Review

Gesamtbesprechung

Diese fünfteilige Mystery-TV-Serie, eine Co-Produktion zwischen Italien und Großbritannien, funktioniert umso besser, je weniger man über den vertrackten Handlungsverlauf weiß. Aus diesem Grund beschränke ich mich auf das Nötigste und gehe nur grob auf die Ausgangssituation sowie die involvierten Figuren ein. Barbara Carey (Prunella Ransome) fliegt nach Rom, um ihre jüngere Schwester Mary Ann (Sherry Buchanan) zu besuchen. Wie sich herausstellt, ist die hübsche, blonde und blinde Musikstudentin seit etwa drei Wochen spurlos verschwunden. Da ihr die Polizei in Gestalt von Inspektor Casati (Fabrizio Jovine) nicht weiterhelfen kann, beginnt sie auf eigene Faust mit den Nachforschungen. Eine erste Spur führt zum zwielichtigen Fischer Enzo Lombardi (Gabriele Tinti), woraufhin sich Barbara zwecks Unterstützung an Martin Foster (Nicky Henson) vom britischen Konsulat wendet. Foster findet sofort Gefallen an der Frau, und zusammen fühlen sie Lombardi auf den Zahn. Der erwähnt schließlich, daß Mary Ann zuletzt mit einem seiner Bekannten, dem reichen und angesehenen David Malcolm (Jeremy Brett), zusammen war, welcher trotz einer Familientragödie - seine Frau und sein Sohn kamen bei einem Tauchunfall ums Leben - nach wie vor mit seiner Cousine Carol (Pamela Salem) und seinem Mann-für-alles Giulio (Vassili Karis) auf der von ihm gepachteten, zwischen Korsika und Sardinien liegenden "L'isola del gabbiano", der "Möweninsel", lebt. Barbara und Martin folgen der Spur.

Ah, Seagull Island, in unseren Breiten besser bekannt als Die Möweninsel. Ich kann mich noch gut erinnern, daß ich damals, als die Mini-Serie im September 1985 über die österreichischen Bildschirme flimmerte, gebannt vor der Glotze saß und das mysteriöse Geschehen förmlich aufsaugte. Obwohl die Erinnerung an die Handlung im Laufe der Zeit fast völlig verblaßt ist, kamen sofort wunderbar wohlige Nostalgiegefühle auf, als ich Seagull Island jetzt, nach über fünfunddreißig Jahren, dank Pidax endlich wiedersehen durfte. Natürlich hat die Serie mit ihren fünf, zwischen 42 und 45 Minuten langen Episoden, nun, den veränderten Sehgewohnheiten geschuldet, Staub angesetzt, doch überraschenderweise mindert dieser Aspekt die Wiedersehensfreude kein bißchen. Dies ist auch darauf zurückzuführen, daß es sich hierbei um eine hochwertige TV-Produktion handelt, was sich insbesondere im technischen Bereich positiv widerspiegelt. Seagull Island bietet zahlreiche formidable, vor Lokalkolorit strotzende Schauplätze, welche von Armando Nannuzzi (Silver Bullet) erstklassig in Szene gesetzt wurden. Seien es das Fischerdörfchen mit seinen alten Gemäuern, die Insel mit ihren schroffen Klippen, das wuchtige Anwesen nebst Umgebung, die Schwefelbäder, die Höhlen oder die faszinierende Unterwasserlandschaft, das ist alles sehr gut eingefangen, manchmal verstärkt durch die erlesene, unwirklich anmutende Szenenausleuchtung, die glatt aus einem Film von Dario Argento (Suspiria) stammen könnte.

Während auch die musikalische Untermalung von Tony Hatch, allen voran das mit einer melancholischen Note versehene Hauptthema, zu begeistern weiß, muß man Defizite in den Bereichen Erzählstruktur (der phasenweise konstruiert wirkende Plot mit seinen Seifenopern-Twists), Dramaturgie (der schleppende, episodenhafte Fluß mit Cliffhanger-Ausklang) und den schauspielerischen Darbietungen in Kauf nehmen. An den Hauptdarstellern gibt es wenig zu bekritteln, die agieren souverän. Prunella Ransome (¿Quién puede matar a un niño? aka Ein Kind zu töten...) gibt eine so hübsche wie starke und entschlossene Heldin ab, Nicky Henson (Syriana) steht seinen Mann als sympathischer Sidekick, Jeremy Brett (The Adventures of Sherlock Holmes) überzeugt als undurchschaubarer Inselkaiser und auch an Gabriele Tinti (Emanuelle nera) als sinistrem Fischer gibt es wenig auszusetzen. Als Schwachstelle entpuppen sich die Nebendarsteller wie Sherry Buchanan (Zombi Holocaust), Fabrizio Jovine (Luca il contrabbandiere) und Pamela Salem (Gods and Monsters), die zum Teil doch stark abfallen, vermutlich auch, weil ihre Rollen nicht allzu viel hergeben. Dennoch ist dieser etwas krude Mix aus Giallo-, Mad-Scientist-, Familiendrama-, Monsterfilm-, Slasher- und Seifenopern-Motiven geschickt und kurzweilig genug inszeniert, um bis zum Ende zu fesseln. Die letzte Episode ist dann durchwegs spannend und punktet mit einer überraschenden Auflösung. Wem der Sinn nach einem stimmungsvollen Mystery-Abenteuer mit viel Italo-Flair steht, der sollte den Ausflug auf Die Möweninsel wagen.

Einige Jahre nach der Erstausstrahlung stutzte man die etwa zweihundertzwanzigminütige Serie auf Spielfilmlänge zusammen. Dieser Rumpffassung spendierte man, wenn ich richtig informiert bin, in Italien sogar einen Kinostart, während sie in anderen Ländern direkt in die Videotheken wanderte. In Deutschland nannte man dieses Stückwerk dreisterweise Killermöven greifen an - Terror auf der Teufelsinsel. Wer sich damals aufgrund des Titels einen flotten Tierhorrorschocker erwartet hatte, der wird wohl dumm aus der Wäsche geschaut haben, gibt es in der Serie doch nur eine einzige Attacke dieser Vogelart, und die führt weder zum Tod noch zu groben Verletzungen. Das ist natürlich darauf zurückzuführen, daß die Möwen vieles sind, aber ganz bestimmt keine "Killermöven".

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