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Nachts in einem Luxus-Apartment an der kalifornischen Küste: Eine Frau steht vorsichtig aus dem Bett auf, zieht sich ebenso leise an, stellt eine Kamera um und deaktiviert diverse Überwachungsmonitore. Ihr weiterhin schlafender Partner bemerkt von alledem nichts, bis sie in der Garage aus Versehen die Türe des Wagens berührt, was einen Alarm auslöst. Da ist es aber schon zu spät, noch etwas zu ändern: schnell rennt sie in den Garten, überklettert eine Mauer und erreicht nach einer weiteren Strecke durch einen abschüssigen Wald eine Straße, wo sie alsbald ein vorher bestelltes Auto mitnimmt - gerade noch rechtzeitig, denn der Besitzer des Luxus-Apartments ist ihr hinterhergerannt und schlägt das Seitenfenster ein. Mit Vollgas können die beiden Schwestern entkommen, der Verfolger bleibt zurück.
2 Wochen später ist die flüchtige Cecilia (Elisabeth Moss) bei guten Freunden (einem alleinerziehenden schwarzen Officer und seiner Teenie-Tochter) untergebracht und verarbeitet ihr Trauma, das sie zu der Flucht bewegt hat: Ihr Partner Adrian, mit Ende Dreißig eine Koryphäe auf dem Gebiet optischer Forschungen, war nebenher auch ein Kontrollfreak, der sie langsam aber sicher immer mehr eingeengt hatte, was die Mittdreißigerin Cecilia nach knapp zweieinhalbjähriger Beziehung im goldenen Käfig einfach nicht mehr ausgehalten hatte. Noch immer traut sie sich kaum auf die Straße, da sie in fast jedem fremden Mann ihren ex-Partner zu erkennen glaubt. Als sie einige Wochen später die Nachricht von dessen Selbstmord sowie einer ihr zugedachten stattlichen Abfindung von mehreren Millionen Dollar in Tranchen zu 100.000 monatlich erfährt, kann sie es immer noch nicht recht glauben. Denn trotzdem sie langsam wieder in ein normales Leben zurückfindet, glaubt sie untrügliche Zeichen wahrzunehmen, daß Adrian immer noch lebt und sie unsichtbar weiter terrorisiert...

Seine Erfahrung aus diversen Saw-Franchises konnte Regisseur Leigh Whannell 2 Jahre nach dem überzeugenden Sci-Fi-Thriller Upgrade auch in seinem neuesten Streifen Der Unsichtbare einbringen: Eine rätselhafte Geschichte beschwört eine spannende Atmosphäre herauf, und die nur rudimentär angerissenen Eckpunkte animieren den Zuschauer zum Mitraten, zumal die unglaublich klingende Geschichte der Hauptdarstellerin (von der diese jedoch felsenfest überzeugt ist) von ihren wenigen Bezugspersonen zurückgewiesen wird. Ist Cecilia, von der Beziehung psychisch schwer geschädigt, jetzt vollkommen durchgedreht, wie ihr Gastgeber Officer James (Aldis Hodge) wie auch Anwalt Tom (der Bruder des Toten, selbst zeitlebens von diesem unterdrückt und nun dessen Testamentsvollstrecker) vermuten, oder hat die verzeifelt um Fassung ringende Architektin tatsächlich etwas Reales beobachtet, was ihr nur keiner glaubt und sie daher mit allen Mitteln beweisen muß? Letzteres nimmt sie sich jedenfalls fest vor...

Neben der Thematik der unsichtbaren Bedrohung liefert der Film auch eine starke Frauenrolle: Cecilia ist nämlich keineswegs dumm und trotz ihrer schlimmen Erfahrungen durchaus in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen - und davon läßt sie sich auch durch diverse Rückschläge nicht abbringen. Selbst als sich ihre Freunde gegen sie wenden, bleibt sie mit bewundernswerter Zähigkeit bei ihrer Version der Geschichte. Dennoch vermag man bestenfalls Mitgefühl (aber keine Sympathie) für die Hauptdarstellerin aufbringen, was an der (ansonsten tadellos spielenden) Darstellerin Elisabeth Moss liegt: Die ist einfach viel zu wenig attraktiv für diese Rolle: Es fällt schwer zu glauben, daß diese graue Maus mit dem wenig schönen Gebiß die auserwählte Mutter der Kinder eines beruflich außerordentlich erfolgreichen und darüber hinaus attraktiven Multi-Millionärs sein soll.  

Zu den Pluspunkten zählt die filmtechnische Umsetzung des titelgebenden Sujets, die man tricktechnisch durchweg als gelungen bezeichnen muß. Schmerzlich vermißt wurde jedoch jeglicher Hintergrund dazu - und seien es nur ein paar halbgare, pseudo-wissenschaftliche Anmerkungen gewesen, aber dieser Aspekt geht leider völlig unter, während die Story im letzten Drittel dann das Tempo anzieht und mit einem Amoklauf in einer Polizeistation auch actionmäßig einiges zu bieten hat: nett anzusehen, aber im bisherigen Kontext (der da lautet: still und ohne großes Aufsehen) vollkommen unbegründet.

Auf die letzten Minuten des Films hätte ich dann gerne verzichtet, bringen sie die ungewöhnliche Geschichte doch zu einem erstens sehr vorhersehbaren und zweitens moralisch eher zweifelhaften Ende - ein offener Schluß, in dem das weitere Geschehen der Fantasie des Zuschauers überlassen bliebe, wäre hier vielleicht besser gewesen.
Abzüglich der angeführten Kritikpunkte bleibt Der Unsichtbare ein dennoch sehenswerter und über weite Strecken auch spannender Streifen, der Appetit auf zukünftige Werke Whannells macht. 7 Punkte.

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