Kenneth Branagh ist bekannt für seine Darstellung und Inszenierung von Theaterstoffen, die er fürs Kino adaptierte. Er inszenierte 1 Mord für 2, ein Zwei-Peronen-Stück, ebenso wie zahlreiche Shakespeare-Stoffe, in welchen er teilweise gar die Hauptrolle übernahm (z.B. Heinrich V.). Dass er als Schauspieler in Kurzfilmen mitwirkt, passiert jedoch vergleichsweise selten.
Schneider's Second Stage, so der Titel einer dieser seltenen Ausnahmen in der Karriere des Edelmimen, lebt von Branaghs Performance. Der 15-Minüter lebt von seinem differenzierten Spiel zwischen Angst und Wahn, zwischen Paranoia und Schock. Branagh gelingt es vorzüglich und mit gefangen nehmender Eindringlichkeit, die Verzweiflung der von ihm verkörperten Figur Joe zu zeichnen.
Besagter Joe wird auf einem Feld, umgeben von Hochspannungsmasten, von einem ihm unbekannten Mann angerufen. Dieser fordert von ihm, den Kofferraum seines Wagens zu öffnen. Dort findet Joe die Leiche eines 10-jährigen Mädchens. Panisch droht er dem Unbekannten am Telfon mit der Polizei, doch dieser gibt vor, DNA von Joe auf das Mädchen verteilt zu haben. Joe gehorcht seinem Plan, das Mädchen an einem bestimmten Platz im Wald zu vergraben und lässt sich von dem Unbekannten dahin dirigieren. Dort lauert ein schreckliches Geheimnis.
Ein abgelegener Ort, ein Telefon und eine psychopathologische Hauptfigur: mehr Zutaten braucht Regisseur Phil Stoole nicht, um in seiner bis dato einzigen Regiearbeit Spannung zu erzeugen. Zudem kann Schneider's Second Stage mit einer unglaublich dichten Atmosphäre punkten: mittels subtiler, aber unheilvoller Musik und überlauten Atmo-Geräuschen vom Knistern der Hochspannungsmasten wird eine beklemmende Stimmung erzeugt.
Die Optik dieses Kurzfilms ist jedoch zwiespältig zu betrachten: Einerseits wird durch die realistische, stets durch geringe Kontraste auffallende Optik und eine große Nähe zum Geschehen aufgebaut, andererseits wirkt Schneider's Second Stage genau aus diesem Grund nur bedingt professionell und fast schon amateurhaft inszeniert. Wenn die Kamera stets in Bewegung ist und kaum zur Ruhe findet, hinterlässt das einen ähnlichen Eindruck. Einige Schnittfolgen wirken durch ihre impulsive Unkoordiniertheit schlicht, als würde man sich einen Film von Exploitation-Amateurfilmer Andreas Bethmann anschauen - und das ist wahrlich kein gutes Zeichen.
Auch die Auflösung gestaltet sich nicht wirklich originell für den Horrorfilm- oder Thriler-Fan - trotz der ihr inhärenten Überraschung. Mit Konventionen und einigen Logiklöchern wird dabei nicht gespart, allerdings bettet sich das Ende sinnvoll in das zuvor Gesehene ein. Branaghs eindringlichem Spiel ist es zu verdanken, dass Schneider's Second Stage und seinem Skript nie die Vorwürfe der Trivialität oder Belanglosigkeit anhaften. Gemessen an den anderen Darstellern - besonders den zwei Polizisten gegen Ende - welche gegen seine Performance deutlich abfallen, ist dies nicht selbstverständlich.
Ein sehenswerter Horror- oder Psychothriller, der von seiner Atmosphäre, seiner Spannung und seinem großartig agierenden Hauptakteur lebt und besonders auf inhaltlicher und optischer Ebene einige Mängel aufweist. Alles in allem aber ein fieses Filmchen mit netter Pointe. (6/10)