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Eine Gaststätte an einer Bushaltestelle irgendwo im Norden Finnlands ist der Endpunkt einer langen Reise, die ein chinesischer Vater mit seinem Sohn unternommen hat, um einen alten Bekannten wiederzutreffen. Zunächst fallen Cheng (Pak Hon Chu) und sein 8-jähriger Filius nicht weiter auf, außer daß sie sich unter höflichen Verbeugungen bei anderen Gästen nach einem bestimmten Namen erkundigen, doch als das Lokal schließt, sitzen sie immer noch da. Besitzerin Sirkka (Anna-Maija Tuokko), die einzige Bedienung und gleichzeitig auch Küchenchefin, bietet den beiden, die offenbar kein Quartier haben, einen Schlafplatz in einem abseits gelegenen kleinen Haus an, was dankend angenommen wird. Das Spiel mit der (vergeblichen) Erkundigung nach dem Namen wiederholt sich auch in den nächsten Tagen, doch niemand scheint eine entsprechende Person oder Ortschaft zu kennen.
Als eine asiatische Busreisegruppe vor der Tür steht und deren Führerin sich bei Sirkka nach dem Menü erkundigt, greift Cheng das erste Mal helfend ein und zaubert statt der eintönigen Hausmannskost aus Würstchen und Kartoffelpüree eine den Gästen bekannte fernöstliche Speise. Befügelt durch den Erfolg dieses exotischen Rezepts kauft Sirkka, deren Gaststätte schlecht läuft, nun erstmals abwechslungsreiche Zutaten ein, die Cheng, der sich als ehemaliger Chef de Cuisine aus Shanghai herausstellt (woher der titelgebende Master Cheng rührt), auch zur Freude der zahlreicher werdenden einheimischen Gäste verarbeitet...

Mika Kaurismäki, der ältere Bruder von Aki Kaurismäki, hat hier einen veritablen "Wohlfühlfilm" gedreht, bei dem sich aus der anfänglichen Suche nach einem Bekannten ganz allmählich eine Lovestory herauskristallkisiert, die auf ganz unspektakuläre Weise Menschen aus den entferntesten Teilen der Welt zusammenführt. Die Protagonisten, die beide auf eine jeweils unglückliche Vergangenheit zurückblicken, sind keineswegs füreinander vorbestimmt und gehorchen darüberhinaus auch nur dem Gebot der Stunde, aus der küchentechnichen Not eine Tugend zu machen; daß dies trotz fehlender gegenseitiger  Sprachkenntnisse gelingt und die beiden Herzen im Lauf des Films über das Kredenzen lukullischer Genüsse zueinander finden, macht das besondere Flair von Master Cheng aus.

Tatsächlich nämlich gehört der gesuchte Name einem einstigen finnischen Gast in China, der Cheng damals aus einer unangenehmenen Situation herausgeholfen hatte und für die sich der höfliche Chinese nun bedanken möchte. Doch der Finne ist verstorben und mit ihm der Zweck der Reise - die bevorstehende und unvermeidliche Rückkehr ins Reich der Mitte wird nur durch Sirkkas zwar spontane, aber mit viel Selbstüberwindung verbundene Bitte nach weiterem Aufenthalt vorläufig verhindert. Ihre vage Kalkulation, für die ererbte und (für die bislang nur wenigen Gäste) viel zu große Gaststätte mittels chinesischem Küchenchef endlich einmal schwarze Zahlen schreiben zu können, hat zu diesem Zeitpunkt rein wirtschaftliche Hintergründe. Cheng selbst, dessen Gedankenwelt hinter der stets höflichen Mimik noch viel schwerer zu erahnen ist, mag diesem Wunsch auch in Hinblick auf seinen Sohn, der sich in der dörflichen Gegend wohlfühlt, nachgegeben haben - eine emotionale Bindung zu der alleinstehenden, hart arbeitenden blonden Enddreißigerin ist auch bei ihm nicht auszumachen. Erst der kulinarische Erfolg bei den Gästen führt die beiden Herzen mit ihren doch so konträren Lebensläufen schließlich zusammen.

So angenehm sich diese Romanze, die erfreulicherweise auf jeglichen Traumschiff-Kitsch verzichtet und den Zuschauer stattdessen neben herrlichen Landschaftsaufnahmen aus Lappland auch mit kleineren humoristischen Einlagen erfreut (wie den beiden alten Stammgästen, deren anfängliche Skepsis gegenüber der chinesischen Küche zunehmender Begeisterung weicht), so wunderbar leicht sich dieser Plot auch mitverfolgen läßt, so wenig realistisch ist er allerdings auch: Zwar läßt Kaurismäki am Schluß noch ein Problem mit der finnischen Aufenthaltsbehörde einfließen, doch ansonsten lösen sich all die kleineren Widrigkeiten, die dem ungleichen Paar gegebenenfalls im Wege stehen, in Wohlgefallen auf. Auch ist Cheng kein Arbeitsmigrant, der sich seinen Platz in einer neuen Welt erst erobern muß, sondern ein Spitzenkoch mit Reisekasse, und die nicht unattraktive Sirkka mit dem geerbten Lokal darf ihrerseits ebenfalls als durchaus "gute Partie" bezeichnet werden. Somit geht der weitgehend konfilktfreie Master Cheng also weniger als Multikulti-Lovestory mit Vorbildwirkung durch, sondern eher als modernes Märchen: So wünscht man sich die Welt, wohl wissend, daß die Realität anders aussieht.
Prädikat: Entspannend, leicht zu konsumieren und betont positiv: 8 Punkte.

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