Einen Abgesang auf den klassischen Western würde man einem eher reifen Regisseur zutrauen, einem mit Erfahrung vor und hinter der Kamera, was vor einigen Jahren für jemanden wie Clint Eastwood prädestiniert gewesen wäre. Stattdessen wagen sich die jungen Brüder Graham und Parker Phillips heran und haben einige Mechanismen des Genres augenscheinlich gut studiert.
Der junge Cowboy Kip (Graham Phillips) ist vor Ort, als sich die indianische Zwangsprostituierte Waniya (Sydney Schafer) von ihrem Peiniger befreit. Kurz darauf bietet er ihr Unterschlupf auf der Ranch seines Vaters (Jamie McShane). Doch Kip hat die Rechnung ohne den Menschenhändler Paris (Shawn Hatosy) gemacht, der die junge Frau erneut verschleppt…
Mit Texttafeln weist die Geschichte auf ein zumeist totgeschwiegenes Thema hin: Zwangsprostitution und Menschenhandel amerikanischer Ureinwohnerinnen. Denn Tatsache dürfte sein, dass vor der Kolonialisierung kaum sexuelle Übergriffe stattfanden.
Überhaupt ist die Sicht auf Amerika und seine Geschichte recht düster gehalten und zugleich stellt es einige Traditionen verschwindender Lebensweisen in den Vordergrund. Denn Kips Farm soll verkauft werden, mit ihr das geliebte Pferd der verstorbenen Mutter. Die Berufsaussichten in dem Gebiet sind düster und während die einsam gelegene Ranch im Sonnenuntergang steht, ist sie unmittelbar von zahlreichen Windkrafträdern umgeben.
Gut und Böse sind hier klar unterteilt und ein Twist wird Genrekennern schon weit im Vorfeld abgenommen, wenn jemand in tadellos weißer Kleidung eingeführt wird, der sich auffallend entgegenkommend verhält. Überraschungen sind folgerichtig nicht zu erwarten und zuweilen fällt es der Erzählung sichtlich schwer, sich auf die wesentlichen Themen zu konzentrieren. Statt eines düsteren Thrillers erhält man über weite Teile ein Drama, bei dem einige Dialogpassagen zuviel Drive herausnehmen, besonders im Mittelteil will sich keine rechte Dynamik einstellen.
Dabei möchten die Gebrüder Phillips möglichst viel anschneiden: Vergangenheitsbewältigung (auch unter historischen Gesichtspunkten), Freundschaften zwischen Weißen und Indianern, dazwischen die kriminellen Machenschaften, bei denen auch die Ölarbeiter involviert sind, dazu ein klassisch agierender Sheriff und natürlich Held und Love Interest, wobei der letzte Punkt mit kleinen erfrischenden Nuancen daherkommt: Der junge Held darf regelmäßig ein paar Tränen vergießen und trotz weiblicher Opferrolle schlummert in Waniya deutlich mehr.
Dass die Regisseure durchaus imstande sind, spannende Momente abzuliefern, offenbart eine kleine Hatz zwischen gestapelten Ölrohren. Hier stimmen Kamera und Timing, während einige Abläufe erneut an den klassischen Western erinnern, gleiches gilt für einige Szenen beim Finale. Andere Momente muten hingegen etwas zu unübersichtlich an, wenn es zu nächtlicher Zeit zum Überfall kommt und die Kamera eher an den Gesichtern klebt, anstatt zu bebildern, was die dazugehörigen Figuren unternehmen.
Jene werden durch die Bank überzeugend dargestellt. Als Greenhorn und kleine Heulboje macht sich Co-Regisseur Graham Phillips ganz gut als Kip, während Shawn Hatosy als Bösewicht angenehm zurückhaltend performt und dadurch eine entsprechende Unberechenbarkeit transportiert. Obgleich Sydney Schafer über weite Teile als passives Opfer herhalten muss, hat auch sie ihre starken Momente, was für einige andere Mimen, selbst in Nebenrollen gilt.
Kleine Längen innerhalb der 115 Minuten hätte man durch stärkere Fokussierung eventuell besser kaschieren können, denn es ist spürbar, wie ambitioniert die jungen Regisseure an den etwas zu voll gepackten Stoff herangingen. Dieser kann sich unterm Strich sehen lassen, optisch, akustisch und darstellerisch ist wenig auszusetzen und wer hin und wieder etwas Westernluft schnappen möchte, könnte eventuell ansatzweise fündig werden.
6 von 10