„Wenn ein Bauer im Dorf stirbt, schlachtet man einen Hammel und isst zusammen, bevor man seine Herde übernimmt.“
Falke (Wotan Wilke Möhring) zum Dreizehnten, Falke mit Grosz (Franziska Weisz) zum Siebten: Das Hamburger BKA-Ermittlungsduo ruft es in Regisseurin Mia Spenglers („Back For Good“) „Tatort“-Debüt auf den Kiez. Das Drehbuch stammt von Georg Lippert. Erstausgestrahlt wurde der im Frühjahr 2019 gedrehte Fall am 9. Februar 2020, seine Premiere hatte er da aber bereits am 29. September 2019 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert.
Der junge Rumäne Matei Dimescu (Bogdan Iancu, „Oh, Ramona!“) ersticht auf Hamburg-St. Pauli Johannes Pohl (Till Butterbach, „Systemsprenger“), den Filius des ehemaligen Rotlichtmagnaten Egon Pohl (Christian Redl, „Spreewaldkrimi“), brutal vor dessen Wohnung, lässt jedoch u.a. sein Smartphone am Tatort zurück. Zu dumm, dass er sein Rückfahrticket in die Heimat lediglich auf dem Gerät gespeichert hat. Es handelte sich um einen Auftragsmord für eine lächerlich geringe Summe, was neben der Bundespolizei auch Pohls ehemaligen Bediensteten Michael Lübke (Michael Thomas, „Import Export“) auf den Plan ruft, der die Leiche als Erster entdeckt hatte. Er macht den Jungen ausfindig, eigentlich fest entschlossen, ihn umzubringen. Er bringt es jedoch nicht fertig und entwickelt andere Pläne für den Nachwuchs-Killer. Bei der Frage nach den Auftraggebern fällt der Verdacht schnell auf die albanische Kiezmafia um Krenar Zekaj (Slavko Popadic, „Bonnie & Bonnie“), die erfolglos versucht hatte, einen Bordellbetrieb von Roman Kainz (Roland Bonjour, „Heute oder morgen“) zu übernehmen, dessen Schwester Carolin Sehling (Deborah Kaufmann, „Zuckersand“) als Betreiberin einer Stiftung zur Förderung hochtalentierter, aber mittelloser Kinder wiederum mit dem ganzen Milieu so wenig wie möglich zu tun haben möchte. Als die Bundespolizei auf Lübke trifft, treffen sich zwei alte Bekannte wieder: Falke und Lübke kennen sich aus ihrer gemeinsamen Kiezzeit, Falke hatte dort einst als Türsteher gearbeitet…
Das klassische Whodunit? wird abgewandelt, denn der eigentliche Täter steht von vornherein fest, seine Tat wird direkt zu Beginn in an die Nieren gehenden Bildern festgehalten: Der rumänische Junge ist kein Profikiller, sondern ein ultranervöser Amateur, der sich für eine Handvoll Euro hat anheuern lassen. Es stellt sich jedoch die Frage nach dem Hintermann und dessen Motiv. Beides scheint indes schnell auf der Hand zu liegen: Die ins Rotlichtmilieu drängenden Albaner waren’s, weil man ihnen keinen gut laufenden Bordellbetrieb überlassen wollte. Schluss macht „Die goldene Zeit“ jedenfalls mit jeglicher Kiezromantik, nicht aber mit Kieznostalgie: In urbaner Neo-Noir-Atmosphäre wird mit unruhiger, permanente Anspannung suggerierender Kamera ein realistisch-dreckiges Bild der „sündigen Meile“ gezeichnet. Sex-Arbeit als knallhartes Geschäft zwischen gescheiterten Existenzen und Gewalt, allen Beteuerungen des aalglatten Roman Kainz zum Trotz, streng seriös und legal zu operieren.
Die Nostalgie bricht sich Bahn, wenn der abgehalfterte Lübke an die titelgebende „goldene Zeit“ zurückdenkt, in der der mittlerweile demente und auf Pflege angewiesene Egon Pohl große Teile des Geschäfts bestimmte – und Lübke mit Falke befreundet war. In schummrigen Spelunken trifft man sich nun und lässt vergangene Zeiten sehnsüchtig und melancholisch Revue passieren. Die Freundschaft zwischen Lübke und Falke ändert jedoch nichts daran, dass Lübke der Polizei wichtige Informationen vorenthält, während sich zwischen ihm und dem trotz allem fast schon bemitleidenswerten Jungen eine besondere Beziehung irgendwo zwischen Beschützerinstinkt und Manipulation entwickelt – in ihrer Sensibilität und Ambivalenz eines der Glanzlichter dieses „Tatorts“. Als neue Figur wird LKA-Kollege Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) eingeführt, der Falke und Grosz bei ihrer Arbeit unterstützt, ansonsten aber nicht weiter auffällt.
Reales Vorbild dieses Falls: Im Jahre 2018 soll das Hamburger Mongols-Oberhaupt blutige Rache am Hells-Angels-Boss genommen haben, indem er einen Mitte zwanzigjährigen Bulgaren mit dessen Mord beauftragt habe. Der eigens aus Bulgarien angereiste Auftragsmörder gab auf offener Straße mitten auf dem Kiez mehrere Schüsse auf sein Opfer ab, das den Anschlag überlebte, seither jedoch querschnittsgelähmt ist. Tatsächlich gab es immer mal wieder Versuche ausländischer Clans und Gangs, die Vormachtstellung im Rotlichtgeschäft auf dem Hamburger Kiez zu erlangen, Medienberichterstattungen zufolge halten jedoch nach wie vor die Hells Angels die Zügel fest in der Hand.
Insofern vermittelt dieser „Tatort“ vermutlich einen recht falschen Eindruck. Andererseits handelt es sich um einen fiktionalen Fall, was insbesondere die finale Wendung, die zur Lösung führt, verdeutlicht. Diese ist einmal mehr der überbordenden Fantasie der Autorenschaft zuzuschreiben und umgeht eine eindeutige Schuldzuweisung innerhalb des mörderischen Milieukonflikts, die wiederum ihren Höhepunkt auf der Dachterrasse des Albanerquartiers in Form eines tragisch-dramatischen Showdowns findet, reichlich dick aufträgt und innerhalb der „Tatort“-Logik der Gerechtigkeit genüge tut. Als halbwegs stimmige Annäherung ans Kiezmilieu weitab von Party, Romantisierung oder überzeichnetem Action-Thrill ist „Die goldene Zeit“ jedoch recht sehenswert. Und nicht zuletzt sehe ich mich darin bestätigt, welche Gefahr von ausschließlich auf mobilen Endgeräten gespeicherten Tickets ausgeht...