Spenser Confidential (Netflix Marke Eigenbau 3)
Mark ist Peters Berg der Wahl. Filmemachen ist wie Bergsteigen, es ist oft ein steiniger Weg zum Gipfel. Erfahrung ist dabei sicherlich ein ganz zentraler Faktor, aber ein vertrautes, gut eingespieltes Team kommt gleich dahinter. Schauspieler Mark Wahlberg und Regisseur Peter Berg sind ein solches, der launige Actionthriller „Spenser Confidential“ ist bereits ihre fünfte Kollaboration. Für Peter hat Mark schon einen Navy SEAL-Soldaten („Lone Survivor“, 2013), einen Bostoner Streifenpolizisten („Boston“, 2016), den Cheftechniker einer Ölbohrinsel („Deepwater Horizon“, 2016) sowie den Elite-Agenten einer Spezialeinheit („Mile 22“, 2018) zum Leinwandleben erweckt. Der Ex-Cop und Do it yourself-Privatdetektiv Spenser fügt sich da bestens ein, soll heißen, auch Wahlbergs fünfter Berg-Charakter ist ein harter Hund mit weichem Herz.
Weil er einen Vorgesetzten, der Eheschwierigkeiten gern mit den Fäusten regelt, krankenhausreif prügelt, wandert der Bostoner Cop Spenser für fünf Jahre hinter Gitter. Nach verbüßter Haft kommt er erst einmal bei seinem ehemaligen Boxtrainer Henry (Alan Arkin) unter, allerdings muss er sich das Zimmer mit einem mürrischen MMA-Fighter in Spe teilen (Winston Duke) und die rüden Verbalattacken seiner Ex-Freundin Cissy (Iliza Shlesinger) erdulden. Ein beschaulicher Neuanfang sieht anders aus, zumal Spenser kurz darauf auch noch unter Mordverdacht gerät. Ausgerechnet sein Intimfeind Captain Boylen wird nur einen Tag nach Spensers Entlassung erschlagen aufgefunden. Aber der Wind dreht sich erneut. Als die Polizei in Rekordzeit einen Täter aus den eigenen Reihen für den Mord an Boylen präsentiert, der auch noch praktischerweise Selbstmord begangen hat, ist Spenser ebenso schnell entlastet wie vorher belastet. Er könnte sich nun also entspannt seiner Zukunft widmen, aber der Cop und Gerechtigkeitsfanatiker in ihm meldet sich vehement zu Wort und wittert eine Verschwörung. Ein neuer Spenser tritt nun auf den Plan: der private Ermittler.
„Spenser Confidential“ ist nach „6 Underground“ die zweite prestigeträchtige und hoch budgetierte Action-Offensive des Streaming-Riesen Netflix binnen kürzester Zeit. Vor allem aber ist sie die bessere. Zwar darf hier wie da ein actionerprobter Star wie am Fließband launige Sprüche und böse Buben klopfen, aber die Kombination Berg-Wahlberg ist in Summe dann doch ein gutes Stück sympathischer als das Duo Bay-Reynolds. Während ein von der Leine gelassener Michael Bay seinen Spleens wie großkalibriger Rummelplatzaction, derbem Zynismus und breitbeinigem Machismus frönt, ist Peter Berg, ebenfalls seinem Regie-Naturell entsprechend, betont bodenständiger unterwegs. Beide stellen ihren Helden ein Team an die Seite, aber während Reynolds Avengers-Trupp permanent unter der Gürtellinie kalauert und ganz nebenbei eine superheldische Wundertat nach der anderen vom Stapel lässt, ist der Humor bei Wahlbergs Schnüffler-Quartett deutlich dosierter und trockener und die Actioninszenierung deutlich mehr der Realität verbunden.
Die beiden Alphatiere vor der Kamera passen sich diesen unterschiedlichen Stilen punktgenau an, sind aber auch jeweils bewusst so gecastet. Ryan Reynolds Quasselstrippen-Ruf ist nicht erst seit „Deadpool“ virulent und Mark Wahlberg nicht erst seit „Shooter“ der lässig-coole Loner der Tat. Selbst Michael Bay hat in den beiden gemeinsamen "Transformers"-Sequels nicht versucht den Typen zu transformieren. Berg kennt seinen Starkumpel ohnehin aus dem Effeff und weiß ganz genau um dessen Stärken.
Wahlbergs Helden sind immer toughe Kerle, aber haben eben auch stets eine verwundbare, verletzliche Seite. Sie können ordentlich austeilen, müssen aber auch meist entsprechend einstecken. Sie setzten auf Werte wie Familie, Freundschaft, Loyalität, sind hilfsbereit und einsatzfreudig. Oftmals steht ihnen ihre angeborene Sturheit und ein streng ausgelegter Moralkodex im Weg, was die Gegenseite gerne ausnutzt. Solch altmodische Helden sind ein wenig aus dem Fokus geraten im von Superhelden und anderen Übermenschen bevölkerten Actionkino der Moderne. Um so wohltuender ist es, mal wieder einen Protagonisten zu sehen, den auch die Herren Wayne, Eastwood und McQueen adäquat verkörpert hätten.
So lebt „Spenser Confidential“ auch vor allem von der Präsenz Wahlbergs unter der Interaktion mit seinen drei Mitstreitern. Netflix-Komödiantin Iliza Shlesinger und Showbiz-Multitalent Alan Arkin lockern als frotzelnde Sidekicks den Krimiplot immer wieder humoristisch auf und lenken damit auch ein wenig von dessen Vorhersehbarkeit und nicht gerade reißerischer Spannung ab. Das größte Plus ist aber Zweimeterriese Winston Duke, der in bester Buddy-Movie-Manier den Gegenpol zum aufbrausenden und virilen Wahlberg gibt. Die beiden optisch wie charakterlich so unterschiedlichen Typen sind ein schlagkräftiges Duo, was dem Zuschauer weit mehr entgegen kommt als den bösen Buben. Hawk lässt den armen Spenser gern mal auflaufen oder zappeln, ist aber im entscheidenden Augenblick immer zur Stelle. Sicher ein ebenfalls etwas aus der Mode geratenes Konzept, das aber offenbar - wie aktuell der unerwartete Erfolg des späten "Bad Boys"-Sequels zeigt - vom Kinopublikum schmerzlich vermisst wurde.
Man kann also mit "Spenser Confidential" eine Menge Spaß haben, Bereitschaft und Sympathie zu Entschleunigung und Retrocharme vorausgesetzt. Der fünfte gemeinsame Film von Peter Berg und Mark Wahlberg ist ein lässig inszenierter, locker erzählter und launig gespielter Copthriller, der gar nicht erst versucht das Genre neu zu erfinden oder gar als Referenzwerk zu punkten. Hier heißt es sich entspannt zurück lehnen und genießen. In Zeiten geschlossener Kinos und entsprechendem Nachschub-Entzugs ist ein solcher Streaming-Happen für zwischendurch beinahe schon ein Leckerbissen.