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Venedig 1938: noch scheint es ruhig in der malerischen Stadt, allerdings mehren sich Anzeichen dafür, dass es doch bald Krieg geben wird. Vor diesem Hintergrund verliebt sich die attraktive, verarmte Witwe Clara (Senta Berger) in Mattia, den Freund ihres Sohnes. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die Claras Sohn mit zunehmender Dauer jedoch Unbehagen und Angst bereitet. Um ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern, versucht sie, ihren Sohn Renato mit der bildschönen Elena (Ornella Muti) zu verkuppeln, der Tochter eines sehr reichen venezianischen Geschäftsmanns. Doch das geht nach hinten los, denn Elena ist vielmehr an Mattia interessiert und schon bald verlässt dieser Clara, um mit Elena zusammen zu sein. Doch Clara denkt nicht daran, dass alles so passieren zu lassen.

Wunderschöne Fassaden, prächtige Bauten, die doch nur Kulissen sind, um die dahinterliegenden bürgerlichen Abgründe zu verbergen. Ein sehr beliebtes Thema gerade im europäischen Film, hier als italienische Produktion von 1978 unter Tonino Cervis Regie. Und es ist ein Fest für die Augen! Neben dem Offensichtlichen, also den beiden umwerfend schönen Hauptdarstellerinnen, sind die Kostüme erlesen, die Originalvillen, die Ausstattung, die opulenten Feste, auf die Elenas Eltern (Capucine als ihre Mutter) gehen… selbst die machthabenden Faschisten wirken wie aus dem Ei gepellt – nicht bedrohlich, sondern vielmehr wie geschäftstüchtige Bürger einer Handelsstadt. Und doch: Claras lange verstorbener Ehemann hat ihr nix als Schulden hinterlassen, sie muss Zimmer in der großen Wohnung untervermieten und schlägt sich mehr schlecht als recht als Klavierlehrerin durch. Sie und ihr Sohn, den sie bereits mit 17 bekam, sind Außenseiter, die sich etwas soziale Anerkennung durch ihre Bekanntschaften erhoffen.

Das ist nun nicht alles sehr kritisch, sondern eher melodramatisch und am Ende geradezu bitter-sarkastisch und das faschistische Regime ist auch nur Background der Geschichte… wobei das ja auch nicht schlimm sein muss. Cervis Film unterhält durch erlesene Darsteller, gute Bilder und schöne Ausstattungen, aber geht einem doch nicht wirklich nah, zu obsessiv ist vor allem Clara, überzeugend von Senta Berger verkörpert (im wahrsten Sinn des Wortes). Da ich gerne sexualisierte italienische Melodramen sehe (so wie „Anna-ich war ihm hörig“ mit Eleonora „Ich bin heiß“ Giorgi oder „When Love ist Lust“ mit Agostina Belli und Ewa Aulin), musste ich „Die nackte Bourgeoisie“ natürlich sehen. Er hat nicht die zwingende Kraft der beiden genannten Filme, er chargiert manchmal zu sehr zwischen Melodrama und Gesellschaftskritik, kann sich aber nicht ganz für eins der beiden Dinge entscheiden. Daher fehlt ihm etwas die Zugkraft, die für einen wirklich gelungenen Film wichtig wäre. Dennoch durchaus sehenswert und zu den beiden Hauptdarstellerinnen muss man eh nicht viel sagen! 6,5/10.

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