaturgisch auf Duell-Präludium gebürstete Szene hochatmosphärisch und vor Spannung knisternd von einem Live-Open-Air-Schlagzeuger begleiten, der an seinem Kit sitzend der Szenerie ihren Rhythmus gibt. Eine meiner weiteren Lieblingsszenen ist, wie ein Gangmitglied auf das Dach eines fahrenden Autos springt und in großen Lettern „Shit“ auf die Windschutzscheibe sprüht. Derlei Momente ziehen sich durch den gesamten Film und tragen entschieden zu dessen Unterhaltungswert bei. Selbstverständlich kommt auch der Action-Anteil nicht zu kurz; es wird geprügelt, geschlitzt, geschossen und explodiert. Walter Rizzatis gelungener Soundtrack trägt zur Atmosphäre bei und versetzt direkt mit dem Titelthema in die passende Stimmung. Das Ende befriedigt den emotional aufgepeitschten Zuschauer mit einer fies-schönen Schlusseinstellung, die gerne noch etwas ausgewalzt hätte werden dürfen. Die Kombination aus technischer Finesse, kruder Action, ungewöhnlichen Ideen und Trash-Elemente macht aus „The Riffs“ letztlich ein überaus charmantes Filmvergnügen, das zu keiner Sekunde langweilt – ganz gleich, ob man gerade ernsthaft mitfiebert oder sich ins Fäustchen lacht. Italophile sowie aufgeschlossene Freunde der 80er-Filmkultur wissen das schon längst, für alle anderen lautet die Parole: Stock aus dem Arsch gezogen, aufs Totenkopfmofa geschwungen und ab in die Bronx!

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