Review

Dr. Flemming: "What do you see? What do you hear?"
Elizia: "Everything. God, the Devil, heaven, hell, like the guts of the world have been pulled inside out and I can see all of its organs."


Filme aus dem Independent-Sektor sind immer wieder für Überraschungen gut. Aktuelles Beispiel: Joe Badons Filmdebut The God Inside My Ear. Schon der Titel läßt schräges erahnen, und der Film selbst löst dann locker ein, was der Titel verspricht. Elizia (Linnea Gregg) ist geschockt. Eben hat ihr Freund Fred (Joseph Estrade als Jesus Christus-Lookalike) nach drei Jahren mit ihr Schluß gemacht, aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung. Als Grund nennt er spirituelle Erleuchtung, er schwadroniert begeistert über geheime Messages, Zauberer und Echsenmenschen. Als ob ihr seine phantastischen Faseleien einen Floh ins Ohr gesetzt hätten, ändert sich auch Elizias Leben drastisch. Sie hört Stimmen und Geräusche, sie hat seltsame Visionen, und sie ist überzeugt, daß Gott zu ihr gesprochen hat, als sie bei der Sendung eines Fernsehpredigers ihre Hände auf das TV-Gerät gelegt hat. Ihre paar Freunde sind besorgt, denken allerdings, daß sie aufgrund der Trennung eine vorübergehende Psychose entwickelt hat. Doch trotz ärztlicher Hilfe in Form des Psychotherapeuten Dr. Flemming (Collin Galyean) stellt sich keine Besserung ein, im Gegenteil. Ihre Visionen nehmen immer bizarrere Ausmaße an.

Und in dieser Hinsicht glänzt The God Inside My Ear so richtig. Egal, ob Elizia sich mit dem Hund der neugierigen Nachbarin unterhält, ob sie von einem mysteriösen Telemarketer, der alles über sie zu wissen scheint, gestalkt wird, oder ob ein Keramikgnom zu ihr spricht, das ist toll und phantasievoll umgesetzt und gleichermaßen komisch wie verunsichernd. Des Weiteren streut Badon immer mal wieder knallig-psychedelische Bilderfluten ein, die über die arglose Protagonistin hereinbrechen. Diese erinnern stark an farbenfrohe Drogentrips bzw. erscheinen so, wie man sich üblicherweise solche schillernde, faszinierende Trips vorstellt. Überhaupt wirkt der ganze Film wie ein schräger, surrealer Trip, der mit der Zeit eine immer unangenehmere und beunruhigendere Schlagseite bekommt. Diesbezüglich weist der Streifen - bestimmt nicht zufällig - einige Parallelen zu gewissen Filmen von Roman Polanski und David Lynch auf, ohne diese jedoch plump zu kopieren. Newcomer Joe Badon macht hier sein ganz spezielles und überaus eigenwilliges Ding, und er macht das sehr beachtlich. Sein Film ist gut photographiert und ansprechend gespielt, wobei insbesondere Linnea Gregg in der Hauptrolle positiv ins Auge fällt.

Allerdings muß ich anmerken, daß der circa achttausend Dollar (!) billige Streifen bei näherer Betrachtung gar nicht so originell ist, wie er auf den ersten Blick zu sein scheint. Badon bedient sich ohne falsche Scham aus dem reichhaltigen Genrepool, dreht die herausgepickten Versatzstücke dann durch den Fleischwolf und setzt sie neu zusammen, sodaß sie wieder frisch und innovativ wirken. Quentin Tarantino macht ja auch nichts anderes. Und seine Rechnung geht über weite Strecken auf. Im Laufe des Geschehens jongliert Badon mit seinen Ideen und streut zahllose Hinweise ein, die andeuten, wohin die Reise geht. Nicht alles ergibt am Ende Sinn, aber doch genug, sodaß man nicht unbefriedigt zurückbleibt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt - einige Hinweise sind so augenscheinlich, die kann man gar nicht übersehen - war für mich offensichtlich, was es mit Elizias Visionen auf sich hat. Und trotzdem hat mich die Auflösung berührt und auf eine gewisse Weise auch überrascht, was auf das Geschick des Filmemachers zurückzuführen ist. The God Inside My Ear ist ambitioniertes Genrekino aus der Indie-Ecke, so leidenschaftlich, gewitzt und (im positiven Sinne) verrückt, daß die paar Schwächen kaum ins Gewicht fallen.

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